Google-Mitarbeiterin Nr. 16 schlägt Alarm

Youtube-Chefin Susan Wojcicki ist die mächtigste Frau im Google-Konzern. Sie hat eine Mission – und Verbündete.

Forbes nahm sie 2018 auf die Liste der zehn mächtigsten Frauen der Welt auf: Youtube-Chefin Susan Wojcicki. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Forbes nahm sie 2018 auf die Liste der zehn mächtigsten Frauen der Welt auf: Youtube-Chefin Susan Wojcicki. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

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Vor dem Zimmer des Strassburger Hotels, in das Susan Wojcicki zum Gespräch gebeten hat, wartet ein Bodyguard. Den hat sie immer dabei: Im April vergangenen Jahres schoss eine Youtuberin auf dem Campus der Firma in der Nähe von Los Angeles um sich, bevor sie sich selbst tötete. Sie habe Youtube gehasst, sagen Verwandte, weil sie sich von der Videoplattform ungerecht behandelt fühlte; und Susan Wojcicki ist die Chefin von Youtube.

Man könnte aber auch meinen, sie habe den Schrankmann extra für ihren Besuch bei den Europa-Abgeordneten in Strassburg engagiert, so heftig wird die Debatte um die geplante Urheberrechtsreform geführt. Gerade in den vergangenen Tagen musste sich Wojcicki einige Beschimpfungen gefallen lassen, auch aus Europa: «Youtube wiegelt die Kinder auf», titelte etwa eine grosse Wochenzeitung.

35 Millionen Kanäle in Europa schliessen?

Was war geschehen? Nach einem Blogpost von Susan Wojcicki hatten Hunderte Youtuber in Videos vor dem Ende des Internets gewarnt: «Youtube geht 2019 unter», «Die EU macht das Internet kaputt», «Youtube wird GELÖSCHT!» Danach hagelte es Vorwürfe, Youtube missbrauche seine Nutzer, um Stimmung gegen die geplante Urheberrechtsreform zu machen. Wojcicki hingegen will von Missbrauch nichts wissen, und von Stimmungsmache auch nicht: «Die Youtuber sind eine Interessengruppe, von der die Entscheidungsträger bislang noch nicht gehört haben.»

Wojcicki ist seit 2014 CEO von Youtube. Zum Mutterkonzern Google gehört die 50-Jährige aber schon viel länger: Google wurde in ihrer Garage gegründet, die sie damals an Larry Page und Sergej Brin vermietet hatte. Wojcicki wurde Mitarbeiterin Nr. 16 des Unternehmens. Sie war es auch, die Page und Brin empfahl, den schon damals sehr erfolgreichen Videodienst Youtube zu kaufen. Forbes nahm sie 2018 auf die Liste der zehn mächtigsten Frauen der Welt auf. Im deutschsprachigen Raum ist Wojcicki dagegen weitgehend unbekannt: Ihr Wikipedia-Eintrag umfasst gerade mal vier Zeilen.

Wojcicki ist nach Strassburg gekommen, um Europaparlamentariern zu erklären, warum die Urheberrechtsreform, über die gerade verhandelt wird, ihr Bauchschmerzen bereitet. Konkreter: Artikel 13 des Entwurfs. Im Kern geht es dabei um eine sehr grundsätzliche Frage: Wer soll verantwortlich sein für die Inhalte, die Nutzer bei Youtube, aber auch bei anderen Diensten wie Instagram oder Facebook hochladen: die Nutzer, so wie bisher – oder doch Youtube?

Sind Wojcickis Drohungen ernst zu nehmen?

Wojcicki will unbedingt verhindern, dass Youtube selbst für jede Urheberrechtsverletzung geradestehen soll. «Es ist eine unlösbare Aufgabe für uns, jedes kleine Ding zu finden, das potenziell urheberrechtlich geschützt sein könnte», sagt sie. Die Firma hat angekündigt, unter Umständen 35 Millionen Kanäle in Europa zu schliessen, und nur noch die Inhalte professioneller oder zumindest grosser Anbieter durchzulassen. Das sei nicht nur eine leere Drohung: «Ich will nicht, dass das passiert, aber wir würden das sonst machen», sagt Wojcicki. «Das Haftungsrisiko wäre einfach zu gross.»

Die EU-Kommission weist die Vorwürfe zurück. Der Gesetzvorschlag ziele nicht auf einfache Youtubenutzer. Wojcicki aber glaubt, dass das Problem nicht nur offensichtlich urheberrechtswidrige Inhalte betrifft wie mitgeschnittene Kinofilme oder vollständig hochgeladene Alben angesagter Bands, sondern eben doch auch die vielen Video-Blogger, die aus ihrem Büro oder Kinderzimmer senden: «Was, wenn an der Wand hinter ihnen ein urheberrechtlich geschütztes Gemälde hängt, oder wenn ein Popsong im Hintergrund läuft, oder wenn sie ganze Passagen aus einem Buch vorlesen?», fragt Wojcicki. Man könne nicht jedes Video auf diese Art überprüfen.

Bislang reagieren die Dienste nur dann, wenn sie von Urheberrechtsverstössen auf ihren Plattformen durch eine Meldung oder Anfrage erfahren. Entweder, indem sie die Inhalte sperren, oder indem sie die Urheber an den Einnahmen daraus beteiligen. Denn Youtube verdient auch an solchen Inhalten, die Nutzer eigentlich gar nicht hochladen dürften. Zwar nicht unmittelbar, aber durch Werbeanzeigen, von deren Erlösen Youtube einen ordentlichen Teil für sich behält.

Youtubes Filtersystem ist fehleranfällig

Youtube verweist regelmässig auf die Anstrengungen, die die Firma im Urheberschutz bereits jetzt unternimmt. So hält Youtube für Urheber ein eigenes Rechteverwertungssystem namens «Content ID» vor, ein Filtersystem, das die Firma nach eigenen Angaben bereits mehr als 100 Millionen Dollar gekostet hat.

Urheber können dort Inhalte hinterlegen. Das System schlägt dann Alarm, wenn ein anderer versucht, denselben Inhalt hochzuladen. Der «echte» Urheber kann entscheiden, ob er will, dass die Kopie gelöscht wird, oder ob er den Inhalt «monetarisieren» will, wie das bei Youtube heisst: Anzeigen drum herum zulassen, und an den Erlösen mitverdienen. Nach Firmenangaben wurden auf diesem Weg schon mehr als drei Milliarden Dollar an Urheber ausgeschüttet.

Aber Content ID ist fehleranfällig und schlägt bisweilen auch falschen Alarm. Ausserdem steht es nicht allen Nutzern zur Verfügung: Derzeit profitieren vor allem professionelle Anbieter wie Fernsehsender, Musikverlage oder grosse Youtube-Kanäle. Alle anderen müssen sich selbst auf die Jagd nach illegalen Kopien ihrer Inhalte machen, diese melden, und hoffen, dass die Firma schnell reagiert.

Fragt man Wojcicki nach dem Unterschied zwischen Youtube und traditionellen Medienhäusern, die für alles verantwortlich sind, was sie senden oder drucken, verweist sie auf die Masse an Inhalten, die Nutzer dort hochladen: 400 Stunden pro Minute. Sie vergleicht die Plattform mit einem grossen Buchladen: «Einen Buchhändler würde man auch nicht für alles verantwortlich machen, was in den Büchern in seinen Regalen geschrieben steht.» Aber welche Anstrengungen muss der Buchhändler unternehmen, um zu verhindern, dass in den Regalen auch fotokopierte Bücher stehen?

Vorsprung für Youtube dank Uploadfilter?

Genau diese Frage versuchen gerade auch die Gremien der EU zu beantworten. Die Zeit drängt. Bis zur Europawahl im Mai bleibt nicht mehr viel Zeit. In der kommenden Woche wird wieder verhandelt. Eine Variante sind die sogenannten Upload-Filter, mit denen schlichtweg alle Inhalte auf mögliche Urheberrechtsverletzungen gescannt werden. Netzpolitiker kritisieren solche Upload-Filter. Sie fürchten, dass das Ökosystem Internet dadurch empfindlich gestört werden könnte.

Andere Entwürfe für das Gesetz entlassen Youtube und andere Dienste aus der Haftung, wenn sie sich ernsthaft darum bemühen, Lizenzen einzuholen, und effektive Methoden anbieten, um Urheberrechtsverstösse zu verhindern.

Letztlich könnten sogar beide Varianten Youtube einen Vorsprung vor kleineren Konkurrenten verschaffen. Mit Content ID hat die Firma ja ein System implementiert, das diesen Forderungen zumindest nahekommt. Andere Plattformen sind noch nicht so weit. Ob Youtube angesichts dieses Vorsprungs künftig überhaupt so viel mehr tun müsste als jetzt? «Ich glaube, das wäre vor allem ein grosser Schritt für die Internetindustrie als solche», sagt Wojcicki.


Video: So holen Sie mehr aus Youtube heraus

Digital-Redaktor Matthias Schüssler erklärt, wie Sie die Video-Plattform richtig nutzen.

Erstellt: 20.11.2018, 14:56 Uhr

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