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Insekten töten für die Gesundheit

«Wenn man sich übers Spielen dazu bringt, mehr Physiotherapie zu machen, dann ist das gut»: Studenten entwickeln spezielle Computerspiele für an Schüttellähmung Erkrankte.

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Besonderes Computerspiel: Die Parkinson-Kranke Iris Sengstacke trainiert an der Universität in Bremen neben Student Ronald Meyer an einem therapeutischen Computerspiel, bei dem sie Bewegungen einer Affenfigur auf dem Bildschirm mit ihren Händen nachahmen muss, während ihre Bewegungen vom Computer mittels einer Kamera gefilmt werden.
Besonderes Computerspiel: Die Parkinson-Kranke Iris Sengstacke trainiert an der Universität in Bremen neben Student Ronald Meyer an einem therapeutischen Computerspiel, bei dem sie Bewegungen einer Affenfigur auf dem Bildschirm mit ihren Händen nachahmen muss, während ihre Bewegungen vom Computer mittels einer Kamera gefilmt werden.
Keystone

Erst reckt der kleine Affe auf dem Bildschirm die Arme schräg nach oben, dann nach unten, dann nach links. Wenn der Mensch vor der Mattscheibe alles richtig nachmacht, strahlt das digital animierte Tier als optische Belohnung und zeigt eine neue Bewegungsfolge. Ein Computerspiel ist das, aber ein ganz besonderes: Entwickelt haben es Bremer Studenten für Parkinson-Kranke, die damit Gehirn und Beweglichkeit trainieren können.

Der 1817 entdeckte Morbus Parkinson gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Nervensystems. Zumeist erkranken Ältere, fünf bis zehn Prozent sind aber jünger als 40 Jahre. Als Hauptsymptome nennt die Vereinigung Bewegungsarmut, Steifheit und Zittern. Betroffenen zufolge unterscheidet sich das Krankheitsbild bei jedem Betroffenen.

«Eine gute Ergänzung zur Physiotherapie»

«Jeder hat seinen eigenen Parkinson», sagt zum Beispiel Ingrid Sengstacke. Sie ist 50 Jahre alt und Landesbeauftragte der Parkinson Vereinigung für Bremen. Die Krankheit erschwert ihr nicht nur die Bewegungen, sondern auch das Sprechen. Eben steht sie vor dem Computer und bemüht sich, es dem Äffchen recht zu machen. Neben der Medikation sei Bewegung für Parkinson-Kranke das Allerwichtigste, sagt sie. «Das Spiel ist eine gute Ergänzung zur Physiotherapie.»

Entwickelt haben die Spiele elf Bremer Studenten des Master-Studiengangs Digitale Medien im Rahmen eines Projekts, das auf ein Jahr angelegt ist. Auf die Idee kamen die Studierenden, weil einer von ihnen einen Betroffenen in der Familie hat.

Alle Spiele basieren darauf, dass die Parkinson-Patienten einen Stab mit einer fest darauf montierten roten oder gelben Kugel in die Hand nehmen und damit spielen. Eine Kamera unterhalb des Monitors zeichnet die Bewegungen dieser Kugel auf und bringt sie mittels Software in Zusammenhang mit dem Spielablauf. Wird die Kugel korrekt bewegt, passiert etwas auf dem Bildschirm.

Auch Parkinson-Betroffene müssen trainieren

Im zweiten Spiel der Serie etwa zeichnen die Spielenden möglichst schnell und exakt Kreise aus Sternen nach, die auf dem Bildschirm erscheinen. Die Bewegung lässt die Sterne verschwinden, wofür es Punkte gibt. Im dritten Spiel sind Insekten mittels Kugelbewegung zu töten, die sich auf einen Obstkorb stürzen wollen. Spieler müssen zügig und präzise zuschlagen, sonst verschwindet das Obst nach und nach.

Zwar müssten Parkinson-Betroffene ständig trainieren, um ihre Beweglichkeit zu erhalten, doch da sei auch der innere Schweinehund, sagt Rainer Malaka vom Technologie-Zentrum Informatik. Die Idee hinter dem Projekt sei: «Wenn man sich übers Spielen dazu bringt, mehr Physiotherapie zu machen, dann ist das gut.»

Eine grosse Herausforderung sei es, einfache Spiele zu entwickeln, die motivierend seien, erklärt Malaka. Dafür schauen sich die Studenten viel in der Physiotherapie ab und setzen sich regelmässig mit den Bremer Betroffenen zusammen, berichtet Ronald Meyer, einer der Studenten. Alle sechs bis acht Woche treffe man sich, um den jeweiligen Entwicklungsstand der Spiele zu testen. «Wir greifen dann Kritik auf und setzen sie um», erzählt Meyer.

Die nächste Spielegeneration folgt

«Wir haben ihnen ziemlich schnell die Grenzen gezeigt -zum Beispiel, wo eine Bewegung zur Verkrampfung führt, wo sie zu kurzatmig ist», pflichtet Corinna Hahn bei. Inzwischen seien die Spiele «auf jeden Fall eine Bereicherung», sagt die 54-Jährige, die seit 16 Jahren an Parkinson leidet. «Ich bin dann auch abgelenkt und konzentriere mich nicht so auf mein Gebrechen.»

Derweil ist die nächste Spielegeneration schon im Entstehen, denn erst zwei Drittel der Zeit des Studentenprojektes ist um. Bislang kämen Rhythmus und Musik noch zu kurz, sagt Hochschullehrer Malaka. Ausserdem soll es auch Lösungen geben, bei denen mehrere Menschen gemeinsam spielen können. Genügend Ideen haben die Studenten: «Wir arbeiten zum Beispiel an einem Schwimmspiel, bei dem man einen Frosch durchs Wasser steuert», erzählt Ronald Meyer. «Und bei einem anderen geht es darum, die Bewegungen eines Prinzen auf dem Bildschirm nachzutanzen.»

(dapd)

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