So streiten Sie auf Facebook – ohne Extremisten zu fördern

Facebook und Twitter ersetzen für viele den politischen Stammtisch. Tricks für den digitalen Schlagabtausch.

Austeilen, einstecken – ruinieren die sozialen Medien den politischen Diskurs?

Austeilen, einstecken – ruinieren die sozialen Medien den politischen Diskurs? Bild: Ryan McGuire/Pixabay, Pixabay-Lizenz

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sind Facebook und Twitter die richtigen Orte, um über Politik zu diskutieren? Jay David Bolter ist der klaren Meinung, dass das nicht der Fall ist: «Die sozialen Medien ruinieren den politischen Diskurs», hat er im Buch «The Digital Plenitude» geschrieben, das im Mai 2019 erschienen ist.

Bolter ist nicht irgendwer: Er ist Professor für neue Medien am Georgia Institute of Technology und hat schon 1987 mit dem Hypertext experimentiert: Das ist die Art und Weise, wie Texte miteinander verknüpft werden – so, wie es die Links im Web heute tun. Bolter sei der neue Gutenberg, hat der britische Musiker Brian Eno einmal behauptet.

Jay David Bolter legt in seinem Buch dar, dass die sozialen Medien besonders anfällig für Propaganda seien. Das hat seiner Meinung nach mit einem Design-Prinzip zu tun, das bei der Entwicklung von Computerspielen und sozialen Medien zum Einsatz kommt.

Problematische Algorithmen

Dieses Prinzip heisst Flow und führt den Nutzer von einem Element zum nächsten. Statt sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, beziehen die Nutzer ihre Befriedigung daraus, immer neue Häppchen zu konsumieren. «Das macht diese Medien zu einer Bedrohung des kohärenten politischen Diskurses, wie man ihn aus dem Zeitalter des Print kennt», schreibt Bolter. Eine (allerdings methodisch umstrittene) Studie von 2016 legt nahe, dass die ganze Diskussion in den sozialen Medien nicht viel bringe: Zwar diskutiert etwa ein Drittel der amerikanischen Nutzer auch politisch, doch kaum jemand hat sich je durch einen Post von seiner Meinung abbringen lassen.

Doch da politische Diskussionen auf Facebook und Twitter nun einmal eine Tatsache sind, sollten wir uns auch über ein paar Fallstricke im Klaren sein. Denn die sozialen Medien verwenden tückische Algorithmen, die unerwünschte Nebeneffekte haben können.

Es kann passieren, dass man gerade jenen Postings zu mehr Reichweite verhilft, mit denen man am wenigsten einverstanden ist – und damit die Position des Gegners stärkt. Denn die Algorithmen messen das Interesse und ignorieren, ob dieses von Zustimmung oder Ablehnung herrührt. Ein problematischer Mechanismus, der hochumstrittene Beiträge stärker befördert als solche, mit denen die meisten Leute einverstanden sind.

Ein Screenshot hilft

Es gibt jedoch ein Gegenmittel. Wenn Sie einen kontroversen Beitrag diskutieren möchten, dann sollten Sie ihn auf Facebook nicht teilen und auf Twitter nicht retweeten. Fertigen Sie stattdessen einen Screenshot an und veröffentlichen sie den: Er dokumentiert den Sachverhalt, aber ohne dem Originalbeitrag Extraschub zu verleihen. Für das Bildschirmfoto drücken Sie beim iPhone die Seitentaste und die Home-Taste beziehungsweise, falls die fehlt, die Lauter-Taste. Bei den meisten Android-Geräten betätigen Sie den Einschalt- und den Leiser-Knopf – sollte es nicht funktionieren, googeln Sie nach einer Anleitung für Ihr Modell.

Bei Windows 10 in der neuesten Version betätigen Sie die Windows-Taste, Umschalttaste und «s» für einen Screenshot. Bei älteren Versionen verwenden Sie das Snipping Tool. Beim Mac lautet die Tastenkombination «Command» + «Shift» + «4».

Die meisten Betriebssysteme stellen Ihnen nach dem Erstellen des Screenshots oder in der Foto-App Befehle bereit, um das Bild zuzuschneiden. Es gibt auch die Möglichkeit, mittels Pfeilen auf bestimmte Bereiche aufmerksam zu machen oder sensible Stellen abzudecken. Das ist wichtig bei Postings, die ursprünglich an einen eingeschränkten Personenkreis gerichtet sind: Die können als Screenshot weitere Kreise ziehen, als der Urheber beabsichtigt hat. Man sollte aber zurückhaltend mit Veröffentlichungen sein und auf alle Fälle Namen und Profilfotos unkenntlich machen.

Viele Leute wollen auf sozialen Medien Personen oder Seiten folgen – nicht weil sie mit den vertretenen Positionen übereinstimmen, sondern, um sie im Auge zu behalten. In solchen Fällen sollte man nicht auf «Like» oder «Folgen» klicken, weil das unweigerlich als Sympathie und Anhängerschaft gewertet wird.

Es geht anders: Sie können bei Facebook Seiten und Personen abonnieren, damit deren Updates in Ihrem Newsfeed auftauchen. Allerdings ist die Option nicht immer vorhanden. In den Einstellungen bei «Öffentliche Beiträge» lässt sich regeln, wer abonnieren darf und wer nicht.

Jemandem heimlich folgen

Bei Twitter gibt es ebenfalls eine Alternative, wenn Sie einem Account folgen möchten, ohne ihm einen Follower mehr zu bescheren: Sie fügen ihn einer Liste hinzu. Der Nachteil ist, dass die Tweets nicht in ihrer Timeline auftauchen. Bei den meisten Twitter-Management-Werkzeugen können Sie auch Listen permanent anzeigen lassen. Zum Beispiel bei Tweetdeck (Tweetdeck.twitter.com), wo Sie mehrere Spalten für diverse Twitter-Ansichten zur Verfügung haben: Klicken Sie in der Liste links auf das Plus-Symbol und wählen Sie unter «Choose a column type to add» die Option «List» aus.

Was die inhaltliche Diskussion angeht, haben sich folgende Faustregeln bewährt: Leute zu beleidigen, bringt nichts. Auf offensichtliche Fehlinformationen darf und soll man hinweisen – aber auch das erst einmal in aller Freundschaft. Streitereien bringen selten etwas – ausser, dass man viel Zeit verschwendet. Üben Sie sich darum in der Kunst des rechtzeitigen Ausklinkens.

Auch wenn es die eingangs erwähnte Studie nicht zweifelsfrei belegen konnte, dass sich Leute auf Facebook selten belehren lassen, so zeigt die persönliche Erfahrung doch, dass dem tatsächlich so ist. Teilen Sie deshalb Fakten aus verlässlichen Quellen, und argumentieren Sie rational – und seien Sie nicht enttäuscht, wenn das nicht zu einem Meinungsumschwung führt.

Erstellt: 02.10.2019, 13:14 Uhr

«Den Pausenhof nicht den Bullys, Hatern und Trollen überlassen»

Reda El Arbi ist ein engagierter Kämpfer auf Facebook und Twitter. Er erkärt, weswegen er sich das tägliche Wortgefecht antut.

Sie äussern in den sozialen Medien oft pointiert Ihre Meinung. Woher der Drang, Diskussionen anzufachen?
Social Media ist eine Bühne. Wie im alten Griechenland werden vor Publikum polemische Diskurse geführt, die zur Meinungsbildung beitragen können. Man streitet sich nicht, um den Gegner zu überzeugen, sondern um das Publikum zu erreichen. Fakten sind Munition, die Emotion ist die Schleuder.

Sie teilen auch immer wieder hart aus. Bringt das etwas – oder wäre ein konzilianterer Ton der Sache nicht dienlicher?
Manchmal wäre sicher ein zurückhaltender Ton einer längeren Diskussion dienlich. Nur, wenn ich hart austeile, dann an ein Gegenüber, das ich mit Argumenten schon lange nicht mehr erreichen kann. Dazu kommt, dass Social Media auch ein Pausenhof ist und man den Bullys, Hatern und Trollen nicht das Spielfeld überlassen darf. Es ist erstaunlich, wie schnell sie still werden, wenn man ihnen in gleicher Härte oder härter begegnet.

Sie sind bei Facebook deswegen auch schon gesperrt worden. Nehmen Sie das persönlich?
Nein, ich habe diese Zwangspausen auch etwas genossen. Auf Facebook ist es einfach, eine Sperre einzufangen. Da reichen zehn Beschwerden, um gesperrt zu werden. Es gibt Leute, die das als politisches Instrument benutzen.

Sie sagen, Sie streiten nicht, um die Leute zu überzeugen. Worum geht es dann? Gewisse Aussagen nicht unwidersprochen zu lassen?
Wenn ich Leute umstimmen will, gehe ich in eine freundliche Diskussion, poste Links, frage nach. Wenn ich aber einem politischen Gegner gegenüberstehe, will ich die Mitleser überzeugen, nie mein Gegenüber. Die Meinungen bei Politikern oder politischen Influencern sind meist gemacht. Diejenigen der Follower hingegen nicht.

Haben Sie eine Exit-Strategie? Wann klinken Sie sich aus einer fruchtlosen Diskussion aus?
Nach der dritten Wiederholung von Fakten oder logischen Argumenten, die nicht verstanden wurde. Solange mir jemand witzig, schlau und geistreich – auch mal angriffig – widerspricht, bleib ich drin.

Gibt es eine Technik oder einen kommunikativen Trick, der Ihnen bei Konfrontationen hilft?
Ja. Kenne deine Fakten und wisse, wo man sie verlinken kann. Gib eigene Schwächen freimütig zu. Und sei nicht zu schnell beleidigt.

Und was sollte man besser vermeiden? Nebst einer Klage wegen übler Nachrede – wenn man sich nicht im Griff hatte.
Man sollte seiner Persönlichkeit entsprechend kommunizieren und keine Taktiken oder Strategien verwenden. Man sollte sich auf keine Diskussionen mit anonymen Accounts einlassen. Und man sollte nicht so viel fluchen wie ich.

«Social Media ist eine Bühne»

Reda El Arbi ist ein engagierter Facebook-Streiter – warum und mit welchen Strategien er sich in die Debatten stürzt.

«Wenn ich aber einem politischen Gegner gegenüberstehe, will ich die Mitleser überzeugen, nie mein Gegenüber», sagt Reda El Arbi – siehe auch Co-Text weiter unten.

Artikel zum Thema

Politiker dürfen gegen Facebook-Regeln verstossen

Das Online-Netzwerk macht bei Politikern eine Ausnahme: So will Facebook deren Äusserungen auch zulassen, wenn sie nicht regelkonform sind. Mehr...

Männer sehen FDP-Werbung, Frauen Inserate der Grünen

Wem auf Facebook welche Wahlwerbung gezeigt wird und was Parteien dafür ausgeben – ein Blick in die Datenbank des Netzwerkes. Mehr...

Facebook rechnet mit erneuter Beeinflussung der US-Wahlen

Der US-Konzern erwartet auch bei der nächsten US-Präsidentenwahl mit einer Einflussnahme ausländischer Akteure. Allerdings geschehe dies nicht mehr auf dieselbe Weise. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Mamablog Rassismus im Kindergarten

Sweet Home Designwohnung statt Hotel?

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...