«Wir machen uns regelmässig über sie lustig»

Peter Sunde forderte mit der Plattform The Pirate Bay die Film- und Musikindustrie. Im Interview spricht der Internet-Aktivist über Filesharing, Wikileaks und den Kampf mit den Konzernen.

Im Fokus der Öffentlichkeit: Peter Sunde, Mitbegründer von The Pirate Bay.

Im Fokus der Öffentlichkeit: Peter Sunde, Mitbegründer von The Pirate Bay.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Sunde, Ihre Heimat Schweden ist auch die Heimat von The Pirate Bay, hatte die erste Piratenpartei und selbst Wikileaks war dort aktiv. Wie kommt das? Lebt da die Tradition der Wikinger weiter?
Nein, nicht wirklich. Wikileaks kommt zudem nicht aus Schweden.

Aber Julian Assange wirkte dort eine Zeit lang.
Das stimmt. Schweden ist ein grosses, dünn besiedeltes Land, das deshalb früh auf eine gute Internet-Infrastruktur gesetzt hat.

Aber die Geografie erklärt ja noch nicht die teils aufsehenerregende Art, wofür das Internet dort genutzt wird.
Wir sind halt auch ein Land, das neue Fragen, die sich stellen, rasch und offen angeht. Urheberrecht und Filesharing waren so ein Themenkomplex. Was The Pirate Bay half, war, dass die US-amerikanische Film- und Musikindustrie früh sehr aggressive Propaganda gegen uns gefahren hatte. Das hat den öffentlichen Diskurs zum Thema beschleunigt und uns Sympathien gebracht.

Und bei Wikileaks?
Zwei Kollegen von The Pirate Bay haben eine Internet-Provider-Firma gegründet, PRQ. Deren Spezialität ist das Hosten von Inhalten, die anderswo verboten wären – ganz im Sinn der Redefreiheit. Die tschetschenische Opposition hat dort zum Beispiel ihre Website. Wikileaks war ab 2007 ebenfalls dort gehostet, als die Organisation in anderen Ländern schon nicht mehr willkommen war.

Sie und drei Ihrer Kollegen von The Pirate Bay wurden 2009 von einem schwedischen Gericht der «Beihilfe zum Raubkopieren», vereinfacht gesagt, schuldig gesprochen. Ihnen droht Haft und hohe Geldstrafen. Was ist der aktuelle Stand des Verfahrens?
Es ist beim obersten Gericht hängig. Da es sich um geringe Strafmasse handelt, hat es eine tiefe Priorität. Es kann also noch eine Weile dauern, vielleicht Jahre, bis da etwas entschieden wird. Der Richter in der ersten Instanz war zudem befangen, weil er Mitglied des schwedischen Urheberrechtsverbandes ist.

Sie scheinen das sehr gelassen zu nehmen.
Sehen Sie, die öffentliche Meinung ist klar auf unserer Seite. Nach dem ersten Urteil gab es eine Umfrage einer grossen schwedischen Zeitung und 99,8 Prozent fanden, dass wir zu Unrecht verurteilt worden seien.

Torrent-Sites gibt es viele im Internet. Warum bekommt The Pirate Bay eigentlich so viel Aufmerksamkeit?
Unsere Haltung macht den Unterschied. Wenn die US-Film- und Musikindustrie uns mal wieder eine Verwarnung schickt, dann machen wir uns regelmässig über sie lustig. Sie haben immer noch nicht begriffen, dass das US-amerikanische Recht bei uns nicht gilt. Wir schicken ihnen als Antworten beispielsweise eine Karte mit den USA auf einer Seite, dann ein grosses Meer in der Mitte und Schweden auf der anderen Seite. Oder Links zu Fetisch-Shops, die Analplugs verkaufen.

Wie reagieren die US-Verbände?
Sie können nicht damit umgehen, haben keinen Plan. Denn gemäss schwedischem Recht machen wir nichts Illegales.

Und der ganze Streit bringt nur noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Nutzer.
Absolut. Vor dem ersten grossen Streitfall waren wir auf Rang sechstausend irgendwas der weltgrössten Websites. Unterdessen sind wir unter den Top 60 und wachsen weiter.

Torrents findet man nicht nur via The Pirate Bay, sondern ganz einfach bei Google oder Bing. Warum gelangen diese Firmen nie in Verruf deswegen?
Die haben mehr Geld und mehr Anwälte als die Film- und Musikindustrie. Aber es gibt solche Versuche in andern Ländern. In China waren sie diesbezüglich bereits erfolgreich, Suchmaschinen sind haftbar für Urheberrechtsvergehen.

Google filtert seit kurzem das Stichwort «Torrent» aus. Merken Sie davon etwas?
Suchen kann man danach immer noch. Und nein, das hat keinen Einfluss auf unser Verzeichnis.

Auch Facebook hat Ihnen wenig Gegenliebe entgegengebracht.
Man darf dort keine Links auf Torrent-Dateien posten oder in einer Nachricht einfügen. Das wird zensuriert. Ich habe versucht, mit Facebook darüber zu sprechen, habe aber keine Antwort bekommen. Die werden immer schlimmer.

The Pirate Bay selbst ist eine kommerzielle Site. Als eine der Top-60-Websites kann man sicher teuer Werbung verkaufen. Was passiert mit diesen Einnahmen?
Das deckt die Betriebskosten, viel mehr nicht. Das Problem mit der Werbung ist, dass jede Firma, die bei uns Anzeigen schaltet, sofort in Verruf gerät, einen vermeintlich illegalen Dienst zu unterstützen. Deshalb hat es auch nur wenig und ganz grauenhaft schlechte Werbung drauf.

Konsumieren Sie persönlich Musik? Was haben Sie kürzlich gekauft?
Ich würde jetzt gerne sagen, dass ich ein Konzertticket gekauft habe, aber das habe ich schon lange nicht mehr. Ich gehe nur hin, wenn Freunde mich einladen.

Keine CDs oder Downloads?
Nein. Aber ich habe ein neues, teures Mix-Board gekauft, das wäre es wohl. Für Musik nutze ich Spotify mehr als alles andere. Das ist ein werbefinanzierter Dienst, bei dem man Songs kostenlos streamen kann. Und wenn man die behalten möchte oder offline hören, bezahlt man eine monatliche Flatrate.

Gehört diesem Modell die Zukunft?
Es funktioniert zumindest sehr gut. Ich habe noch meine Zweifel, weil die Musikverlage da ihre Finger mit drin haben und entscheiden, welche Inhalte verfügbar sind und welche nicht.

Wie würden Sie sich denn als Musiker heutzutage finanzieren?
Wenn Sie heute als Musiker anfangen, wissen Sie bereits, wie das Geschäft läuft. Niemand mehr ist überrascht, dass man mit CD-Verkäufen kein Geld mehr macht. Das haben eh immer nur die ganz grossen Superstars geschafft.

Aber mit Konzerten und Merchandising lässt sich Geld verdienen.
Ja. Da haben Sie grössere Chancen.

Können Sie nachvollziehen, dass jemand seine Werke mit einem Kopierschutz versehen möchte?
Ich kann verstehen, warum man so denkt. Doch es funktioniert nicht so. Was, wenn der Erfinder des Alphabets es kopiergeschützt hätte? Niemand würde es nutzen. Das Publikum will heute Musik nutzen, verwenden, verändern und nicht nur in vorgeschriebenen Bahnen konsumieren.

Was denken Sie über Creative Commons, einem modernen Urheberecht, das dem Künstler erlaubt, festzulegen, wer was mit seinem Werk machen darf?
Das ist ein kleineres Übel, aber es ist immer noch eine Lizenz, die uns einschränkt.

Es scheint sich auch nicht im grossen Stil durchgesetzt zu haben.
Doch, das schon, es ist grösser als man denkt. Sämtliche Twitter-Tweets sind beispielsweise via Creative Commons geschützt.

Ihr neustes Projekt ist eine Bezahlplattform, genannt Flattr. Können Sie das kurz erklären?
Als Nutzer eröffnen Sie ein Konto, auf das Sie regelmässig einen Beitrag bezahlen, zum Beispiel 10 Franken. Sie selber entscheiden dann, wer am Ende des Monats das Geld bekommt, indem Sie auf den Flattr-Button auf einem Blog oder einem anderen Dienst klicken. Wir verteilen das Geld dann gemäss Ihren Klicks.

Wie viele Leute machen da mit?
Bisher 75'000. Wir sind erst im letzten August gestartet und haben kaum Werbung gemacht. Wir wachsen laufend und haben schon ein paar Hunderttausend Euro umgesetzt.

Wer macht damit am meisten Geld?
Einer der Topverdiener, der das öffentlich macht, ist der deutsche Podcaster Tim Pritlove. Er macht aber nicht am meisten Geld.

Und Sie als Betreiber behalten 10 Prozent der Flattr-Spenden.
Ja.

Und inwiefern unterscheiden Sie sich dabei von einer Plattenfirma?
Die würde 98 Prozent nehmen. Wir haben lange überlegt, was der richtige Prozentsatz wäre, 10 schien uns gut. Es ist besser, mit 10 anzufangen und später vielleicht einmal auf 5 runterzugehen, als bei null anzufangen und dann auf 5 raufgehen zu wollen. Wir schreiben ausserdem noch keinen Gewinn.

Bisher kommen vor allem Blogger und Podcaster in den Genuss von Flattr. Werden wir damit vielleicht auch einmal Musik oder Filme bezahlen?
Wir arbeiten daran, dass gewisse Media-Player einen Flattr-Button erhalten. Wenn Sie damit einen Song hören, der bei uns registriert ist, können Sie dem Künstler etwas flattrn.

Auf Ihrem Blog haben Sie zu Flattr geschrieben, Sie möchten, dass die Leute nicht nur Inhalte, sondern auch Geld teilen. Viele von uns teilen ja im Netz eine Menge persönliche Infos mit grossen Firmen wie Facebook, Twitter oder Google. Ist das vielleicht so etwas wie eine unbewusste Gegenleistung für die unbezahlten Inhalte, die wir herunterladen?
Das könnte man so sehen, immerhin machen gewisse Grossfirmen mit unseren Informationen sehr viel Geld. Und wir müssten als Gesellschaft viel mehr darüber reden, was uns solche Firmen antun könnten.

Sehen Sie ein wachsendes Bewusstsein für diese Gefahren?
Nein, einzig die Ignoranz der Leute wächst. Es ist einfach noch nichts wirklich Schlimmes passiert, die grosse Informationskatastrophe ist bislang ausgeblieben. Erst seit der AKW-Katastrophe in Japan beschäftigt uns jenes Thema wieder. So wird es wohl auch mit Facebook & Co. sein.

Erstellt: 23.03.2011, 08:22 Uhr

Artikel zum Thema

Online-Piraten starten Youtube-Konkurrenz

Die Macher von The Pirate Bay lassen nicht locker: Am Sonntag ging ihr Audio- und Videodienst «The Video Bay» online.

«Pirate Bay» wird für Millionen verkauft

Die umstrittene Internet-Tauschbörse The Pirate Bay bekommt neue Besitzer und soll als legales Angebot weitermachen. Mehr...

Hollywood klagt gegen Pirate Bay

Zehn kalifornische Filmgesellschaften haben in Stockholm eine Klage gegen die Internet-Tauschbörse eingereicht – nicht zum ersten Mal. Mehr...

Peter Sunde

Der Schwede Peter Sunde (1978) ist Unternehmer, Internet-Aktivist, Veganer und DJ. Er war 2003 Mitbegründer von The Pirate Bay.

Diese Website bietet das weltgrösste Verzeichnis sogenannter Torrent-Dateien an. Diese Torrents sind eine beliebte Art, raubkopierte Musik, Filme oder TV-Serien aus dem Internet herunterzuladen.

Da The Pirate Bay bloss ein Verzeichnis solcher Dateien anbietet, aber nicht das raubkopierte Material selbst, konnte bisher niemand nachhaltig gegen den Dienst vorgehen.

Sunde ist heute nicht mehr bei The Pirate Bay aktiv. Sein neustes Projekt ist die Social-Payment-Plattform Flattr (www.flattr.com). Er wird am kommenden Samstag um 16 Uhr im Rahmen im Rahmen der Conference des m4music Festivals von Migros-Kulturprozent in der Zürcher Schauspielhaus-Box im Schiffbau einen Vortrag halten. Der Eintritt ist frei.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Blogs

Sweet Home 10 günstige Wintergerichte

Mamablog Wutanfälle sind so ... gesund

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Winzig: Die Hand des Babyschimpansen Quebo (geboren am 6. Oktober 2019) im Zoo Basel. (13. November 2019)
(Bild: Georgios Kefalas) Mehr...