Wikipedia-Mitbegründer will die Medien revolutionieren

Der Unternehmer und Philosoph Larry Sanger hat mit Wikipedia das Internet grundlegend verändert. Jetzt nimmt er sich die Medien zur Brust.

Hat eine Vision für die Zukunft der Medien: Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger. (12. Juli 2006)

Hat eine Vision für die Zukunft der Medien: Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger. (12. Juli 2006) Bild: Larry Sanger CC BY-SA 2.0

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«Ich bin ein Träumer.» Mit diesen Worten beginnt das Manifest von «Infobitt», verfasst von Larry Sanger. Zusammen mit Jimmy Wales hat Sanger 2001 Wikipedia gestartet und damit das Internet fundamental verändert. Es sei ein «wahr gewordener Traum» gewesen, sagt Sanger über diese Zeit. Erwartet hätte er den sensationellen Erfolg jedoch nie. Sanger will nun nach dem mittelmässig erfolgreichen Projekt Citizendium den Triumph der Jahrtausendwende wiederholen. Dabei setzt er erneut auf das Crowdfundingprinzip.

Nachrichtensammlung mit einem Twist

Sangers neues Baby heisst Infobitt und ist auf den ersten Blick ein gewöhnlicher Nachrichtenaggregator, also eine Ansammlung von Links zu Newsartikeln. Der entscheidende Unterschied zwischen einem normalen Aggregator und Infobitt sei die Funktionsweise, erklärt Sanger in einer Diskussion auf dem sozialen Netzwerk Reddit. Die Benutzer können – bisher nur mit registriertem Profil – Fakten, sogenannte Bitts, zu einer spezifischen Nachricht erfassen und mit einer Quelle, meist einem Link zu einem anderen Newsartikel, versehen. Durch die Mitarbeit von «Tausenden oder Millionen» von Benutzern sollen so in kürzester Zeit akkurate Zusammenfassungen laufender News-Storys entstehen. «Wir wollen jede Geschichte aktuell, in jeder Minute, an jedem Tag. Schliesslich befinden wir uns im Jahr 2014.»

Noch ist das Design nicht final: Die Frontseite von Infobitt. (Screenshot, 16.12.2014)

In einem demokratischen Prozess können die User von Infobitt die einzelnen Geschichten bewerten. Die Community fungiert so quasi als News-Kurator. Bei gegenteiligen Faktendarstellungen verspricht Sanger in zukünftigen Iterationen von Infobitt eine Möglichkeit, dies zu kennzeichnen.

Infobitt hat seit kurzem die Beta-Phase hinter sich gelassen und lässt nun erstmals neue Registrationen zu. Der Gründer hofft auf 100'000 angemeldete Benutzer.

Wider den Nachrichtenlärm

«Die Nachrichten sind verworren und lärmig geworden», schreibt Larry Sanger. In der gegenwärtigen Informationsflut sei es schwierig geworden, sich effektiv zu informieren, ohne sich Stunden durch diverse Quellen wühlen zu müssen. «Ich verabscheue diese Kakophonie aus redundanten Nachrichten, Click-Bait-Storys und Meinungen, die sich als Nachrichten tarnen.» Deshalb sei es notwendig, den Wust an Informationen zu organisieren.

Fakten, Fakten, Fakten: Einzelne «Bitts» zu einer Story. (Screenshot, 16.12.2014)

Mit den Benutzern im Rücken will der studierte Philosoph diese hausmeisterliche Aufgabe angehen. Er schreibt in seinem Manifest: «Die Topstorys und Hauptkategorien wären ein Wunderwerk, das man so in der Geschichte des Journalismus noch nie gesehen hat.» Tatsächlich sind in Sangers Vision seine besten Geschichten «so exzellent wie in der ‹New York Times›».

Crowdsourcing mit Gefahrenpotenzial

Sanger erntet für sein Projekt auf Reddit einiges an Lob, muss sich aber der Kritik stellen. Wie Wikipedia sieht sich Infobitt der Laune der Benutzer ausgesetzt. Mögliche Probleme wären etwa Vandalismus, Falschinformation und politische Einseitigkeit. Sanger glaubt aber an seine Benutzer. Beim demokratischen Prozess, der die Artikel nach Qualität und Relevanz einordnet, würden «extreme Ansichten» tendenziell schlecht bewertet und seien daher Randerscheinungen. Sollte bei einer Geschichte trotzdem einmal eine politische Tendenz feststellbar sein, würde Infobitt «aktiv User der Gegenseite rekrutieren», um die Meinungsbalance wiederherzustellen. Unterstützend für diese Bestrebungen würden zudem ausführliche Neutralitätsrichtlinien installiert.

Anders als Wikipedia wird Infobitt aber keine Non-Profit-Organisation. Sanger sucht aktuell nach Investoren und will das weitere Bestehen seiner Plattform durch Werbung sichern. Inwiefern Werbung einen Einfluss auf die publizistische Ausrichtung von Infobitt haben wird, liess er offen.

Innovator Larry Sanger

Sanger ist schon seit längerer Zeit als Internetunternehmer bekannt. So war er Chefredaktor des Wikipedia-Vorgängers «Nupedia», arbeitete an der elektronischen «Encyclopedia of Earth» mit und begründete Citizendium, das mit Wikipedia konkurrieren sollte. Letztere hatte er nach schweren Differenzen mit Hauptgründer Jimmy Wales bereits 14 Monate nach dem Launch verlassen. Seither ist er immer wieder als Wikipedia-Kritiker in Erscheinung getreten.

Zudem lehrte Sanger Philosophie an der Ohio State University. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.12.2014, 19:01 Uhr

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