Microsoft kapituliert

Microsoft hat Github gekauft. Das klingt unspektakulär, betrifft aber Milliarden Computernutzer.

Entwickler bei einer Windows-Konferenz erhalten keinen vollen Einblick in das System. Foto: Getty Images

Entwickler bei einer Windows-Konferenz erhalten keinen vollen Einblick in das System. Foto: Getty Images

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Es ist so, als ob die Fast-Food-Kette McDonald’s die weltweite Slow-Food-Bewegung aufgekauft hätte. Die Rede ist von der neuesten Microsoft-Übernahme. Der Softwaregigant hat letzten Montag bekannt gegeben, die Firma Github für 7,5 Milliarden US-Dollar gekauft zu haben. «Git was?», werden sich viele fragen. Doch all jene, die Computercode schreiben, werden aufgehorcht haben; die besonders kampfeslustigen Programmierer werden die Faust geballt und gebrüllt haben: «Nieder mit dem Softwaremogul!»

Github ist für Programmierer die gute Version von Facebook. Es gibt dort keine Hassreden. Die russische Regierung kauft keine Werbung, um die US-Wahlen zu beeinflussen. Github ist vielmehr ein Ort, wo sich kreative Entwickler treffen, Ideen austauschen und sich inspirieren lassen.

Eine weltweite Entwicklergemeinschaft

Die Plattform hat 28 Millionen Nutzer, die schon 85 Millionen Projekte umgesetzt haben. Viele davon treiben heute die digitale Revolution voran. Scikit Learn zum Beispiel. Die Software wird überall für maschinelles Lernen eingesetzt – von der Gesundheitsbranche bis zum Finanzwesen. Abertausende Programmierer haben sich bei Scikit Learn bedient, um massgeschneiderte firmeninterne Algorithmen zu entwickeln. Gratis und franko. Der Code von Scikit Learn ist offen einsehbar und wird von einer weltweiten Entwicklergemeinschaft stetig verbessert und weiterentwickelt. Scikit Learn ist also Open Source. Github liefert die Infrastruktur, damit Menschen, die sich noch nie kennen gelernt haben, gemeinsam an komplexen Themen arbeiten können.

«Ein offener Code ist der bessere Computercode.»

Vielleicht ist Github das bisher grösste und erfolgreichste Kollaborationsprojekt der Menschheitsgeschichte. Die Plattform lässt sich am besten mit Ameisenkolonien in der Tierwelt vergleichen. Auf den ersten Blick sehen sie nach Chaos aus. Die Insekten steigen einander auf den Rücken. Sie rennen in unterschiedliche Richtungen, um kleine Gräschen hin und her zu tragen. Doch urplötzlich steigt der perfekte Ameisenhaufen in den Himmel. Denn Ameisenkolonien sind alles andere als chaotisch. Sie haben System.

Krasser Gegensatz zum Github-Ethos

Dasselbe gilt für Github: Es verfügt über ein sorgfältig erarbeitetes transparentes Regelwerk, das dafür sorgt, dass jeder den Code des anderen lesen, ergänzen, korrigieren kann, und gleich­zeitig vor Vandalen schützt. Das funktioniert so gut, weil alles transparent ist.

Jetzt kauft Microsoft also diese offene Plattform. Ein Unternehmen, das mit einer Philosophie gross geworden ist, die im krassen Gegensatz zum Github-Ethos steht. Microsoft teilt ungern. Die Firma machte ihre Milliarden mit proprietärer Software – etwa mit dem Betriebssystem Windows. Dessen Code ist nicht offen, sondern streng geheim. Wer das System nutzen will, muss eine teure Lizenz kaufen. Weiterentwickelt wird Windows hinter verschlossenen Türen von einer beschränkten Anzahl Mitarbeiter.

Sieg von Open Source

Doch Betriebssysteme für Computer, Handys, neuerdings Autos sind komplex geworden. Sie müssen in einem horrenden Tempo weiterentwickelt werden, um mit der Konkurrenz Schritt zu halten. Deshalb ist es besser, wenn so viele Leute wie möglich am Code eines jeweiligen Systems arbeiten, um möglichst viele Fehler auszumerzen. Aus diesem Grund öffnen immer mehr Unternehmen ihr System. Der Kern des Apple-Computer-Betriebssystems etwa ist offen auf Github einsehbar. Auch Googles System für Androidhandys ist dort teils zu finden.

Der Kauf von Github bedeutet nicht das Ende der Offenheit der Plattform. Im Gegenteil. Der Kauf ist gleichzusetzen mit dem Sieg von Open Source über proprietäre Software. Die Milliardenübernahme zeigt: Microsoft wurde endgültig von der Idee eingenommen, dass ein offener Computercode der bessere Computercode ist. Es ist so, als würde McDonald’s für Hamburger statt auf gezuckertes Weissbrot neuerdings auf Vollkornbrötchen setzen, die vom Bäcker um die Ecke kommen; das Fleisch wäre kein Restabfall vom Schlachthof, sondern Gehacktes vom Filet; das Öl kein Cocktail aus Zitronensäure, sondern richtiges tierisches Fett.

Nicht nur Programmierer, alle Computernutzer, die ganze Welt sollte dem Github-Kauf von Microsoft applaudieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 23:47 Uhr

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