Apps, die einem die Fortpflanzung austreiben

«Wir verraten dir, wie dein Baby aussehen wird»: Wir haben dieses Versprechen von drei iPhone-Apps getestet.

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Bei den Recherchen zu meinem Video über die Baby-Apps bin ich auch der App Future Baby begegnet. Sie behauptet, aus Bildern der Eltern das Aussehen des Nachwuchses ableiten zu können.

«Ganz grosser Quatsch!» ist der erste Gedanke. Der zweite Gedanke ist eine leise Hoffnung: Vielleicht funktioniert es ja doch. Der technische Fortschritt in den letzten Jahren war gewaltig, gerade beim maschinellen Lernen. Algorithmen werden immer schlauer; sie erkennen Gesichter auf Bildern und lernen sogar, Stimmen zu imitieren. Wieso sollte es nicht möglich sein, die Gesichtszüge der Eltern zu einem statistisch einigermassen wahrscheinlichen Kindergesicht zu kombinieren? Klar, der genetische Spielraum ist gross. Es gibt Geschwister, denen man den gemeinsamen Ursprung kaum ansieht. Aber man würde es der App natürlich verzeihen, wenn sie keine exakte Prognose, sondern nur eine mehr oder minder verheissungsvolle Annäherung liefert.

Erste Warnsignale...

Ich konnte es mir daher nicht verkneifen: Ich habe die Future-Baby-App heruntergeladen und sie mit je einem Foto von mir und meiner Frau gefüttert. Gewisse Ahnungen beschlichen mich, als bei fast jedem Schritt eine Werbeunterbrechung erfolgte – wenn eine App derart von Werbung durchseucht ist, liegt die Vermutung nahe, dass sie ihren Umsatz möglichst schnell ins Trockene bringen will, bevor sie von ihrem Anwender empört gelöscht wird.

Und in der Tat: Die App wurde gleich nach Begutachtung des Resultats in die Wüste geschickt – empört. Auf dem Bildschirm erschien als Vorhersage ein dunkelhäutiges Zwillingspärchen. Nicht glaubwürdig. Meine Frau und ich, wir sind zwei Bleichgesichter. Wie wir mit einem Kind mit Hauttyp VI nach Fitzpatrick beschenkt werden könnten, ist schwer plausibel, zumal die App auch keine Grundlage hat, etwaige Untreue zu vermuten. Nein, es ist ganz simpel: Diese App wählt ein Zufallsbild aus, ohne dass irgendeine Form von Analyse stattgefunden hätte.

Wieso nicht ein 08/15-Baby?

Da ich mich meinem Informationsauftrag verpflichtet fühle, kam Aufgeben an dieser Stelle nicht infrage. Ich probierte es mit den gleichen zwei Bildern und mit der App Baby Hatch. Diese App betrieb viel Woodoo und behauptete, Haare, Augen, Gesicht und Kopfform zu analysieren. Resultat: Zwar kein dunkelhäutiges Baby, aber ebenfalls eines, das keinerlei Ähnlichkeit mit seinen vermeintlichen Eltern hat. Das Bild ist aber immerhin so überbelichtet, dass man nur wenige Details erkennt. Diesem Entwickler muss man eine gewisse Cleverness zubilligen: Ein hübsches Baby, so fotografiert, dass es zu sehr vielen mitteleuropäischen Pärchen passen könnte.

Also, noch eine dritte App, Make Baby. Auch die von Werbung durchsetzt. Und obendrein taucht bei dieser während der «Analyse» unvermittelt ein App-Store-Dialog auf. Offenbar versucht die App, den Anwender zu einen In-App-Kauf zu bringen. Was dieser beinhaltet, ist in keinster Weise klar, und ich habe ganz sicher nicht bewusst auf eine Kaufen-Schaltfläche geklickt. Diese Masche schrammt nach meinem Verständnis haarscharf an Betrug vorbei.

Die Augen von Mama...

Das Resultat dieser App: Absolut gruselig: Es werden Augen und Mundpartie der Eltern auf ein Babyfoto gelegt. Ganz nach dem Motto: Die Augen hat es von der Mama, die Futterluke vom Papa.

Fazit: Apple ist stolz darauf, seinen Store rigide zu kuratieren. Apps, die nicht den Ansprüchen genügen, fliegen gnadenlos. Teilweise, ohne dass die Entwickler verstehen, warum sie zur Persona non grata geworden sind und sich ihre App, in die sie Hunderte oder Tausende Arbeitsstunden gesteckt haben, ans Bein streichen müssen (jüngst wurde dieser Fall publik). Da ist es schwer verständlich, warum diese Apps nicht ebenfalls hochkant fliegen.

Natürlich, man kann mit der Meinungsfreiheit argumentieren. Und damit, dass die Apps in der Kategorie «Unterhaltung» zu finden sind. Nur ist es so, dass sie nicht im Geringsten unterhaltsam, sondern sinnlose und unlustige Geldmacherei sind. Apple täte gut daran, sie aus dem Store zu werfen – denn wozu sind der Review und die Eingangskontrolle denn gut, wenn solcher Unsinn in grösserer Zahl durchrutscht?

Oder, wenn das zu sehr nach Zensur riecht, könnte Apple einfach zu jeder App angeben, wie gross die Zahl der Nutzer ist, die die fragliche App innert 24 Stunden gelöscht hat. Das ist eine eindrücklichere Warnung als jede Häufung von Ein-Stern-Bewertungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im privaten Blog des Autors, Clickomania.ch.

Erstellt: 10.11.2016, 08:45 Uhr

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