Löchrige Playlists und verschwundene Netflix-Serien

Streamingdienste versprechen ständige Verfügbarkeit ihres Angebots. Doch im Alltag sieht das anders aus. Was dagegen hilft.

Bleibt der Mord unaufgeklärt? Foto: Getty Images

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Spotify: Schwund in der Playlist

Was wäre von einem Menschen zu halten, der einem Kleinkind den Teddy aus dem Kinderwagen nimmt? Die meisten Leute dürften die Ansicht teilen, dass das zwar ein Bagatelldelikt ist, aber eines von der moralisch verwerflichen Sorte.

Doch etwas ganz Ähnliches hat sich Spotify neulich geleistet. Der Streamingdienst hat ­nämlich sämtliche Lieder zu einem rosa Schweinchen namens Peppa Pig aus der Lieblings-Playlist meiner dreijährigen Tochter entfernt: «The Bing Bong Song», «Mummy Pig», «North Star» – alle sind sie weg!

Leere in der Wiedergabeliste

Damit das Familienleben nicht aus den Fugen gerät, versucht der verzweifelte Vater natürlich, die verschwundenen Schweinchensongs der Wiedergabeliste erneut hinzuzufügen. Spotify warnt daraufhin vor doppelten Liedern. Dabei ist die Playlist noch immer leer.

Die Hilfsabteilung des Streamingdienstes hat via Twitter immerhin eine schnelle Erklärung für dieses Drama parat: «Die Verfügbarkeit kann sich mit der Zeit von Land zu Land unterscheiden, je nach Genehmigungen der Rechteinhaber.»

Weniger verklausuliert heisst das, dass Titel sich von jetzt auf sofort in Luft auflösen, wenn die Lizenzen für ein Land nicht mehr vorhanden sind. Das kann offensichtlich aus heiterem Himmel und ganz ohne eine Reise in ein anderes Land passieren. Es gibt bei Spotify jedoch auch länderspezifische Unterschiede.

Ein Rechteinhaber darf auch keine CD aus meinem Wohnzimmer holen, selbst wenn sich die Lizenzsituation geändert haben sollte.

Warum verschwindet eine fünf Jahre alte Produktion, die sich noch bis vor kurzem problemlos anhören liess? Die Gründe ­bleiben in den allermeisten Fällen im Dunkeln, und der Spotify-Support will sie auch nicht diskutieren. Nur selten brechen Künstler öffentlich mit dem Streamingdienst. Dies tat zum Beispiel ­Taylor Swift, die sich 2014 zu wenig wertgeschätzt gefühlt hatte, um 2017 zurückzukehren. Einleuchtend ist der Abgang des US-Rappers Jay Z: Er ist Eigentümer des Konkurrenz-Streamingdienstes Tidal.

Irritierend ist jedenfalls, dass die betroffenen Titel spurlos verschwinden. Da zweifelt man als Spotify-Nutzer an sich selbst: Gehörte zu dieser Wiedergabeliste nicht noch dieses oder jenes Musikstück?

Immerhin gibt es in den Einstellungen der App im Abschnitt «Anzeigeoptionen» das ­hilfreiche Kästchen «Nicht verfügbare Songs in Playlists anzeigen». Ist das eingeschaltet, erscheinen die abhandengekommenen Stücke aus­gegraut – so sieht man wenigstens, was fehlt.

Nutzerfreundlich ist natürlich auch das nicht. Der einzige faire Weg wäre, keine Songs aus den Playlists der Spotify-Nutzer zu entfernen. Denn schliesslich darf sich ein Rechteinhaber auch keine CD aus meinem Wohnzimmer holen, selbst wenn sich die Lizenzsituation geändert haben sollte.

Hoffentlich ist der Lieblingssong noch da! Foto: Getty Images

Audible: Da muss auch der Kommissar kapitulieren

Besonders ärgerlich ist die Sache mit den Lizenzen bei der Amazon-Hörbuchtochter Audible. Dort passiert es den Nutzern immer mal wieder, dass nach dem Einloggen mit dem Nutzerkonto Bücher verschwinden, die vor dem Einloggen noch zum Kauf angeboten worden waren.

Ich habe mich deswegen schon des Öfteren mit dem Kundendienst des Hörbuchverkäufers gestritten. Man hat mich ­jedes Mal mit der gleichen Erklärung abblitzen lassen: Die Verfügbarkeit der Dateien würde ­davon abhängen, in welcher Region ­meine registrierte Kreditkarte ausgestellt worden sei.

Eine lückenhafte Serie

Das kann auch groteske Züge annehmen. Das zeigt sich exemplarisch an der Krimireihe des britischen Autors Michael Ridpath. In seiner Serie «Magnus Iceland Mysteries» ermittelt der aus den USA zurückgekehrte isländische Kommissar Magnus Jonson gegen Verbrecher. Die Serie hat fünf Teile, wovon aber nur drei Teile erhältlich sind (nämlich die Folgen 2, 3 und 5). Der erste und der vierte Teil sind nicht verfügbar – aufgrund «beschränkter Verlagsrechte», wie Audible entschuldigend anführt.

Da ich bei Teil drei feststecke (den ersten Teil hatte ich klassisch in Buchform gelesen), habe ich den Autor direkt via Facebook angefragt, ob ihm dieses verlagstechnische Mysterium denn bekannt sei. Er hatte noch nie ­davon gehört und zeigte sich ­überrascht. Michael Ridpath versprach Abklärungen. Die müssen jedoch im Sand verlaufen sein, denn ich habe bisher keine Erklärung erhalten. Vermutlich sind internationale Verlagsrechte eine derart komplizierte Materie, dass selbst die Autoren der betroffenen Bücher kapitulieren.

Bei der E-Book-Version ist die Situation ähnlich verworren, und mehrere Teile sind quasi «vergriffen». Es bleiben die ­gedruckten Ausgaben. Die sind – völlig problemlos – bei jeder Onlinebuchhandlung bestellbar.

Warum ist mein E-Book vergriffen? Foto: Getty Images

Netflix: Wenn man Lücken mit einer Lücke stopft

Wenn das mit der Ferienlektüre passieren würde, dann wäre es ein Fall für «Stranger Things» oder «Dark»: Während wir die Landesgrenze überschreiten, verflüchtigt sich das Buch aus dem Handgepäck: Weg, nicht mehr da. Oder es lässt sich nicht mehr öffnen – weil es in der Schweiz gekauft wurde und nicht für das ­Ferienland lizenziert ist.

In der realen Welt wäre nun eine Geisterbeschwörung fällig. Doch in der Welt der Streamingdienste ist es anscheinend normal, dass Filme und Serien während Reisen verschwinden. Denn das Angebot unterscheidet sich von Land zu Land, und welchen Katalog man vorgesetzt bekommt, hängt bei Netflix und anderen Diensten vom Standort ab.

Ferienmässige Zwangspause

Das kann zur Folge haben, dass man seine in der Schweiz angefangene Serie im Ferienland nicht weitersehen darf. So ist es uns bei unserem Aufenthalt in Schweden ergangen – ironischerweise mit einer schwedischen Serie. Die heisst «Bonusfamiljen», beschäftigt sich mit drei Patchworkfamilien und ist in ihrem Heimatland noch nicht mit der neuen dritten Staffel beim Streamingdienst verfügbar.

Was tun? Für den vorausschauenden Nutzer lässt sich für die ­Ferien die Download-Funktion der Netflix-App benutzen. Sie ist für den Offlinekonsum gedacht. Aber auch bei den heruntergeladenen Titeln überprüft Netflix den Standort – es ist somit wichtig, das Tablet am Ferienort im Flugmodus zu belassen, bis der Abspann läuft. Es gibt auch den Trick, Netflix via VPN-Zugang einen falschen Standort vorzuspiegeln. Der wird in letzter Zeit aber häufig durchschaut und unterbunden.

In der Welt der Streamingdienste ist es normal, dass Filme und Serien während Reisen verschwinden. 

Wir waren nicht vorausschauend und haben vor Ort die Lücke mit einer isländischen Produktion namens «Trapped – Gefangen in Island» gestopft. Dumm nur, dass die ihrerseits eine ­Lücke im Schweizer Katalog darstellt. Sprich: Nach der Heimreise ist es aus mit den ­Ermittlungsarbeiten des bärbeissigen Kommissars Andri Ólafsson.

Bleibt der Fall um den menschlichen Torso ungelöst – oder wie liessen sich die verbleibenden fünf Folgen der zehnteiligen Produktion ansehen? Die Serie wäre auch im iTunes-Store zu kaufen – ­hätte Apple nicht darauf verzichtet, im Schweizer Store Serien anzubieten.

Der Anbieter Sky Show würde sie streamen, wenn man denn Lust hätte, noch ein Streaming-Abo abzuschliessen. Amazon ­Prime würde die Folgen einzeln für je 2,99 Euro verkaufen. Doch der Internethändler hält meine Kreditkarte nicht für eine «aktuelle Zahlungsart».

Bleibt als einzige Lösung, bei der kein Tauschbörsen-Programm mit im Spiel ist, ein Versandhändler wie Cede.ch. Dort gibt es die Blu-Ray für 23.90 Franken. Hätte ich doch den Blu-Ray-Player beim letzten Umzug nicht ausgemustert!

Erstellt: 14.08.2019, 17:17 Uhr

Das Internet vergisst

Das Internet vergisst niemals, lautet eine Volksweisheit. Myspace hat das Gegenteil bewiesen: Im März hat das soziale Netzwerk seine gesamten Datenbestände aus den Jahren 2003 bis 2015 verloren. Myspace hat in den letzten Jahren einen Grossteil seiner Bekanntheit eingebüsst. Doch 2006 war das anders: Damals wurde die vor allem bei Musikfans beliebte Plattform in den USA öfter besucht als ­Google. Künstler wie Arctic ­Monkeys oder Lily Allen hatten dort ihre ersten Erfolge.

Viele Bands haben ihre Musik bei Myspace veröffentlicht – auch solche, die es heute nicht mehr gibt. Schätzungen besagen, dass rund 50 Millionen Songs abhanden gekommen sind. Und es gibt auch Spekulationen, ob es ein Unfall war – weil das Bereitstellen von Millionen alter MP3s schliesslich eine Stange Geld koste. (schü)

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