Katz-und-Maus-Spiel um Wikileaks

Die Enthüllungs- Plattform verlor am Freitag die angestammte Adresse wikileaks.org. Zeitweise war die Seite dann unter wikileaks.ch aufrufbar - einer Domain der Schweizer Piratenpartei.

Mission Wikileaks bereits beendet: Denis Simonet (rechts), Präsident der Piratenpartei, und sein Vize Pascal Gloor während der Pressekonferenz in Biel.

Mission Wikileaks bereits beendet: Denis Simonet (rechts), Präsident der Piratenpartei, und sein Vize Pascal Gloor während der Pressekonferenz in Biel. Bild: Keystone

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Kurz nach 10 Uhr teilte Wikileaks am Freitagmorgen mit, dass man nun in Schweiz «übersiedelt» sei und eine neue Internetadresse (Domain) habe. Der zuständigen US-Dienstleister habe die alte Adresse gelöscht.

Auch unter den Wikileaks-Adressen mit den Endungen .eu, .de und .at konnte die Seite phasenweise erreicht werden - die Internetadressen verwiesen auf die direkte IP-Adresse von Wikileaks (//213.251.145.96), die einen Computer im Internet eindeutig identifiziert.

Die Schweizer Adresse wikileaks.ch wurde vom Präsidenten der Schweizer Piratenpartei (PPS), Denis Simonet, reserviert, wie die Schweizer Domainverwalterin Switch bestätigte. Die Partei hat die Internetadresse bereits vor sechs Monaten registriert und auf die Server von Wikileaks umgeleitet.

Provider entfernt Adressen

Am Abend war jedoch auch wikileaks.ch nicht mehr durchgehend erreichbar. Simonet erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur SDA, schnellstmöglich einen neuen Provider suchen zu wollen.

Der bisherige, in den USA ansässige Provider EveryDNS hatte auch schon wikileaks.org als Hauptadresse der Enthüllungsplattform entfernt. Dies sei notwendig geworden, da es wiederholt zu «massiven» Angriffen auf die Adresse gekommen sei, hiess es.

Der US-Konzern Amazon verbannte Wikileaks ebenfalls von seinen Servern. Und Frankreich kündigte an, Wikileaks von seinen inländischen Servern zu verbannen.

Auf eine Pizza mit Assange

PPS-Präsident Simonet erklärte, er habe Wikileaks-Chef Julian Assange habe Simonet im November zu einem Pizza-Essen getroffen. Der Australier habe dabei keine Geheimnisse verraten, die nicht sowieso schon durch die Medien bekannt gewesen seien.

Seither hat die Piratenpartei laut Simonet keinen Kontakt mehr, weder mit Assange noch mit Wikileaks, gehabt. Ob und wie die Schweiz gegen wikileaks.ch vorgeht, ist noch unklar. Der Bundesrat wurde am Freitag lediglich darüber informiert.

Laut einer Sprecherin des Bundesamts für Polizei (fedpol) müssten die kantonalen Strafbehörden oder die Bundesanwaltschaft reagieren, wenn auf wikileaks.ch «strafbare Inhalte mit Schweizer Bezug» gefunden würden.

Assange unter Druck

Nicht nur im Netz wurde der Druck auf Wikileaks grösser. Assange muss immer noch mit einer Festnahme rechnen - wegen der Verdachts sexueller Vergehen in Schweden. Er gab sich in einem Online- Interview aber unbeeindruckt. Er warnte seine Gegner: «Wenn uns etwas zustösst, werden die entscheidenden Teile (der US-Diplomaten- Akten) automatisch veröffentlicht.»

Die Sammlung aus 250'000 US-Depeschen sei verschlüsselt an mehr als 100'000 Menschen gegangen, sagte Assange. Zudem hätten diverse Medien Zugriff darauf. In einem Chat der Zeitung «Guardian» kündigte er an, dass nach Morddrohungen die Sicherheitsvorkehrungen für ihn und seine Mitarbeiter erhöht worden seien.

Neuer Haftbefehl

Laut Medienberichten befindet sich Assange derzeit im südöstlichen England; sein Aufenthaltsort sei den Behörden bekannt. Die britische Polizei Scotland Yard hatte am Donnerstag erklärt, dass man Assange wegen eines Formfehlers im ersten Haftbefehl nicht festnehmen könne.

Die schwedische Justiz schickte deshalb am Feitag einen neuen Haftbefehl an die Behörden in Grossbritannien. Assange kündigte über seinen Anwalt Mark Stephens bereits an, dass er sich einer Auslieferung widersetzen werde.

Im August hatten zwei Schwedinnen den Australier beschuldigt, er habe zu gegen ihren Willen zu ungeschütztem Sex gezwungen. Assange weist die Vorwürfe zurück.

(rek/sda)

Erstellt: 04.12.2010, 10:50 Uhr

US-Beamte ohne Zugang zu Wikileaks

Die US-Regierung sperrt ihren Beamten den Zugang zur Enthüllungswebsite Wikileaks. Das Weisse Haus wies Ministerien und Bundesbehörden am Freitag an, den Aufruf des Internetportals von Regierungscomputern zu verhindern.

Die jüngste Veröffentlichung von vertraulichen und geheimen Dokumenten des US-Aussenministeriums habe der nationalen Sicherheit Schaden zugefügt, erklärte die Abteilung für Management und Budget des Weissen Hauses. Trotz der Veröffentlichung auf Wikileaks seien die betroffenen Schriftstücke weiter nicht für den öffentlichen Zugang bestimmt und müssten deshalb entsprechend geschützt werden.

Umgesetzt wurde die Sperre auch von der Bibliothek des US- Kongresses. Kommunikationschef Matt Raymond wies am Freitag Vorwürfe zurück, die Library of Congress betreibe damit Zensur. Die Bibliothek sei wie andere Bundeseinrichtungen zum Schutz von Regierungsdokumenten verpflichtet, schrieb Raymond in einem Internetblog der Bibliothek.

Die Verbreitung der US-Dokumente durch Wikileaks sei illegal. Wikileaks kritisierte die Sperre auf dem Kurzmitteilungsdienst Twitter als «Endzeit» für die im ersten Zusatz zur US-Verfassung garantierte Meinungsfreiheit.

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