Als würde man es selber spüren

Auf Youtube kann man Tausenden Leuten dabei zusehen, wie sie sich etwas ansehen – etwa auf Youtube. In den sogenannten Reaktionsvideos performen diese Menschen, wie nahe ihnen die Welt geht.

Dieses Grosi sieht gerade einen Porno mit Fäkalien. Screenshot: YouTube

Dieses Grosi sieht gerade einen Porno mit Fäkalien. Screenshot: YouTube

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Friedrich Dürrenmatt wusste noch nichts vom Internet, als er in einem seiner letzten Bücher schrieb, «der Mensch heute sei ein beobachteter Mensch», denn «jeder fühle sich von jedem beobachtet und beobachte jeden». In «Der Auftrag» von 1986 entwarf der Schriftsteller eine dystopische Detektivgeschichte, eine Suche nach der Wahrheit in einer von privaten und staatlichen Aufpassern bestimmten Welt. Untertitel: «Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter». 30 Jahre später sind wir einen Schritt weiter und haben gelernt, auf uns selber aufzupassen. Im Internet nehmen wir die Realität, auch uns selber, durch Schichten medialer Verfertigung wahr, durch die Filter der Beobachtung und des Beobachtetwerdens.

Die schönste Metapher für diese Tatsache stellt das Internet gleich selbst zur Verfügung. Es ist das Reaktionsvideo. Darin sieht man einer Person dabei zu, wie sie etwas sieht, das man selbst nicht sieht. Dazu gehören die Klassiker des Stubenkinos: das Kind, das die neue Playstation auspackt. Der Onkel, der sich an seinem Geburtstag über das Flötenspiel der Nichte freuen muss. Die Studentin, die das Couvert mit den Prüfungsergebnissen öffnet.

Als alles neu war

Interessanter ist die pure Variante – nämlich auf Youtube zu sehen, wie jemand auf Youtube etwas sieht. Das Medium ist hier ganz bei sich. Sein ursprünglicher Inhalt, das Video und die darin enthaltenen Informationen, ist verloren. Dafür begegnen wir unserem eigenen Blick auf die Welt: Wir sehen, wie ein Mensch aussieht, der Adele zum ersten Mal mit ihrem neuen Videoclip sieht oder der wegschaut, wenn ein IS-Kämpfer einen Gefangenen köpft.

Erstkontakt mit einer neuen Folge von «Game of Thrones» Quelle: Youtube

Das Reaktionsvideo verspricht also etwas, das im Internet eigentlich nicht möglich ist. Nämlich eine authentische Erfahrung, wenigstens im Spiegelbild. Wie ein solcher Clip auf Youtube, in einer steigenden Flut des Nonsens und des Fakes, zum Eigentlichen vorstösst, das zeigt sehr schön ein Klassiker des Genres. In den 47 Sekunden von «Son’s Reaction to ‹Empire Strikes Back›», die bald 4,7 Millionen Mal angeklickt wurden, sehen wir einen Jungen auf dem Fernsehsofa. «I c h bin dein Vater», sagt Darth Vader zu Luke Skywalker, und bei diesem dramatischen Höhepunkt der Space-Oper «Star Wars» formt sich das Gesicht des Kindes nun zu einem stummen Schrei der Überwältigung.

Ein Junge erfährt, wer Darth Vader wirklich ist Quelle: Youtube

Den meisten erwachsenen Menschen ist es nicht mehr möglich, solch ikonische Momente der Popkultur – oder überhaupt etwas – zum ersten Mal zu erleben. «Man kann sehen, wie ihn das wegbläst», meinte ein neidischer Kommentator auf Youtube, und ein anderer bettelte: «Ich würde alles dafür geben, diesen Film vergessen und dann nochmals sehen zu können.» Der Wunsch ist umso nachvollziehbarer, als die Homemade-Ästhetik des Videos das Geschehen ebenso beglaubigt wie der totale Realismus der Wohnung, in der es sich abspielt. Ein User schrieb: «Oh my God, für einen kurzen, flüchtigen Moment hab ich es nochmals gespürt!!»

Die neue Staffel!

O mein Gott: Die drei Wörter sind in fast ausnahmslos allen Reaktionsvideos die Formel, die den offenbar transzendentalen Kult des ersten sensationellen Sehens begleitet. Darin sind sich die Menschen gleich: In Momenten, da sie das Unglaubliche erkennen, rufen sie Gott an. Die Formel wird in die Digicam geschrien, ganz gleich, ob man die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung aus dem Couvert zieht, sich den Trailer zur neuen Staffel von «Game of Thrones» anguckt oder ob man in «2 Girls 1 Cup» zwei Frauen dabei beobachtet, wie sie sich – unter anderem, das ist erst der Anfang – mit Exkrementen füttern.

Es gibt mittlerweile Hunderte von Reaktionsvideos zu diesem Fetischporno, der wohl zu den grauslichsten Filmen im frei zugänglichen Internet zählt. «Collections» sammeln ihre schönsten Momente, und mittlerweile waren sogar Kermit der Frosch und Stewie aus «Family Guy» metaangeekelt.

Die Grossmutter sieht einen Porno mit Fäkalien Quelle: Youtube

...und hier die Reaktion von Kermit der Frosch Quelle: Youtube

Die erste und immer noch beliebteste Reaktion gehört aber einer nicht näher bekannten amerikanischen «Grossmutter»: Mehr als 900'000 Personen haben sich auf Youtube angesehen, wie die ältere Dame allmählich begreift, was ihr da vorgesetzt wird, und wie sie sich entsetzt von den Bildern abwendet, während im Hintergrund lautes Gelächter zu hören ist.

Tatsächlich, das Filmchen belustigt. Jedenfalls so lange, bis man sich vorzustellen beginnt, was die Frau durch ihre Brille sieht, auf der sich der Porno als unkenntliches Flackern spiegelt. Und dann, das zeigt ein Blick in die Kommentarleiste, solidarisieren sich viele Zuschauer mit der unbekannten «Grossmutter». In den Reaktionsvideos auf Porno oder Terror wird die normale, gemütlich biedere Welt der Reagierenden herausgefordert und erschüttert.

Und, o mein Gott: Die gesammelten, fast immer gleichen Reaktionen zeigen, wie das nicht Normale, das moralisch Inakzeptable zurückgewiesen wird. Sich solche Reaktionsvideos anzusehen, ist, so gesehen, auch eine moderne Ablasshandlung: Wir distanzieren uns vom Dunklen und Bösen, zu dem die Menschen da draussen, hinter dem Schutz der Bildschirme, fähig sind.

Das funktioniert aber nur so lange, als die Darsteller dieser Clips nicht wissen, wie ihnen gleich geschehen wird. Die Grossmutter wurde unfreiwillig zum Youtube-Star, und nur ihr authentisches Entsetzen ermöglichte es der Gemeinde, sich mit ihr einfühlend mitzuekeln. Die beliebteste Disziplin innerhalb der Reaktionsvideos ist unterdessen aber eine andere: Ihre Protagonisten filmen sich selbst, und das verändert alles. Menschen, die eine ungefähre Vorstellung davon haben, was sie gleich sehen werden, kichern wissend, wenn sie sich vor die Digicam setzen, um «2 Girls 1 Cup» zu sehen. Was folgt, ist Performance.

Was man in diesen Videos in der Regel sieht, das sind Menschen, die sich in ihrem Ekel produzieren und gefallen. Das Reaktionsvideo wird so zur narzisstischen Falle. Viel zu leicht ist durchschaubar, was diese meist männlichen Darsteller gerne über sich erzählen würden: dass sie zwar durch Bildschirme in eine weit entrückte Welt hinausblicken, dabei aber noch zu «realen» Empfindungen, ja zu hoch emotionalen Reaktionen fähig sind. Es geht, einmal mehr, um Selbstvermarktung. Und um deren wertvollste Währung, die öffentlichkeitswirksame Emotion – die aber auch nur erfüllt, was sowieso erwartet wird.

Mit den Augen rollen

Blöd darum, wenn der Beobachter merkt, wie sehr ihm der Beobachtete gefallen will – dann wird seine ganze Beobachtung wertlos. Es ist ein pitoyabler Anblick, den ein junger Mann abgibt, dessen Reaktionsvideo von einem «Suddath1» ins Netz gestellt wurde. Wir sehen, wie er russischen Rechtsradikalen zusieht und ihrem Opfer, das gerade geköpft wird. Der junge Mann gibt alles, rollt mit den Augen und schlägt die Hände vors Gesicht; so, wie er es wohl in anderen solchen Videos gesehen hat. Doch er bleibt ein beliebiger junger Mann, der ein wenig teilhaben will an der krassen Welt. «Oh my God!», schreit er in die Kamera, «this is real!»

Der Blick auf die Enthauptung: «Oh mein Gott, das ist real!» Quelle: Youtube

Wüsste man, wer dieser junge Mann ist, man würde ihm vielleicht den letzten Satz aus Dürrenmatts alter Novelle vorlesen wollen. Der Autor, der jede Geschichte bis an ihr schlimmstmögliches Ende dachte, schrieb: «Donnerwetter, hast du aber Glück gehabt.»

Erstellt: 02.03.2017, 21:47 Uhr

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