Ein radikaler Freiheitskämpfer

Freie Software treibt heute das Internet an. Trotzdem ­fordert der Vater der Idee, Richard Stallman, weiterhin mehr ­Kontrolle für die User.

Hacker und Software-Aktivist: Richard Stallman. Foto: François Sechet (Leemage)

Hacker und Software-Aktivist: Richard Stallman. Foto: François Sechet (Leemage)

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Richard Stallman ist mit seinem immer grauer werdenden Rauschbart und seinen Batikhemden eine eindrückliche Erscheinung – die Verkörperung des alternden Hackers, der seine Seele nie für den finanziellen Erfolg verkauft hat. Er ist ein Aktivist, der sich in den USA für die grüne Partei und beim kommenden Präsidentenwahlkampf für den krassen Aussenseiter Bernie Sanders einsetzt und keine Probleme damit hat, anzu­ecken. Beispielsweise nach dem Tod von Steve Jobs mit der Bemerkung: «Ich bin nicht froh, dass er tot ist. Aber ich freue mich, dass er nicht mehr da ist.»

Stallman hat die Idee der freien Software in die Welt gesetzt: Die Nutzer sollen das Recht haben, eine Software nicht nur zu benutzen, sondern auch weiterzugeben, den Quellcode anzusehen und zu verändern. Zur Verfechtung seiner Idee hat Stallman vor dreissig Jahren die Free Software Foundation (FSF) gegründet. Diese gemeinnützige Organisation hat eine Lizenz für Softwareprogramme geschaffen, die den Usern ebendiese Rechte einräumt.

Die Lizenz heisst GNU General Public License (GPL) und ist oft – aber nicht immer – mit der Forderung verbunden, dass die veränderte Software unter den gleichen Nutzungsbedingungen weitergegeben werden muss. Als Parodie auf das Wort Copyright (Urheberrecht) nennt Stallman das «Copyleft».

Stallmans Idee der freien Software hat sich als ungemein kraftvoll er­wiesen. Sie hat die Innovation an allen Fronten befördert. Zu fast allen kommerziellen Softwareprodukten gibt es heute freie Alternativen. Aber nicht nur das. Freie Software treibt das Internet an und steckt in fast allen grossen Plattformen, weil diese heute viel zu komplex wären, um von Grund auf entwickelt zu werden. Ungefähr die Hälfte aller Websites läuft auf GNU Linux, dem unter der GPL lizenzierten Betriebssystem und der Apache-Server-Software. Android, Googles äusserst erfolgreiches mobiles Betriebssystem, wird unter einer von der FSF gutgeheissenen Lizenz veröffentlicht, die auf das Copyleft verzichtet. Apple-Produkte fussen auf einer freien Unix-Variante namens Darwin, auf die Apple die eigenen, nicht freigegebenen Technologien draufsattelt. Darwin steckt sowohl im Desktop-Betriebssystem OS X als auch in iOS von iPhone und iPad. Und auch Microsoft betrachtet quelloffene Software als Teil der Strategie. Der Konzern hat mehrere seiner Programmiersprachen sowie die .Net-Plattform für Webdienste und -anwendungen im Quellcode freigegeben.

Ist die freie Software à la Richard Stallman eine einzige Erfolgsgeschichte – wo sogar die Grossen der Branche sie adaptieren? Nicht wirklich. Die Vision wurde und wird andauernd missverstanden. Die NZZ schrieb 1998, Stallman vertrete «eine Art Software-Kommunismus». Die Open-Source-Bewegung glaubt, es sei damit getan, den Quellcode der Programme zugänglich zu machen. Viele reduzieren das Ganze auf ein Rabattprogramm – indem sie «frei» mit «kostenfrei» gleichsetzen. Und auch die Grossen der Branche setzen quelloffene Produkte ein, wie es gerade in den Businessplan passt.

User-Emanzipation

Das eigentliche Ziel von Stallmans Ansatz ist die radikale Emanzipation des Softwarebenutzers: «Frei wie bei Meinungs­freiheit, nicht dem Freibier», hat Stallman seinerzeit ausgerufen, ohne dass dieses Bonmot die Missverständnisse ausgeräumt hätte. Es geht um die Befreiung aus einem Abhängigkeitsverhältnis: Wer eine kommerzielle Software nutzt, der ist darauf angewiesen, dass diese im Sinn des Users vom Hersteller weitergepflegt wird und dass sie sich kooperativ verhält – also beispielsweise auch keine Hintertüren oder Spionage­funktionen enthält.

Mit den Freiheiten, Software zu nutzen, zu kopieren und den Quellcode einzusehen und zu verändern, hat jeder User individuelle Kontrolle über eine Software, während die User als Gruppe eine kollektive Kontrolle ausüben. Stallman ist denn auch der dezidierten Ansicht, das sei heute wichtiger denn je: «Proprietäre Programme sind darauf ausgelegt, den Benutzer zu bespitzeln, ihn einzuschränken, zu zensurieren und zu missbrauchen.»

Und das tun in Stallmans Augen die kommerziellen Produkte mehr denn je. Auf seiner Website stallman.org rechnet er mit allen grossen Anbietern ab – von Amazon, Apple, Facebook, Skype über Uber bis hin zu Netflix, Twitter und Spotify. Apple-Produkte lehnt er vehement ab, weil Apple beispielsweise Apps für die Cyberwährung Bitcoins aus dem Store werfe, in China produzieren lasse, Inhalte in iTunes zensuriere, absurde Patente durchsetze.

Amazon und Spotify kritisiert er, weil sie in ihren Produkten Kopier­schutz­mechanismen einsetzen. Der Software-Aktivist verlangt, dass Schulen nur freie Programme verwenden und auf Cloud-Anwendungen verzichten. Die informationstechnische Souveränität eines Landes hänge davon ab, schrieb er in einem Text in «Wired».

«Befreien Sie Android!»

Die Free Software Foundation kämpft heute für ein freies Android. Googles Betriebssystem ist zwar im Kern frei, wird aber von proprietären Komponenten ummantelt. Diese «verhindern den unab­hängigen, selbstbestimmten Gebrauch», weswegen die «Befreien Sie Android»-Kampagne dazu aufruft, alternative Android-Varianten wie Replicant OS oder CyanogenMod zu benutzen. Im «Manifest für Nutzerdaten» verlangt die FSF wiederum drei Rechte für die Anwender: zu wissen, wo die Daten gespeichert sind, Kontrolle über den Zugang und die Freiheit, jederzeit eine andere Plattform zu wählen.

Man mag Stallman in seiner Radikalität als unkooperativ empfinden. Vor einem Gespräch handelt er Bedingungen aus. Im resultierenden Artikel darf nie von Linux, sondern nur von «GNU ­Linux» die Rede sein. Auch den Begriff Open Source lehnt er ab – weil er ihm zu pragmatisch auf die Quelloffenheit der Programme und zu wenig auf den philosophischen Überbau gemünzt ist.

Trotzdem sollten wir Anwender ihm dankbar sein, dass er unser kompromissloser Fürsprecher ist und bleibt – und ein Stachel im Fleisch der kommerziellen Software-Hersteller, Dienste-Anbieter und Daten-Verwalter.

Das Interview mit dem Präsidenten der Free Software Foundation Europe, Matthias Kirschner: «Politisch denkende Menschen verstehen das Anliegen der freien Software»

Erstellt: 06.10.2015, 19:01 Uhr

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