Im Netz mordet kein Terrorist allein

Der Terrorist von Halle nutzte Netz und Medien, um maximale Aufmerksamkeit zu erlangen. Er beruft sich auf berüchtigte Online-Foren.

Markierungen der Polizei kleben um ein Einschussloch in der Schaufensterscheibe eines Dönerladens in Halle. <nobr>Foto: Jan Woitas (Keystone)</nobr>

Markierungen der Polizei kleben um ein Einschussloch in der Schaufensterscheibe eines Dönerladens in Halle. Foto: Jan Woitas (Keystone)

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Der rechtsextreme Terrorist, der in Halle zwei Menschen erschoss, mordete allein. Vieles deutet daraufhin, dass er seine Tat auch allein plante – aber nicht von allein: Die antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Aussagen des Mörders spiegeln sprachlich und inhaltlich die Ideologie vieler junger, weisser Männer wider, die sich in Online-Foren vernetzen, dort in ihrem Hass bestärken und zur Gewalt anstacheln.

Der Terroranschlag von Halle weist Parallelen zu Christchurch, El Paso und ähnlichen Taten auf. Männliche Extremisten bringen Menschen um, streamen die Morde live im Netz oder schreiben wirre Pamphlete, die sie selbst als «Manifeste» bezeichnen. Sie setzen auf moderne Technik und nutzen die Mechanismen einer vernetzten Öffentlichkeit aus, um maximale Aufmerksamkeit zu erhalten.

Die Verbreitungswege

Der Terrorist filmte seine Morde und streamte das Video live auf der Plattform Twitch. Der Dienst gehört Amazon, die meisten Nutzer veröffentlichen dort Livestreams von Videospielen. Nach Angaben von Twitch schauten etwa fünf Personen der Live-Übertragung zu. Danach blieb die Aufnahme eine halbe Stunde online, bevor Twitch sie löschte. In dieser Zeit sollen rund 2200 Menschen das Video abgerufen haben.

Auf Twitch selbst blieb das Publikum also überschaubar – allerdings luden einige Zuschauer das Video herunter und verbreiteten es auf anderen Kanälen. Dafür nutzten sie unter anderem den Messenger Telegram, die Plattform Liveleak und das Bittorrent-Netzwerk. In Foren wie 4chan und Kiwifarms teilten Nutzer Links und Screenshots. So entstand ein Schneeballeffekt, der dem Video zusätzliche Aufmerksamkeit bescherte. Später berichteten grosse Medien, erzählten die Inhalte nach oder zeigten gar den Täter in Nahaufnahme. So erreichte seine Botschaft eine breitere Öffentlichkeit.

Die Subkultur

In seinem Video nutzt der Angreifer die Sprache einer Online-Subkultur, die sich in anonymen Foren vernetzt. Die meisten Nutzer sind männlich, jung und weiss. Sie propagieren radikale Redefreiheit, die angeblich an die libertäre Netzkultur der Frühzeit des World Wide Webs anknüpft. Jeder soll alles sagen dürfen, ohne auf die Befindlichkeiten von Minderheiten Rücksicht nehmen zu müssen.

Doch dieses Selbstverständnis dient oft als Vorwand für rechtsradikale, rassistische und antisemitische Hetze. Auch Frauenfeindlichkeit und Schwulenhass sind weit verbreitet. Die Nutzer wandeln ständig auf der Grenze zwischen anarchischem Humor und offener Menschenverachtung. Memes werden zu Mordaufrufen, aus sarkastischen Insider-Witzen wird purer Hass. Das erschwert die Arbeit für Ermittler: Oft lässt sich nicht unterscheiden, wo der «Spass» aufhört und der Ernst beginnt.

«Ich wollte, dass auch mal jemand zu mir sagt: ‹Gut gemacht›»Ein User aus 4chan

Das Netz ist nicht schuld, dass Extremisten morden. Es spiegelt vorhandenen Hass und Vorurteile. Aber abgeschlossene Subkulturen erleichtern die Vernetzung und beschleunigen die Radikalisierung. Das zeigte sich bei vergangenen Terroranschlägen, und das zeigt sich im aktuellen Fall. Nur wenige Stunden nach den Morden identifizierten die Forennutzer den Angreifer als einen der ihren und diskutierten die Details des Anschlags. Manche bedauerten, dass der Täter nicht effizienter Juden getötet hat.

Für Aussenstehende ist es schwer zu verstehen, was die Nutzer dieser Foren antreibt. Vielen geht es um Bestätigung und Aufmerksamkeit. So sagt ein deutscher 4chan-User, der dort mehrfach Straftaten begangen hat: «Ich wollte, dass auch mal jemand zu mir sagt: ‹Gut gemacht›». Die Nutzer bilden eine verschworene Gemeinschaft und grenzen sich vom Rest der Gesellschaft ab. Normen, Werte und Gesetze spielen keine Rolle mehr. Was zählt, sind der sogenannte Lulz, der Spass am Trollen, und der Beifall Gleichgesinnter.

Diese Chan-Subkultur ist politisch nicht einheitlich. Rassistische und rechtsextreme Denkmuster sind weit verbreitet, es gibt aber keine direkte Verbindung zu traditionellen extremistischen Organisationen wie Combat18 oder der Identitären Bewegung. Diese Organisationen nutzen eher den russischen Facebook-Klon VK oder den Messenger Telegram. Auch Parteipolitik spielt in den Foren keine grosse Rolle. Zwar ähneln viele Narrative denen der radikalen Flügel der AfD, die Partei selbst wird dort aber kaum erwähnt.

Die Rolle der Plattformen

Im März griff ein Rechtsextremist zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch an und ermordete 51 Menschen. Er streamte die Tat live, das Video verbreitete sich auch auf grossen Plattformen wie Facebook und Youtube. Die Unternehmen bildeten Krisenstäbe, blockierten Uploads, trainierten Algorithmen und setzen menschliche Mitarbeiter ein – und kamen mit dem Löschen dennoch nicht nach.

In der Folge bündelten Unternehmen wie Microsoft, Twitter, Facebook und Google ihre Kräfte stärker, um solche Videos schneller zu erkennen und zu entfernen. Erstmals musste sich diese Allianz nun im Ernstfall bewähren. Die Aufnahme aus Halle wurde auch auf anderen Netzwerken wie Facebook und Instagram hochgeladen, doch im Vergleich zum Livestream aus Christchurch erhielt die Aufnahme der Morde von Halle deutlich weniger Aufmerksamkeit und wurde zuverlässiger gelöscht.

Es ist nicht möglich, alle Uploads sofort zu entfernen. Nutzer können Frühwarnsysteme überlisten, indem sie Aufnahmen zerstückeln, spiegeln oder anderweitig bearbeiten. Aber offensichtlich ist es zumindest möglich, das Publikum entscheidend zu verkleinern.

Die Rolle der Massenmedien

Terroristen wollen Angst und Schrecken verbreiten. Dafür nutzen sie bewusst und gezielt Medien als Verbreiter für ihre Taten. Jede Titelseite und jede Sondersendung im Fernsehen trägt dazu bei. Gar nicht zu berichten, ist gerade bei politisch motivierten Terroranschlägen aber keine Option: Im Zeitalter sozialer Plattformen sind klassische Massenmedien nur noch einer von vielen Wegen, auf denen sich Informationen, Bilder und Videos verbreiten.

Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie: Bis heute werden die Namen der Amokläufer und Terroristen von Columbine, München, Christchurch oder El Paso in Foren und auf Gaming-Plattformen ehrfürchtig zitiert. Sie gelten als Helden, Nutzer bezeichnen sie als Vorbilder, die sie zu Nachahmertaten inspirierten. Als einige Medien am Mittwoch den Namen des Angreifers nannten, wurde dieser binnen Minuten in eine Reihe mit früheren Attentätern gestellt. Die Nutzer der Foren saugen begierig auf, was in grossen Medien berichtet wird und freuen sich über die Aufmerksamkeit. Sie klatschen den Tätern Beifall und bedanken sich für den «Spass».

Erstellt: 11.10.2019, 19:46 Uhr

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