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«Sie geben bei jedem Artikel ein Stück Ihrer Identität preis»

Christian Heller will sich weder dem Facebook-Diktat noch dem Datenschutz unterwerfen. Die Redaktion Tamedia-Leser wagen Prognosen für die Zukunft des offenherzigen Autors.

Ist Datenschutz tot? Nein, sagt Buchautor Christian Heller. «Als Institution, welche die Idee der ‹Informationellen Selbstbestimmung› durchzusetzen sucht, ist Datenschutz zumindest im deutschsprachigen Raum quicklebendig.»Aber er ist für Heller «nicht sehr erfolgreich»: Faktisch betreibe er einen Kampf gegen Windmühlen. Im Bild: Hanspeter Thür, Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter.
Ist Datenschutz tot? Nein, sagt Buchautor Christian Heller. «Als Institution, welche die Idee der ‹Informationellen Selbstbestimmung› durchzusetzen sucht, ist Datenschutz zumindest im deutschsprachigen Raum quicklebendig.»Aber er ist für Heller «nicht sehr erfolgreich»: Faktisch betreibe er einen Kampf gegen Windmühlen. Im Bild: Hanspeter Thür, Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter.
Keystone
Wie müsste er denn funktionieren, um erfolgreich zu sein?«Um den Bürgern die Kontrollgewalt über sie betreffende Daten zu verleihen, die er verspricht, müsste Datenschutz in letzter Konsequenz alle Daten im grossen weiten Netz kontrollieren – also darauf abklopfen, ob und welche Bürger sie betreffen und ob und inwieweit diese Bürger den Fluss solcher Daten autorisiert haben», sagt Heller.Das würde eine grosse Struktur zur Überwachung und Zensur sämtlicher Datenflüsse im Netz erfordern: «Alles unterhalb einer solchen radikalen Lösung mündet nach bisherigen Erfahrungen in einem Netz, in dem die Informationelle Selbstbestimmung eine leere Phrase bleibt.»
Wie müsste er denn funktionieren, um erfolgreich zu sein?«Um den Bürgern die Kontrollgewalt über sie betreffende Daten zu verleihen, die er verspricht, müsste Datenschutz in letzter Konsequenz alle Daten im grossen weiten Netz kontrollieren – also darauf abklopfen, ob und welche Bürger sie betreffen und ob und inwieweit diese Bürger den Fluss solcher Daten autorisiert haben», sagt Heller.Das würde eine grosse Struktur zur Überwachung und Zensur sämtlicher Datenflüsse im Netz erfordern: «Alles unterhalb einer solchen radikalen Lösung mündet nach bisherigen Erfahrungen in einem Netz, in dem die Informationelle Selbstbestimmung eine leere Phrase bleibt.»
AFP
Wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten steht Facebook immer wieder in der Kritik – und damit auch Firmenchef Zuckerberg (rechts im Bild). In diesen Wochen etwa will das soziale Netzwerk seine Nutzer verpflichten, ihre Profile auf eine neue Optik umzustellen, mit der die Informationen in den Nutzer-Profilen übersichtlicher dargestellt werden – und damit auch leichter zu durchsuchen sind.Auch Zuckerberg hat die Datenschutzprobleme seines Unternehmens schon einmal persönlich kennen gelernt. Erst im Dezember standen wegen eines Software-Fehlers private Fotos von ihm und anderen Nutzern für eine Weile öffentlich im Netz. Spätestens hier könnte Zuckerberg klar geworden sein, dass nicht nur für sein Unternehmen viel Potenzial besteht – sondern auch, dass die Nutzer noch viel Nachbesserungsbedarf beim Datenschutz sehen könnten.
Wegen seines Umgangs mit Nutzerdaten steht Facebook immer wieder in der Kritik – und damit auch Firmenchef Zuckerberg (rechts im Bild). In diesen Wochen etwa will das soziale Netzwerk seine Nutzer verpflichten, ihre Profile auf eine neue Optik umzustellen, mit der die Informationen in den Nutzer-Profilen übersichtlicher dargestellt werden – und damit auch leichter zu durchsuchen sind.Auch Zuckerberg hat die Datenschutzprobleme seines Unternehmens schon einmal persönlich kennen gelernt. Erst im Dezember standen wegen eines Software-Fehlers private Fotos von ihm und anderen Nutzern für eine Weile öffentlich im Netz. Spätestens hier könnte Zuckerberg klar geworden sein, dass nicht nur für sein Unternehmen viel Potenzial besteht – sondern auch, dass die Nutzer noch viel Nachbesserungsbedarf beim Datenschutz sehen könnten.
AFP
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Wie durchsichtig die vermeintliche Privatsphäre im Web sein kann, erfuhr ein britisches Paar letzte Woche auf die harte Tour: Bei der Einreise in die USA wurden die beiden noch am Flughafen verhaftet – wegen eines Scherzes, den sich der Engländer zuvor auf Twitter erlaubt hatte: Er werde «Amerika zerstören» und Marilyn Monroe ausgraben, hatte er geschrieben. Die US-Sicherheitsbehörden konnten darüber offenbar nicht lachen.

Diese Anekdote zeige eigentlich schon, wohin eine Einstellung wie jene von Christian Heller führen könne, findet Redaktion Tamedia-Leser Bruno Wildhaber. Heller vertritt die Ansicht, dass Privatsphäre eine Illusion ist – und will seine eigene deswegen schon gar nicht mehr aufrecht erhalten.

Kluft zwischen den Generationen

Arglos, ja naiv sei diese Einstellung, schreibt Bruno Bernasconi. Zwischen den Generationen tue sich offenbar ein Graben auf: «Der junge Mann hat die Fichenaffäre in der Schweiz oder die Bespitzelungen in der DDR mit ihren teilweise schlimmen bis tödlichen Folgen nicht erlebt.»

Überhaupt ist der Grundtenor zu Hellers Lebenseinstellung vorwiegend kritisch. «Sie stellt grundsätzlich anerkannte ethische Errungenschaften krass in Frage», schreibt Kurt Aegeri. Ursi Brock wirft Heller «die Banalisierung des Social Networking» vor. Sepp Schweizer glaubt, dass der offenherzige Blogger den Ernst der Lage nicht erkennt. Positiv kommen Hellers Thesen bei Alain Burky an: Jeder könne selbst bestimmen, was er im Internet von sich preisgebe. Und jeder könne aus Fehlern lernen: «Lieber eine offene Gesellschaft als irgendeine Diktatur.»

Er nutze die komplette Offenheit dazu, sein Leben zu analysieren, es aus neuen Perspektiven zu betrachten, sagt Christian Heller weiter. Leser Mike Bachofner kauft ihm seine Motive nicht ab: Würde es Heller tatsächlich um Selbstanalyse gehen, «könnte er sein Lebensprotokoll auch für sich führen und müsste es nicht publizieren», schreibt er. Es handle sich hier vielmehr um ein «übersteigertes Mitteilungsbedürfnis».

Ein neuer Menschentypus ist geboren

Daniel Adler nimmt die Diskussion gar zum Anlass, einen neuen Menschentypus zu beschreiben. Heller sei ein «Web-Hippie» – einer, für den eine Welt ohne Geheimnisse eine bessere Welt darstelle. «Er will sich weder dem Diktat von Facebook und Google noch dem im Gesetz verankerten Datenschutz unterwerfen und fordert die totale Transparenz.» Indem er das tue, proklamiere er, «dass er zu den Guten gehört, die nichts zu verbergen haben». Das mache halt populär.

Nick Wassermann schliesslich hebt die Diskussion auf die nächste Ebene und hält den Kommentatoren selbst den Spiegel vor. Indem sie die Einstellung Hellers nämlich öffentlich kritisieren, würden sie sich mit ihm auf eine Stufe stellen: «Sie schreiben hier munter Kommentare und geben bei jedem Artikel ein Stück Ihrer Identität preis. Schon mal daran gedacht, dass Sie damit Ihre komplette Lebenseinstellung veröffentlichen?»

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