Jetzt kommt das Netflix für Gamer

Gamen ohne Konsole über einen Streamingdienst: Onlineriesen wie Google und Microsoft feilen an der Zukunft des Spielens.

Eine Armee von Gamern: Besucher der E3, der Electronic Entertainment Expo in Los Angeles. Foto: Reuters

Eine Armee von Gamern: Besucher der E3, der Electronic Entertainment Expo in Los Angeles. Foto: Reuters

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Der junge Mann hält in seinen Händen einen Controller der Spielkonsole Xbox, auf den er sein Smartphone montiert hat, er beginnt zu zocken: kein Puzzlespielchen, das heutzutage auf jedem Handy installiert ist, sondern eine Version der Blockbuster-Franchise Halo in fantastischer Auflösung – gemeinsam mit anderen Spielern, die sich irgendwo auf der Welt befinden. Er tut es ohne Konsole, die Grafik und Gameplay verarbeitet, und ohne Wlan-Verbindung für schnelles Verschicken und Empfangen von Daten. Er spielt, einfach so, über einen Streamingdienst.

Was sie da kürzlich auf dem Campus des Technikkonzerns Microsoft vorgeführt haben, ist nichts weniger als das Ende der Videospiel-Welt, wie wir sie kennen, und eine andere Technikfirma hat am Dienstag die Ankunft der Apokalypse bestätigt: Google kündigte auf der Game Developers Conference (GDC) in San Francisco die Videospiel-Plattform Stadia an, die schon Ende 2019 in Nordamerika und Europa starten soll. Das Unternehmen präsentierte dafür keine Konsole, sondern lediglich einen Controller, und das grosse Versprechen lautet: Die Leute sollen künftig alle möglichen Spiele auf allen möglichen Plattformen zocken können, also zum Beispiel Devil May Cry 5 auf dem Telefon, Apex Legends auf einem Smart-TV oder Assassin's Creed: Odyssey über den Internet-Browser Chrome auf einem Laptop. Und sie sollen das möglichst überall tun können.

Video: Das Best-of der Stadia-Präsentation Google stellt seinen Gaming-Streamingdienst vor. Video: Youtube/Tech Insider

«Wir werden komplett umdenken und für die nächste Generation von Spielen völlig neue Wege beschreiten», sagte Jade Raymond bei der Präsentation. Sie ist für die legendäre Videospiel-Franchise Assassin's Creed verantwortlich gewesen und nun Leiterin der Spieleabteilung bei Google. Die 43 Jahre alte Kanadierin soll Spiele für den neuen Streamingdienst entwickeln, sie sagt aber auch: «Wir werden mit externen Herstellern zusammenarbeiten, um aus dieser brandneuen Technologie das Möglichste rauszuholen.» Die brandneue Technologie bedeutet allerdings den Anfang vom Ende für Spielkonsolen.

Diese Ära hat im Jahr 1968 mit der Brown Box des deutschamerikanischen Entwicklers Ralph Baer begonnen. Sie hat solch legendäre Geräte wie Playstation 2 (Sony), 2600 (Atari) oder Dreamcast (Sega) hervorgebracht und damit für diesen oftmals sehr hart geführten Wettbewerb zwischen Herstellern wie Nintendo, Sony und Microsoft gesorgt, der immer wieder als «Krieg der Konsolen» bezeichnet wird. Der Erfolg der Industrie, die mittlerweile zwei Milliarden Spieler weltweit zählt und für einen Umsatz von 140 Milliarden Dollar pro Jahr sorgt, hat das Spielverhalten und auch die Kommunikation der Menschen nachhaltig verändert.

Vier Milliarden Menschen weltweit sind mittlerweile auf irgendeine Weise mit dem Internet verbunden, und die wollen die Hersteller von Videospielen so effizient wie möglich erreichen. Google will dafür die Infrastruktur seiner Datenwolke mit weltweit mehr als 7500 Knotenpunkten sowie die Videoplattform Youtube dafür nutzen, um Spiele möglichst reibungslos an Kunden auszuliefern, und wenn man mal betrachtet, wie genau das funktionieren soll, dann bemerkt man die gewaltigen Auswirkungen, die das auf die komplette Branche haben dürfte.

Verblüffend ist, wie schnell der Dienst verfügbar sein soll – und wie reibungslos er bei den Präsentation funktioniert.

Hersteller sollen ihre Produkte künftig nicht mehr auf Datenträgern oder zum Download feilbieten, sondern zum Beispiel über einen Werbefilm auf Youtube anpreisen, an dessen Ende die Nutzer auf einen Button drücken und sofort zu spielen beginnen können. Allein das dürfte die Distribution von Computerspielen und die daraus resultierenden Geschäftsmodelle nachhaltig verändern.

Es geht noch weiter: Die Variante «Crowd Play» soll dafür sorgen, dass Leute, die zum Beispiel den Livestream eines berühmten Videospielers gucken, über eine Einladung an dessen Spielrunde teilnehmen können; oder sie können das Spiel eines Freundes fortsetzen, wenn der ihnen den Link zum Spielstand schickt. Das Unternehmen feilt seit Jahren an diesem Dienst und hat die Gerüchte durch Anwerbungen namhafter Videospiel-Manager wie Jade Raymond oder Phil Harrison (Microsoft) angeheizt. Verblüffend ist, wie schnell der Dienst verfügbar sein soll – und wie reibungslos er bei den Präsentation funktioniert.

Der Ansatz von Microsoft ist ähnlich. Auf der Computerspielmesse E3 im Juni in Los Angeles soll der Streamingservice als Erweiterung des Spiele-Abonnements «Game Pass» offiziell vorgestellt werden und noch in diesem Jahr in einer Testversion verfügbar sein. «Wir werden keine zwei Milliarden Konsolen verkaufen. Es gibt weltweit zahlreiche Märkte, in denen eine Konsole nicht zum Lifestyle gehört», sagte Microsoft-Spielchef Phil Spencer: «Wir wollen unseren Abo-Service möglichst auf jedes Gerät bringen. Jeder Mensch auf der Welt soll so spielen, wie er das gerne möchte.»

Die Karten auf den Tisch gelegt

Das führt zur Frage, welche Geschäftsmodelle die Streamingservices ermöglichen dürften. Vorstellbar sind Abonnements wie bei Netflix oder Amazon, aber auch Gratis-Spiele, die über Mikrotransaktionen innerhalb der Spiele wie besondere Kleidung, Tänze oder auch Hilfe bei einzelnen Levels refinanziert werden. Und es führt zur Frage, ob das denn alles wirklich so reibungslos funktionieren wird wie bei den Präsentationen von Microsoft in Seattle und von Google in San Francisco mit Daten-Knotenpunkten gleich um die Ecke. Präsentationen sind nun mal darauf ausgelegt, dass alles funktioniert. Abseits strahlender Bühnen sieht es selbst nach der Ankunft der Mobilfunktechnik 5G nicht überall nach reibungslosem Ablauf aus – gerade Deutschland gilt derzeit als Funkloch-Republik.

Es dürfte noch ein bisschen dauern, bis die Streamingplattformen tatsächlich in hoher Qualität und ohne Störungen funktionieren werden. Allerdings: Die Giganten Microsoft und Google haben nun ihre Karten recht offen auf den Tisch gelegt, andere dürften mit eigenen Plattformen wie etwa Geforce Now (Nvidia) und Playstation Now (Sony, möglicherweise über eine Cloud-Kooperation mit Amazon) folgen.

Der Krieg der Konsolen dürfte bald vorbei sein, der Kampf der Streaming-Plattformen hat gerade begonnen, und für die Leute, die bald selbst einen Controller mit montiertem Smartphone in ihren Händen halten sollen, ist das erst einmal eine gute Nachricht: Wenn die Hersteller von Spielen künftig um vier Milliarden potenzielle Kunden kämpfen, dann dürfte das, wie zuletzt bei der Disruption der TV-Branche durch Streamingportale, zu einem Anstieg von Quantität und Qualität führen.

Erstellt: 20.03.2019, 16:46 Uhr

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