«Wikileaks ist noch immer online»

Hinter der «Operation Payback» steckt ein loses Hackernetzwerk. Wikileaks-Exponent Julian Assange selbst verteidigte in einem am Mittwoch veröffentlichten Beitrag die Arbeit der Enthüllungsplattform.

Auslöser der massiven Hackerangriffe: Die Verhaftung von Julian Assange.

Auslöser der massiven Hackerangriffe: Die Verhaftung von Julian Assange. Bild: Keystone

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Wikileaks-Unterstützer haben zum Gegenschlag ausgeholt und Internetseiten von Institutionen angegriffen, die sie für Feinde der Enthüllungsplattform oder deren Gründer Julien Assange halten. Die Angriffe richteten sich unter anderem gegen den Anwalt der beiden Frauen, die Assange in Schweden der Vergewaltigung beschuldigen, die schwedischen Strafverfolgungsbehörden, das Kreditkartenunternehmen Mastercard sowoie die Schweizer Postfinance.

Unter dem Namen «Operation Payback» (Unternehmen Vergeltung) haben sich über den Kurznachrichtendienst Twitter Hacker zu der Attacke auf Mastercard bekannt, nachdem das Unternehmen am Dienstag verkündet hatte, keine Zahlungen mehr an Wikileaks weiterzuleiten. Zuvor hatten bereits etliche Unternehmen ihre Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks eingestellt - darunter Amazon, PayPal, Postfinance und EveryDNS.

«Anonymous» als Drahtzieher der Attacken

Hinter den meisten Angriffen stecke ein loses Hackernetzwerk mit der Bezeichnung «Anonymous», sagte Per Hellqvist von der Computersicherheitsfirma Symantec. «Auch wenn wir nicht viel mit Wikileaks zu tun haben, kämpfen wir für dieselbe Sache», schrieb die anonyme Gruppe auf ihrer Internetseite. «Wir wollen Transparenz und bekämpfen Zensur.» Man wolle mit seinen Mitteln Aufmerksamkeit erregen und die Kämpfer für Freiheit und Demokratie nach Kräften unterstützen und ihre Gegner bekämpfen.

Wikileaks nicht still zu kriegen

Wie zum Trotz veröffentlichte die Enthüllungsplattform nach der Festnahme ihres Gründers und ungeachtet des Drucks auf die technische Infrastruktur einen weiteren Schwung bislang geheimer Depeschen im Internet. «Wir lassen uns nicht knebeln, weder durch juristische Mittel, noch durch die Unternehmen, die Zensur durchführen. Wikileaks ist noch immer online», erklärte Sprecher Kristinn Hrafnsson am Mittwoch über den Kurznachrichtendienst Twitter.

«Der neueste Schub an Depeschen wurde veröffentlicht und unsere Medienpartner haben ihren nächsten Satz an Geschichten ebenfalls veröffentlicht», erklärte Hrafnsson. «Kopien der vollständigen Seite liegen an über 500 Orten verteilt. Jeden Tag werden die Depeschen über 50 Millionen mal (herunter-)geladen.»

Keine Gefährdung durch Enthüllungen

Der 39-jährige Assange selbst verteidigte in einem am Mittwoch in der Tageszeitung «The Australian» veröffentlichten Beitrag die Arbeit der Enthüllungsplattform. Wikileaks sei wichtiger denn je und Menschenleben seien mit der Veröffentlichung vertraulicher Dokumente nicht in Gefahr gebracht worden.

Während Wikileaks vierjähriger Publikationsgeschichte seien ganze Regierungen verändert worden, aber keine einzige Person, soweit bekannt, verletzt worden, sagte Assange. Die USA hätten jedoch unter stillschweigendem Einverständnis Australiens allein in den vergangenen Monaten Tausende getötet, hiess es in dem Kommentar. Die Demokratie brauche wirkungsvolle und starke Medien, um ehrliche Regierungsführung zu ermöglichen. Dazu habe Wikileaks beigetragen.

Rudd sieht Schuld bei US-Regierung

Auch der australische Aussenminister Kevin Rudd nahm Wikileaks in Schutz. Dafür, dass Hunderttausende brisante Dokumente in Umlauf gekommen seien, sei die US-Regierung verantwortlich, die ihre Geheiminformationen nicht ausreichend geschützt habe, sagte Rudd am Mittwoch im australischen Rundfunk. «Im Kern der Sache steht die Unfähigkeit der Regierung der Vereinigten Staaten ihre diplomatische Kommunikation zu schützen.» Das eigentliche Problem liege darin, mehrere Millionen Menschen auf der Verteilerliste für eine viertel Million Depeschen zu haben, sagte Rudd. Sein Land werde Assange wie jeden anderen im Ausland inhaftierten Australier unterstützen.

In Schweden wird Assange Vergewaltigung und sexuelle Belästigung von zwei Frauen vorgeworfen. Die dortigen Strafverfolgungsbehörden haben ihn deshalb international zur Fahndung ausschreiben lassen. Am Dienstagmorgen stellte sich Assange in London der Polizei. Er erklärte dem Richter im Amtsgericht von Westminster, dass er seine Auslieferung von Grossbritannien nach Schweden anfechte. Seinem britischen Anwalt Mark Stephens zufolge gehen die Vorwürfe auf einen «Streit über einvernehmlichen, aber ungeschützten Geschlechtsverkehr» zurück.

Auslieferung Sache der Justiz

Schwedens Premierminister Fredrik Reinfeldt hat sich zurückhaltend zur möglichen Forderung seines Landes nach Auslieferung des in London festgesetzten Wikileaks-Gründer Julian Assange geäussert. Das sei Sache der Justiz und nicht der Politik, sagte Reinfeldt am Mittwoch nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Doch sei es «Teil des Rechtssystesm», dass ein Haftbefehl «weiter verfolgt» werde.

Unterdessen scheiterte die französische Regierung vorerst mit ihrem Vorhaben, Wikileaks vom Server einer französischen Firma zu verbannen. Das betroffene Unternehmen OVH hatte zwei Gerichte mit einer juristischen Klärung der Sachlage beauftragt. Beide Gerichte entschieden nun, dass sie mehr Zeit zur Untersuchung der technisch anspruchsvollen Angelegenheit benötigten. Zuvor hatte Industrieminister Eric Besson eine Behörde damit beauftragt zu prüfen, wie verhindert werden könne, dass Wikileaks in Frankreich online bereitgestellt wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.12.2010, 17:42 Uhr

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