Google weiss noch mehr über uns, als wir meinen

Nutzer geben dem Konzern weit mehr preis als nur Standortangaben. Das zeigen abgefangene Smartphone-Daten.

Dass Google über seine Apps Standortinformationen sammelt, weiss jeder. Doch da fliessen noch mehr Angaben. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Dass Google über seine Apps Standortinformationen sammelt, weiss jeder. Doch da fliessen noch mehr Angaben. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Wo waren Sie letzten Sommer in den Ferien? Welches Café haben Sie vor drei Jahren im Januar besucht? Waren Sie schon einmal in der Nähe der Kappellbrücke?

Google weiss es vermutlich, dank einer Funktion namens «Standortverlauf». Ist der Verlauf aktiviert, finden sich alle gesammelten Informationen hübsch aufbereitet in der Timeline-Karte auf Google Maps. Die Karte zeigt jene Orte, die ein Nutzer besucht hat und die Routen, die er gefahren oder gelaufen ist.

Eine Freischaltung für alle Apps

Das kann praktisch sein: Die Funktion kann Nutzer an schöne Momente erinnern und als Tagebuch dienen. Sie zeigt aber auch, wie unheimlich viel das amerikanische Unternehmen über sie weiss – und dauerhaft speichert.

Das wichtigste zuerst: Google sammelt diese Daten nicht automatisch und auch nicht heimlich. Selbst wenn Nutzer ein neues Smartphone oder Tablet mit dem Google-Betriebssystem Android einrichten möchten, wird die Funktion nicht vorgeschlagen. Allerdings wartet der Standortverlauf subtil in vielen Apps des Unternehmens darauf, aktiviert zu werden. Etwa in Google Maps, Google Fotos oder im Google Assistenten.

Die Handys sendeten den aktuellen Akkustand und die Gerätenummern aller Bluetooth-Gadgets in der Nähe der Handys.

Das Unternehmen fragt die Nutzer, ob sie die Funktion aktivieren wollen und bietet ihnen als Gegenleistung weitere Funktionen an: Fotos können etwa automatisch in bestimmte Alben einsortiert werden, nach Aufnahmeort sortiert. Verkehrshinweise sollen die Pendelstrecke erträglicher machen oder Google passt Suchergebnisse anhand besuchter Standorte an. Da die Funktion in mehreren Apps wartet, könnten Nutzer sie an vielen Stellen aktivieren. Der Standortverlauf wird dann nicht nur für die ausgewählte App freigeschaltet, sondern gilt sofort für alle Google-Apps.

Die Daten stammen von Suchanfragen in Google Maps und von den Smartphone-Sensoren. Letztere sind für Google eine Daten-Goldgrube. Denn Smartphones erkennen per GPS den genauen Standort, mit der Wlan-Funktion scannen sie die Netzwerke in der Nähe. Sie können sogar den aktuellen Luftdruck erfassen.


Video – Auch Apple sammelt Daten

Das neue iPhone X lässt sich per Gesichtserkennung entsperren – mit Folgen. (Video: Tamedia)


Das Online-Portal Quartz hat in einem Test drei verschiedene Android-Smartphones mit einem manipulierten WLAN verbunden und die Daten abgefangen, die Google mit dem Standortverlauf erfasst. Die Handys sendeten unter anderem den aktuellen Akkustand, die Gerätenummern aller Bluetooth-Gadgets in der Nähe der Handys und natürlich die GPS-Koordinaten an Google. Ausserdem versuchten die Handys herauszufinden, was die Nutzer gerade taten und schickten Wahrscheinlichkeitswerte an Google, zum Beispiel: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 58 Prozent geht der Nutzer zu Fuss.

Standortverlauf deaktivieren und löschen

Will ein Nutzer den Standortverlauf aktivieren, schreibt Google immerhin einigermassen transparent vor der Aktivierung, dass es mit den Informationen auch «relevantere Werbung» anzeigen will. Da die Apps des Unternehmens in der Regel kostenlos sind, beginnt damit das wahre Geschäft des Unternehmens. Eine Pizzeria in Bielefeld könnte anhand der Daten besser die Leute erreichen, die gerade in der Stadt sind. Radfahrer könnten von Sportartikelherstellern auf sie zugeschnittene Werbung sehen und wer oft mit der Bahn fährt, erhält durch die Anzeigen eventuell besondere Bahn-Angebote.

Nutzer sollten daher abwägen: Benötigen sie diese neuen Funktionen wirklich und möchten sie dafür mit ihren Positionsdaten bezahlen? Sie können den Standortverlauf auf der Timeline-Webseite von Google Maps deaktivieren. Um vergangene Einträge zu löschen, müssen Sie auf das Zahnrad-Symbol in der rechten unteren Ecke klicken und anschliessend «Gesamten Standortverlauf löschen» auswählen. In der Google-Maps-App auf Android-Geräten ist die Funktion im Hauptmenü links unter «Meine Zeitachse» zu finden. In der Zeitachse können Nutzer oben rechts das Menü öffnen und auf «Einstellungen» tippen. Hier können sie den Standortverlauf löschen.


Video – Alternativen zu Google Maps

Digital-Redaktor Matthias Schüssler zeigt Geodienste – viele aus der Schweiz –, die mehr bieten als Google Maps.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 09:34 Uhr

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