«Wenn Sie mit dem Risiko nicht leben können, verzichten Sie aufs Internet»

Wegen der Datenlecks sei bislang noch keiner gestorben, sagt Technikphilosoph Sandro Gaycken. Die Schäden hielten sich in Grenzen. Und doch kritisiert er Firmen, die zu wenig für die Sicherheit machen.

Das Internet-Banking ist hier kein Risiko: Bei Postfinance wird es von den Kunden nicht als gefährlich eingestuft.

Das Internet-Banking ist hier kein Risiko: Bei Postfinance wird es von den Kunden nicht als gefährlich eingestuft. Bild: Keystone

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Ein Datenklau folgt dem nächsten. Nun sind auch bei Sony Daten von 77 Millionen Playstation-Nutzern weggekommen. Waren auch Sie geschockt?
Mässig. Es war eine Frage der Zeit, bis Hacker wieder zuschlagen. Seit es das Internet gibt, ist die Datensicherheit ein Problem. Natürlich ist der Playstation-Fall gross. Betroffen sind fast so viele Nutzer wie Deutschland Einwohner hat.

Müssen wir also damit leben, dass unsere Daten gestohlen werden?
In gewissem Masse, ja. Es gibt kaum ein Sicherheitssystem, das Hacker nicht früher oder später knacken können.

Das kann doch nicht sein.
Doch. Das liegt in der Natur der Sache. IT ist angreifbar. Nehmen wir Microsoft. Das System besteht aus 80 Millionen Programmzeilen. Die Fehlerquote beträgt zwischen eineinhalb und fünf Prozent. Diese Schwachstellen bieten Angriffsfläche. Grosse und komplexe Rechennetzwerke sind unübersichtlich und schwer zu kontrollieren. Und Angreifer übers Netz können sich gut tarnen.

Wohin führen uns die Datenklaus?
Es gibt bisher keine guten Zahlen, die aufzeigen, wie gross die Schäden tatsächlich sind. Data Miner, Kriminelle, verkaufen ihre Beute oft an Marketingfirmen. Wirklich schmerzen tut uns dies nicht. Auch Kreditkartenmissbräuche sind verhältnismässig selten und werden meist erstattet. Ich verstehe die Leute, die sich nicht wahnsinnige Sorgen machen. Es ist eben bislang noch keiner gestorben oder arm geworden. Die Gefahr ist sehr hypothetisch. Für die allermeisten Leute ist Umweltschutz wichtiger als Datenschutz. So unrecht werden sie nicht haben.

Sie sehen das nüchtern.
Solange die Kunden nicht reagieren, wird alles so weiterlaufen wie bisher. Firmen werden nur so viel in die Datensicherheit investieren, wie gerade nötig. Im Übrigen handeln nicht nur Kriminelle mit Daten. Auch Internetanbieter verkaufen Kundendaten auf legalem Weg weiter. Wir können ihre Dienste gratis nutzen, akzeptieren dafür, dass sie aus unseren Daten Profit schlagen.

Was muss noch geschehen, dass sich diese Lethargie der Nutzer ändert?
Bisher leben wir gut, trotz Datenklau. Erst wenn jeder von uns Geld verloren hat und es wirklich wehtut, wird sich unsere Haltung ändern.

Was passiert dann?
Das Vertrauen ins Internet und in seine Dienstleister erodiert. Wir werden gewisse Dienste, denen wir nicht mehr vertrauen, nicht mehr nutzen. Werden Kreditkartenmissbräuche so massiv, dass die Kreditkartenfirmen nicht mehr haften können oder wollen, würden wir schnell unsere Karten zurückgeben.

Aber ich will kein Geld verlieren,bis Firmen endlich sorgfältiger mit meinen Daten umgehen.
Wenn Sie nicht mit dem Risiko leben können, verzichten Sie aufs Internet oder nutzen Sie es nur sparsam.

Was kann ich sonst noch tun?
Es gibt die Theorie, möglichst viele Informationen über sich preiszugeben und darüber hinaus auch noch einige falsche Angaben einzustreuen. So können Sie Datensammler verwirren. Rückschlüsse auf Ihre Person sind dann schwierig.

Was passiert, wenn das Vertrauen ins Internet verloren geht?
Der Zyklus einer technischen Errungenschaft verläuft oft gleich: Zuerst wird sie nur im kleinen Kreis genutzt. Irgendwann öffnet sich der geschlossene Kreis der Freaks, und die Masse nimmt an der Errungenschaft teil. Euphorie macht sich breit, aber auch erste Schwächen der Technik kommen an den Tag, die Nebenwirkungen. Irgendwann schlägt Begeisterung in Ernüchterung um.

Wo sind wir bezüglich Internet?
Am Beginn der Talfahrt von der Begeisterung zur Ernüchterung.

Und was geschieht als Nächstes?
Verschiedene Szenarien sind möglich: Nehmen wir die zivile Nutzung der Atomkraft. In den 60er-Jahren wollten wir in jedes Haus ein kleines Kraftwerk einbauen. Dann wurde bekannt, dass die Nebenwirkungen dieser Technik tödlich sind. Damit starb auch die Idee. Andere Techniken werden in dieser Phase überdacht, verbessert und leben weiter, oft mit kleinerer Ausdehnung.

Können Sie sich eine Welt ohne Internet vorstellen?
Erlebt habe ich sie noch. Wir sind keine Sklaven der Technik. Das Internet hat unsere politische Kultur nicht grundsätzlich verändert, wie befürchtet wurde. Leute, die geschrien haben, dass Internetüberwachung zu einem Polizeistaat führt, hatten unrecht. Technik allein ändert keine politischen Haltungen. Ausserdem sind die Datenmassen für Kriminalisten oft wenig ergiebig. Die Polizei kann mittels konventionellen Methoden mehr Verbrecher überführen als über die Auswertung digitaler Daten.

Aber wenn Daten in falsche Hände gelangen, haben wir ein Problem.
Das würden sie ja nur, wenn die politische Kultur ins Totalitäre kippt. Dann haben wir sowieso ein Problem. Totalitäre Regimes brauchen nie lange, um einen Überwachungsapparat zu installieren, mit oder ohne Daten aus dem Netz. Zudem ist es für solche Staaten einfach, Firmen zur Herausgabe von Daten zu zwingen. Das konnte man in China beobachten, wo selbst amerikanische Firmen dem Regime Zugang zu Daten gewährleistet haben.

Sind dann Datenschützer nicht überflüssig?
Es gibt die Anti-Datenschützer, die sagen, dass sich der Aufwand nicht lohnt und sich die Gesellschaft sowieso zu einer post-privacy community hin bewegt – einer Gesellschaft, in der es nichts mehr zu verbergen gibt. Ich finde, Datenschutz ist sehr wohl wichtig, im Kleinen. Er muss etwa dafür sorgen, dass Arbeitgeber und der Staat sensible Daten ihrer Angestellten und Bürger nicht missbrauchen und dass das Grundbedürfnis der breiten Masse nach Privatsphäre nicht doch irgendwann überfahren wird. Zumindest im Moment hängt am Datenschutz nicht das Schicksal der Welt.

Erstellt: 30.04.2011, 11:29 Uhr

Der 38-Jährige Sandro Gaycken ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin. Dort forscht der promovierte Philosoph zu Informationsgesellschaft
und Cyberwar.

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