Wer profitiert von der Facebook-Müdigkeit?

Der Unmut auf die grossen sozialen Netzwerke wächst. Ein Herausforderer will alles besser machen und verspricht die «ehrliche, authentische Vernetzung».

«Seit 2004 verschwendet Facebook die Zeit der Leute!» Militante Aufforderung im Web, dem sozialen Medium den Rücken zu kehren.

«Seit 2004 verschwendet Facebook die Zeit der Leute!» Militante Aufforderung im Web, dem sozialen Medium den Rücken zu kehren. Bild: PD

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Vero, also Wahrheit, nennt sich eine Social-Media-Plattform, die ein hehres Versprechen macht: Nutzer sollen sich echt und authentisch zeigen, so wie sie wirklich sind. Es enthält einen deutlichen Seitenhieb auf Facebook: «Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen den Interessen der Betreiber und denen der Nutzer», heisst es im «Vero-Manifest».

Vero will kein Geld mit Werbung verdienen, sondern sich über eine Abogebühr finanzieren. Es gibt keine Möglichkeit, Posts zu sponsern und deren Reichweite künstlich zu vergrössern. Und kein Algorithmus greift in den Fluss der Meldungen ein, so wie das inzwischen nicht nur bei Facebook, sondern auch bei Twitter und Instagram der Fall ist. Diese sozialen Netzwerke versuchen selbsttätig, die Flut an Nachrichten nützlicher zu gestalten.

Mark Zuckerberg hat die Ambition, «den richtigen Inhalt zur rechten Zeit» zu präsentieren. Dazu sortieren Algorithmen den Feed um und stellen vermeintlich wichtige Beiträge an den Anfang. Wenn der Algorithmus geringes Interesse vermutet, wird ein Posting nach hinten geschoben oder ausgeblendet. Wie dieser Mechanismus funktioniert, ist geheim – und entsprechend viele Mythen ranken sich um ihn. Als bewiesen gilt, dass Likes und Kommentare zu einer höheren Priorisierung führen und Posts mit Bildern erfolgreicher als solche ohne sind.

Professionelle Kommunikatoren werden abgestraft

Facebook verändert dieses Auswahlverfahren laufend. Seit einiger Zeit werden Meldungen von Freunden, Familienmitgliedern und Facebook-Gruppen stärker gewichtet. Beiträge von Unternehmen, professionellen Kommunikatoren und Medienhäusern erhalten eine geringere Priorität. Das haben die professionellen Kommunikatoren deutlich zu spüren bekommen: Facebooks Anteil bei den Publikumsvermittlern ist zwischen Januar und Oktober 2017 von 39 auf 26 Prozent gesunken, so hat es Parse.ly ermittelt. Dieses Unternehmen aus New York analysiert den Traffic von 2500 Websites, darunter «Time», «Wall Street Journal» und «Huffington Post».

Facebook straft jene Leute regelrecht ab, die die gleichen Inhalte immer und immer wieder veröffentlichen oder um Likes und Kommentare betteln. Auch die Qualität der Quelle wird miteinbezogen, und wenn Facebook berücksichtigt, wie viele Leute Beiträge ausblenden, weil sie sie nicht sehen wollen.

Lautstarke Facebook-Aussteiger

Facebook nimmt mit seinem Algorithmus bedeutenden Einfluss auf die öffentliche Meinung. 126 Millionen US-Amerikaner haben im Präsidentschaftswahlkampf von Russland finanzierte Anzeigen gesehen, musste das soziale Netzwerk Ende Oktober 2017 vor dem US-Kongress einräumen. Facebook scheint sich in dieser Rolle selbst nicht so ganz wohl zu fühlen – so zumindest lässt sich Rückbesinnung aufs Private und die stärkere Gewichtung der Beiträge von Freunden und Bekannten deuten.

Der Unmut wächst bei vielen Nutzern, und im Web häufen sich die Aufrufe, den sozialen Netzwerken den Rücken zu kehren. Autor und Informatikprofessor Cal Newport hat Facebook während eines viel beachteten Vortrags an der Innovationskonferenz Ted mit einem Spielautomaten verglichen: «Für ein paar Minuten Ihrer Zeit und ein paar persönliche Daten werden Sie mit einem Leckerli belohnt», sagt er.

«Verlassen Sie Facebook!», fordert uns Autor und Informatikprofessor Cal Newport auf.

Manche gehen noch weiter: «The Guardian» beschrieb vor einigen Monaten in einem grossen Stück, mit welchen Methoden sich der Manager eines Tech-Unternehmens vor sozialen Medien schützen wollte: «Justin Rosenstein kaufte ein neues iPhone und beauftragte seinen Assistenten, die Kindersicherung einzuschalten, um die Installation von Apps zu verhindern.» Denn Snapchat sei für ihn so süchtigmachend wie Heroin.

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Viele Nutzer, die nicht ganz so weit gehen wollen, setzen ihre Hoffnungen dieser Tage in Vero. Das ist das soziale Netzwerk, das alles besser machen will: Vero existiert bereits seit 2015, hat aber erst in den letzten Tagen einen unerwarteten, enormen Zulauf erfahren. «Er wird durch Mund-zu-Mund-Propaganda von Onlinegruppen angefeuert», hat die Nachrichtenagentur Associated Press letzte Woche behauptet. Vor allem unzufriedene Instagram-Nutzer seien umgestiegen. Sie ärgern sich über ein Übermass an Werbung, fehlende Einstellungen zur Privatsphäre und der kürzlich eingeführten Funktion, die Beiträge nun nicht mehr chronologisch anzeigt, sondern wie bei Facebook priorisiert. Instagram ist ein Foto-zentriertes soziales Netzwerk, das 2012 für eine Milliarde US-Dollar von Facebook übernommen wurde.

Viele sind gescheitert

Ob der Unmut mit den bestehenden Plattformen reicht, um Vero dauerhaft zum Erfolg zu verhelfen, bleibt fraglich. Skeptiker weisen darauf hin, wie lange die Liste der Herausforderer ist, die vielversprechend gestartet und grandios gescheitert sind: Identi.ca präsentierte sich 2008 als Alternative zu Twitter. 2010 wollte Diaspora durch eine dezentrale Struktur das zentrale Sammeln von Nutzerdaten verhindern. 2014 konnte Ello kurzfristig damit punkten, keine Zensur zuzulassen und die Nutzung unter Pseudonym zuzulassen. Und letztes Jahr hat, von der Öffentlichkeit unbemerkt, Microsoft seinen Internettelefondienst Skype in ein soziales Netzwerk umgebaut.

Facebook hat ausserdem die Angewohnheit, Ideen der Konkurrenten schonungslos abzukupfern, wenn diese den gegnerischen Plattformen Vorteile verschaffen. Ein Beispiel dafür sind die Storys, mit denen Snapchat es den Nutzern erlaubt, ihren Tagesverlauf zu dokumentieren. Diese Funktion hat Facebook «gestohlen» und nicht nur bei Facebook, sondern auch bei Instagram integriert.

Doch entscheidend ist für die Nutzer letztlich nur der Netzwerkeffekt: Die Zahl der Nutzer ist auf einer Plattform wichtiger als alles andere – deswegen werden Facebook und Instagram auch weiterhin dominieren, egal wie gross der Unmut auch ist. Chancen haben Neulinge nur in der Nische. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 16:07 Uhr

Social-Media Survival Guide

Stärken, Schwächen und Alternativen der Plattformen

Facebook. Die riesige Nutzerschaft ist ein grosses Plus, doch für laute Meinungsäusserungen ist Twitter eine gute Ausweichlösung. Wer sich nur mit der Familie vernetzen will, kann mit Path.com sein Glück versuchen. Technikaffine Leute sind auf Google+ besser zu erreichen als auf Facebook.

Instagram. Das Fotonetzwerk ist populär bei jungen Nutzern und hat auch «Stars» hervorgebracht, die als Influencer mit dicken Werbeverträgen ausgestattet werden, um Product Placement für Konsumgüter zu betreiben. Alternativen sind Snapchat und Fotosites wie Flickr.com oder 500px.

Linkedin. Die Plattform für die berufliche Vernetzung ist, gut bewirtschaftet, ein genauso guter Traffic-Lieferant wie Facebook. Der Konkurrent Xing aus Hamburg ist im Vergleich ein Zwerg. Als Visitenkarte im Netz bieten sich About.me oder Contactup.io an.

Pinterest. Dieses Netzwerk dient dem Sammeln interessanter Fundstücke aus dem Internet. Vor allem Frauen nutzen das Netzwerk gerne. Und obwohl es im Schatten von Twitter und Facebook steht, zählt es inzwischen zu den Top Ten des Internets.

Reddit und 4chan. Zwei globale Communitys: Die erste ist auf den Austausch von Nachrichten und Ideen spezialisiert, die zweite auf Bilder. (schü.)

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