Das Netz wird immer prüder

Tumblr war bislang grosszügig mit freizügigen Inhalten. Damit ist nun Schluss – und das bedauern nicht nur Pornofans.

Der Gründer und langjährige Tumblr-Chef David Karp wollte nie den Inhaltspolizisten spielen.

Der Gründer und langjährige Tumblr-Chef David Karp wollte nie den Inhaltspolizisten spielen. Bild: Larry Downing/Reuters

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Tumblr.com ist das alberne, anarchische Geschwister von Facebook und Twitter. Diese mediale Charakterisierung passt ganz gut auf diese Site, die sich neuen Nutzern nicht sofort erschliesst. Tumblr ist eine Mischung aus Bloggingplattform und sozialem Netzwerk – geliebt von Leuten, denen Facebook zu narzisstisch und Twitter zu streberhaft ist. Rund 440 Millionen Nutzer sind registriert und mehr als 165 Milliarden Posts haben sich seit dem Start im Jahr 2007 angesammelt.

Vor allem junge Leute veröffentlichen dort all die Dinge, die sie bei ihren Streifzügen durchs Netz entdecken. Das Publizieren von Bildern, (kurzen) Texten und Videos ist unkompliziert, und der grosszügige Umgang mit fremden Inhalten gehört zum Programm: Die Reblogging-Funktion macht es möglich, Beiträge von anderen Nutzern per Mausklick im eigenen Blog zu platzieren. Das entsprechende Nutzungsrecht treten Mitglieder automatisch ab.

Es gibt jedoch noch ein weiteres, nicht wirklich geheimes Erfolgsrezept: Tumblr hat, bis jetzt, Pornografie toleriert. Es gibt ein riesiges Angebot an freizügigen Bildern und Videoclips. Ein Markenzeichen sind auch animierte GIFs mit anzüglichen Szenen. «Google irgendeine sexuelle Aktivität, plus das Wort Tumblr, und du findest jegliche Fetische in Bild und Ton, die du dir nicht ausmalen konntest», umreisst die «Huffington Post» den Umfang des Angebots.

Den Tabubruch feiern

Während Plattformen wie Facebook krampfhaft versuchen, jegliche Nacktheit fernzuhalten, verwischt Tumblr die Grenzen absichtlich und feiert den Tabubruch. Das hatte Sperren in China, Indonesien, Kasachstan und im Iran zur Folge. Doch hierzulande schätzen viele Nutzer die Möglichkeit, nicht arbeitsplatztaugliche Inhalte zu konsumieren, ohne explizite Pornosites aufsuchen zu müssen.

Der Gründer David Karp hat die Pornoinhalte vehement verteidigt und seine Position dem Late-Night-Talker Stephen Colbert wie folgt erklärt: «Wir haben eine klare Meinung zur Redefreiheit und stellen uns auf die Seite unserer Nutzer. Wir wollen keine Inhaltspolizei sein, egal wie die Schöpfungen unserer Nutzer aussehen.» Er wolle nicht entscheiden, wo die Grenze zu ziehen sei, sagte Karp – bei geschmackvoller erotischer Fotografie oder einem Paparazzo-Schnappschuss von Lady Gagas Brustwarze.

Sauberes und Frivoles trennen

Das blieb die offizielle Haltung, nachdem Yahoo den Dienst 2013 für satte 1,1 Milliarden US-Dollar in bar gekauft hatte. Die damalige Yahoo-Chefin Marissa Mayer hatte zwar ein potenzielles Problem mit der Werbeindustrie ausgemacht: Die würde es nicht schätzen, wenn Anzeigen neben frivolen GIF-Sequenzen erscheinen. Doch Mayer war überzeugt, dass sich das Problem mittels Targeting vermeiden lässt. Sprich: Saubere und frivole Inhalte werden klar getrennt.

Eine Untersuchung zeigte allerdings schon 2016, dass das nicht so richtig funktioniert. Sie hat das Nutzungsverhalten von 130 Millionen Mitgliedern angeschaut und ergeben, dass knapp ein Viertel (22,5 Prozent) auch einschlägige Inhalte konsumiert. Ganze 29 Prozent der Nutzer begegnen pornografischen Inhalten, ohne danach gesucht zu haben – das ist kein erfolgreiches «Containment».

Doch nun beginnt ein neues, sauberes Zeitalter für Tumblr: Per Ende Woche werden neue Nutzungsbestimmungen durchgesetzt, die nicht jugendfreie Inhalte verbieten. Nur Bilder stillender Frauen und medizinische Nacktheit sind noch erlaubt. Explizite Bilder werden auch toleriert, wenn es ums Zeitgeschehen und um die Kunst geht. Alles andere wird nächste Woche auf Privat gestellt und verschwindet von der Plattform.

Apple befeuerte Prozess noch

Das Ende der Freizügigkeit hat sich abgezeichnet. Im Sommer 2016 kaufte der US-Telecomkonzern Verizon Yahoo und damit auch Tumblr für 4,8 Milliarden US-Dollar. Gründer David Karp warf wenige Monate nach Vollzug des Deals den Bettel als Chef hin: Das Internet sei an einem Scheideweg angelangt, schrieb Karp in seinem Abschiedsmemo an seine Ex-Kollegen. Es wurde ein neuer Filter eingeführt, bei dem die Nutzer explizit Sex-Inhalten zustimmen mussten.

Vor drei Wochen dürfte Apple das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht haben. Der Softwarekonzern warf die App des Bloggingdienstes kommentarlos aus dem Store. Bald wurde der Grund klar: Auf Tumblr waren kinderpornografische Inhalte aufgetaucht.

Es gibt zwar Filter, die das hätten verhindern sollen. Doch die führen Abgleiche mit bekannten Fotos und Videos durch und entdecken keine Materialien, die noch nicht in Datenbanken verzeichnet sind. Andere vermuten ausserdem, die neue Muttergesellschaft habe Probleme wegen eines neuen US-Gesetzes gegen Menschenhandel und Prostitution befürchtet.

«Ein keimfreier Spielplatz»

Der aktuelle Chef, Jeff D’Onofrio, erklärt, man habe den unpopulären Entscheid ausführlich diskutiert: «Doch es gibt schliesslich genügend Websites mit Erwachseneninhalten.»

Viele User bedauern es, dass Tumblr jetzt sauber wird, auch wenn es nicht als Überraschung kommt. Für das Onlinemagazin «The Verge» passt es zur allgemeinen Entwicklung: «Das Internet hat sich in den letzten Jahren vom Wilden Westen zu einem keimfreien Spielplatz der Unternehmen entwickelt.» Doch für Tumblr werde sich die Kehrtwende als desaströs erweisen: «The Verge» zieht den Vergleich zu «Live Journal». Das war 2007 eine populäre Plattform für Onlinetagebücher. Sie hat in einer Säuberungsaktion Tausende von Nutzerkonten gelöscht und einen Nutzer-Exodus ausgelöst, von dem sie sich nie wieder erholen konnte.

«Freundlicher als klassische Pornowebsites»

Auch Wired.com weiss vom Bedauern vieler Konsumenten und Urheber: Tumblr sei «ein einzigartiger, sicherer Ort für kuratierte Videos, GIFs und Bilder zu sexuellen Themen gewesen», wird die Stimmung zusammengefasst. Sexarbeiter haben die Website gern genutzt, gerade weil es eben nicht nur Pornografie auf der Site gab. Die loben das «kontrollierte, einigermassen geschlossene Umfeld», das es in dieser oder ähnlicher Form nirgendwo sonst gibt: «Die Plattform ist freundlicher und einladender als klassische Pornowebsites, mit einer positiven, vorurteilsfreien Kultur.»

Genauso tönt es beim Newsportal «Motherboard», wo der Verlust für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender bedauert wird: «Das war der Ort, wo wir Porno finden konnten, der uns entspricht und wo unabhängige Künstler ihre Werke anbieten durften», erläutert eine Aktivistin. Sie bedauert die Botschaft, die am Ende hängen bleibt: Dass Sex offenbar etwas so Schlimmes sein muss, dass er auf einer Mainstreamplattform keinen Platz hat.

Erstellt: 11.12.2018, 17:34 Uhr

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