Wenn Games auf dem Friedhof landen

Wer erinnert sich in 100 Jahren noch an «Pong» und Co? Spielefreunde sorgen sich um das kulturelle Erbe der Videogames.

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Die mittlerweile grösste zeitgenössische Kulturindustrie hat ein Problem: Sie geht verloren. Für das kulturelle Gedächtnis sind Games – Video- und Computerspiele – nach wie vor Exoten und kaum bewahrenswert, während Museen und Bibliotheken anderen Kulturgütern zum Weiterleben verhelfen. Dafür gibt es in Spielerkreisen sogar einen eigenen Begriff: «Abandonware», aufgegebene Software. Wichtigster Grund für das Verlorengehen alter Spiele ist der technische Fortschritt: Heutige Hardware ist keine Hilfe, wenn man ein Amiga-Spiel auf 3,5-Zoll-Diskette zum Laufen bekommen möchte. Im besten Fall hilft sogenannte Emulatorsoftware dabei, ältere Spiele nachzuerleben.

Einer, dem das Sorgen macht, ist René Bauer. Bauer unterrichtet Gamedesign an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Es versteht Spiele als erhaltenswerte Kultur, auf einer Stufe mit Literatur oder Film. «Wir werden mit Spielen sozialisiert, sie sind prägende Erfahrungen für uns», sagt Bauer, der am ZHDK-Gamelab ein Museum für alte Spiele und Gamehardware unterhält. Dort lagern Nerdschätze vergangener Jahrzehnte, vom Atari 2600 über das Sega Megadrive bis hin zum ersten Gameboy von Nintendo.

Im Graubereich der Legalität

Laut Bauer sind besonders alte PC-Spiele anfällig dafür, im digitalen Nirwana zu verschwinden. Grund ist die begrenzte Lebensdauer von Disketten. Dort ende das Problem aber nicht. Ist es möglich, ältere Spiele auf neueren Geräten zum Laufen zu bringen, ist immer noch offen, ob der Rechteinhaber dies auch erlaubt. Das herauszufinden, ist eine Herausforderung für sich: «Um die Rechte abzuklären, müssen Sie erst einmal wissen, wo diese liegen.» Das sei nach Jahrzehnten oft nicht mehr festzustellen, weil etwa die betroffenen Firmen gar nicht mehr existierten. Trotzdem habe man keine Sicherheit, ob etwas legal sei: «Man bewegt sich in einer legalen Grauzone», so Bauer.

Zunehmend ist nicht nur das Verlorengehen von Datenträgern ein Problem. Dem Bewahren von Spielen macht auch die neue Art des Vertriebs einen Strich durch die Rechnung. Software ist nicht länger nur an Hardware, sondern auch an Plattformen geknüpft. Wer einem der App Stores den Rücken kehrt, kann die dort gekauften Applikationen nicht mehr nutzen. Dem können sich auch Spiele nicht entziehen: Der elektronische Vertrieb macht das Log-in zur Pflicht, Titel sind an einen Shop gebunden. Verschwindet ein Spiel aus einem App Store, ist es praktisch aus der Welt. So geschehen unlängst beim kontroversen Minigame «Flappy Bird». Dasselbe gilt für andere Plattformen: Hat der Entwickler ein Facebook-Spiel einmal von der Seite genommen, ist es für die Fangemeinde verloren.

Anwalt statt Museum

Die Spielebranche verpasse es, ihre Produkte zu bewahren, so Bauer. «Die Unternehmen sehen Games nicht als Kulturgüter wie die Spieler, sondern eher als Konsumartikel.» Aus diesem Grund springen oft Fans in die Bresche. Dieselben Spielercommunitys, die auch Mods für Spiele veröffentlichen, arbeiten oft Jahre später an diesen weiter. So etwa beim Rollenspiel «Vampire: Bloodlines»: Entwickler Troika Games ging pleite und stellte kurz nach Veröffentlichung des Spiels 2004 den Betrieb ein. Daraufhin wurden Fans aktiv. Sie halten das Spiel seither am Laufen und behoben sogar Fehler, die das Original plagten. Bei solchen Engagements ist stets die Frage, ob die Fans legal handeln. Laut der Spieleindustrie nicht, die jegliches «Hacking» ihrer Titel als illegal betrachtet. Ausnahmen würden «das Prinzip Urheberrecht untergraben», fürchtet der Branchenverband ESA.

So hat ein Fan-Remake des Spiels «Vampire: Bloodlines» kürzlich vom Rechteinhaber die Rote Karte bekommen. Die Spieler wollten den Titel neu auflegen und grafisch modernisieren.

Remakes sind die Ausnahme

René Bauer wünscht sich, dass Spielefirmen auch auf die Bewahrung ihrer Titel hinarbeiten. Einzelne Spielefirmen übernehmen die Pflege ihres Erbes schon selbst. So sind Neuauflagen älterer Titel im Trend, unlängst haben Spieleklassiker wie «Monkey Island» Remakes erhalten, bisher ist das aber eine Randerscheinung. Spezialisierte Onlineshops wie Good Old Games haben das Wiederbeleben einzelner Spieleklassiker zum Geschäftsmodell erhoben. Gleichzeitig sind auch Non-Profit-Organisationen dabei, Abandonware ein neues Zuhause zu geben. Die Website Archive.org bietet seit kurzem das kostenlose Spielen alter Titel via Emulator an. Ob solche Initiativen aber weiterhin möglich seien, hänge von der Spieleindustrie ab, so Bauer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2015, 17:03 Uhr

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