Wie die Freiheit im Netz flöten geht

Statt dem freien Fluss von Information haben wir immer häufiger Datensilos. Das bedroht nicht nur die Meinungsfreiheit.

Immer mehr Informationen verschwinden in den sogenannten Silos – was der Idee des freien und offenen Internets zuwiderläuft.

Immer mehr Informationen verschwinden in den sogenannten Silos – was der Idee des freien und offenen Internets zuwiderläuft. Bild: Björn Rixman/Flickr.com (CC BY 2.0)

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Mit dem iPod begann vor 15 Jahren die grosse musikalische Freiheit – die heute schon wieder massiv gefährdet ist. Apples famoses Gerät hat 2001 dem MP3 Format Flügel verliehen. Mit ihm hatte man die ganze Musiksammlung überall dabei. Dass der iPod für die schwarzkopierenden Tauschbörsennutzer besonders interessant war, hat Apple-Chef Steve Jobs damals nicht nur in Kauf genommen. Nein, dieser Umstand war äusserst hilfreich bei seinem Plan, dem Verkauf von Musikdateien den Weg zu ebnen. Die Plattenbosse sahen nämlich keinen Grund, von der CD zu lassen. Sie garantierte Top-Margen und war lukrativer als der Verkauf von Einzeltiteln.

Das (vermeintliche) Ende des Kopierschutzes

2003 folgte der zweite Paukenschlag: Der iTunes Music Store. Und 2007 hat es Steve Jobs sogar geschafft, der Musikindustrie den Kopierschutz auszureden. Mit diesen DRM-freien Dateien können wir tun und lassen, was wir wollen: Sie auf CD brennen, an Freunde und Familie verleihen, der Nachwelt vererben. Das ist technisch kein Problem, selbst wenn es in den Nutzungsbedingungen untersagt sein sollte.

Doch wie angetönt scheint es, als ob diese Freiheit auch schon fast wieder vorbei ist. Beim Streaming kontrollieren Apple oder Spotify unsere Musiksammlung. Der Betreiber kann Titel zurückziehen, Nutzungsbedingungen jederzeit einseitig ändern und tun und lassen, was er will. Natürlich will der Betreiber, dass wir zufriedene Kunden sind. Aber er ist seinerseits abhängig von den Rechteinhabern. Und die sind dafür bekannt, ihre Interessen unberbittlich zu verfolgen.

Da fragt man sich, ob die Rechteinhaber schon gemerkt haben, wie sehr ihnen die technische Entwicklung in die Hände spielt. Denken wir das zu Ende: Wenn sich das so weiterentwickelt, werden wir unsere Bücher, Musik, Filme und Serien bald grossmehrheitlich per Flatrate nach Bedarf beziehen – weil es komfortabel ist und uns das ganze Repertoire offensteht. Dann wird beim Lesen eine Lizenzgebühr fällig, sobald man ein Buch öffnet. Das ergibt, ganz anders als bei den physischen Medien, einen konstanten Umsatz. Die Anbieter können das Leseinteresse in Echtzeit monitoren. Sie könnten Preise dynamisch, beispielsweise anhand der Nachfrage anpassen. Und sie könnten Inhalte jederzeit zurückziehen. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um da eine Gefahr für die Meinungsfreiheit zu sehen.

Information will unfrei sein

Informationen wollen frei sein, Information wants to be free, lautet das Mantra der Netzaktivisten. Doch sie stehen auf verlorenem Posten. Die grossen Anbieter im Netz haben gelernt, dass Datensilos viel lukrativer sind als offen zirkulierendes Wissen. All die kleinen Blogs, sie spielen wirtschaftlich keine Rolle. Doch wenn die Netzgemeinschaft ihren Mitteilungsdrang statt auf der eigenen Website via Facebook auslebt, dann lässt er sich wunderbar monetarisieren.

Die Folge: Immer mehr geschlossene Plattformen. Zu einem solchen eingezäunten Garten entwickelt sich auch die Kommunikation. Ein E-Mail oder SMS kann mit jedem beliebigen System gesendet und empfangen werden, weswegen es unzählige Gratisanbieter gibt. Bei den neuen, geschlossenen Messagingplattformen ist der Betreiber der Alleinherrscher. Das ist einträglich. Wechat wird von Millionen von Chinesen genutzt. Sie chatten nicht nur, sie nutzen auch die Bezahlfunktion, die Stores und die angedockten Dienstleistungen.

Das Netz ist bedroht

Viele sehen das offene Netz bedroht. Dries Buytaert ist der Erfinder von Drupal, einer freien Website-Software. Er hat neulich auf die Gefahren hingewiesen. In China hat besagtes Wechat den Transportdienst Uber ausgesperrt. Buytaert schlägt als Lösung ein Aufsichtsgremium vor. Es soll kontrollieren, wie die grossen Unternehmen mit den Daten ihrer Kunden umgehen.

Andere, wie der Techcrunch-Autor Matthew Hodgson, sehen eine Dezentralisierung als Lösung: Viele kleine, sogenannte föderierte Server erbringen zusammen ähnliche Leistungen wie Facebook, Google, Apple, Microsoft und Amazon. Sie würden von den Nutzern betrieben und die Oberhoheit über die Daten den Nutzern einräumen.

Das ist eine nette Vorstellung, doch nicht sehr realistisch. Mit Diaspora und Identi.ca sind bereits zwei verteilte soziale Netzwerke grandios gescheitert. Es hilft nichts: So lange nicht ein beachtlicher Teil der Internetnutzer sich des Problems bewusst wird, lässt sich der schleichende Verlust an Freiheit im Netz nicht aufhalten.

Erstellt: 25.10.2016, 22:12 Uhr

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