Jetzt kommt die Sticker-Schwemme

Emojis, Smileys und Emoticons werden nun auch noch zur Geldmaschine.

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Am Anfang war das LOL. Die Abkürzung steht für lautes Lachen. Sie entstand mit vielen anderen kryptischen Akronymen während der Anfänge des Internets. In den Chaträumen und Onlineforen tummelten sich Technikfreaks und Anhänger der Hackerkultur, die eine effiziente Kommunikation schätzten – und die sich mit ihren Geheimcodes auch sehr gern von der uneingeweihten Masse absetzten. LOL steht heute im Duden und im Oxford English Dictionary.

«LOL ist Geek-Sprech, die es in den Mainstream geschafft hat, sagte Rob Manuel der BBC. Er betreibt die Humor-Site B3ta.com, und er sagt, er verwende LOL auch umgangssprachlich. «Und zwar in einem ironischen Sinn, so wie langsames Klatschen nach einem schlechten Witz.»

Doch LOL und Co. sind längst nicht die einzigen Beiträge des Internets zu unserer Kommunikation. Da sind die Emoticons: Buchstabenfolgen, hauptsächlich für Gefühle wie das bekannte augenzwinkernde ;-) Smiley. Die japanische Variante heisst Kaomoji, und sie zeichnet sich dadurch aus, dass man sie nicht wie die westlichen Emojis, mit nach links gekipptem Kopf betrachtet, sondern in Normallage. Der bekannteste Vertreter ist der Shruggie. Er besteht aus elf Zeichen und symbolisiert ein Männchen, das mit den Schultern zuckt und die Hände hilflos nach oben hält. Es gibt Hunderte von Kaomojis, die Dutzende von Zeichen lang und entsprechend komplex werden können.

Im Alltag angekommen

Der Schweizer Entwickler Simon Schmid ist Fan dieser nonverbalen Kommunikation. Er hat die App Kaomotion geschrieben, die diesen klassischen Smileys «durch Animation Leben einhaucht», wie er sagt. Die sprechenden Symbole seien nicht nur in der täglichen privaten Kommunikation angekommen, bekräftigt er: «Wir finden sie auch in Zeitungen und in der Werbung, und es gibt sogar Pläne für einen Emoji-Film», sagt Schmid.

Emojis sind die grafischen Symbole, denen heute jeder Nutzer von Whatsapp oder Facebook schon begegnet sein dürfte. Sie geben den Nutzern die Möglichkeit zurück, auf subtile Weise Gefühlsregungen zu vermitteln, die im Gegensatz zum direkten Gespräch oder dem Telefonanruf bei SMS und all den Messaging-Plattformen fehlen: «Sticker und Emojis füllen diese Lücke zumindest teilweise. Sie verdeutlichen die Stimmung und die Tonalität von dem, was wir sagen», erläutert Jeremy Burge. Er ist Unternehmer in London, der die Website Emojipedia betreibt und den World Emoji Day propagiert. Jeremy Burge braucht Emojis regelmässig – um Freundschaft auszudrücken oder um einem Tweet die Schärfe zu nehmen, der ohne ein lächelndes Gesicht am Ende schroff daherkäme.

Das Facepalm-Emoji kommt

Burge ist auch Mitglied des Unicode Emoji Subcommittee, das bestimmt, welche neuen Piktogramme offiziell aufgenommen werden und über die Smartphone-Tastaturen zugänglich gemacht werden. Mit den kommenden Updates der Smartphone-Betriebssysteme halten weitere Einzug, darunter der lang erwartete «Facepalm»: Ein Mann, der sich aus Unglaube oder Frustration mit der Hand an den Kopf greift.

Jeremy Burge engagiert sich für die Emojis, weil hier «die Tech-Unternehmen zusammenspannen, um jedem Smartphone dieser Welt die Möglichkeit zu geben, über die eingebaute Tastatur farbenfrohe Bildchen für Gegenstände, Gesichter und Gefühle zu versenden».

Die jüngste Spielart der nonverbalen Internetkommunikation sind die Sticker. Sie funktionieren ähnlich wie die Emojis, sind aber flexibler. Bei den Emojis gibt es nur die vom Unicode-Standard vorgegebenen Symbole. Sticker werden nicht als Schriftzeichen, sondern als Grafiken übermittelt. Sie sind meist detaillierter, können animiert sein, und es gibt sie in diversen Stilen und Stossrichtungen. Und sie sind offensichtlich ein interessantes Geschäftsmodell. In vielen Messaging-Apps gibt es nämlich nur die Basis-Sticker kostenlos. Für exquisitere Sticker muss man bezahlen.

Das Entstehen einer «Sticker Economy»

Die japanische Messaging-App Line hat so 2015 allein mit Stickern 268 Millionen US-Dollar umgesetzt, wie Qz.com im Juni berichtete. Der Verkauf solcher Sticker sei ein stark wachsender Markt. «Forbes» spricht sogar vom Entstehen einer «Sticker Economy».

Apple hat mit dem letzten Update des iPhone-Betriebssystems die iMessage-App mit Stickern ausgestattet, und der dazugehörende Store scheint zu florieren. Ein bereits unübersichtliches Angebot in der Preisspanne von 0 bis 3 Franken bedient die unterschiedlichsten Vorlieben: Von Ronaldinho- und David-Bowie-Stickern über Marvel-Comicfiguren und Grumpy Cat gibt es alles von herzig bis schräg. Auch für Marketingzwecke müssen die virtuellen Aufkleber herhalten. Beispielsweise stellt das US-Schnellrestaurant Dunkin’ Donuts seine Produktpalette in Stickerform zur Verfügung, damit man künftig seine süssen Gelüste auch ohne Worte ausdrücken kann.

Sticker-Fan Simon Schmid verwendet gerne Grammar Snob: Damit korrigiert man mehr oder weniger charmant die eigenen oder fremde Grammatik- und Orthografiefehler. Dramatic Ellipsis fügt dramatische Kommentare in die Konversation ein – wie «Und so hat es angefangen» oder «Warte auf die Pointe». Oder die «Lyrics Stickers» mit Sinnsprüchen aus allen Lebenslagen.

Digitales Esperanto? Wohl eher nicht

Kreativ, zeitsparend, ambivalent genug für doppelbödige Aussagen und ideal fürs Flirten, wie Simon Schmid sagt – aber es dürfte auch Leute geben, die die Kommunikation mit den Symbolen als kindisch und nervig empfinden. Das sei unvermeidlich, wenn man sie exzessiv benutzt, meint Jeremy Burge. Bei iMessage sei die Gefahr besonders gross, weil man Sticker auch auf die Nachrichten der anderen «draufkleben» kann: «Ich habe ohne Zweifel Freunde, die sehr gerne andere mit dieser Funktion nerven.» Doch sie haben auch ihre Grenzen und werden auch nicht zu einer universellen Sprache, quasi dem Esperanto der digitalen Ära mutieren. Emojis und Sticker ersetzen die Sprache nicht, sagt Jeremy Burge. Das begreift man, sobald man versucht, einen komplexen Vorgang oder ein spezifisches Detail nur mit Piktogrammen zu beschreiben. «Emojis sind vielmehr wie Hunderte sehr ausdrucksstarker Satzzeichen auf unserer Tastatur.»

Erstellt: 15.11.2016, 18:58 Uhr

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