Wie ein Start-up den Journalismus aus der Krise führen will

Blendle bietet käufliche Mediencocktails an. So funktioniert das Modell, und das halten Verlage davon.

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Erstklassiger Journalismus, aber ohne Abo – das ist die Idee hinter dem holländischen Start-up Blendle. Bei diesem Angebot, das seit Mitte September auch im deutschsprachigen Raum genutzt werden kann, werden Artikel einzeln gekauft. Das nennen manche das «iTunes-Modell für die Presselandschaft»: Dank Apples Online-Musikladen muss der Kunde nicht mehr das ganze Album erwerben, wenn er nur an einem Song interessiert ist. Bei Blendle gibt es Artikel separat zu kaufen. Im Angebot befinden sich Zeitungen wie «Die Welt», die «Süddeutsche» und «Die Zeit». Bei den Magazinen sind u.a. Titel wie «Der Spiegel», «Focus», «Wirtschaftswoche», «Chip» und «Brigitte» vorzufinden. Bei den englischsprachigen Titeln findet man «The Wall Street Journal», «The Washington Post» und demnächst auch die «New York Times», und aus der Schweiz wird per Ende September die NZZ über Blendle zu lesen sein.

Die NZZ will damit laut Geschäftsführer Steven Neubauer die Markenbekanntheit in Deutschland stärken und testen, welche Inhalte in diesem Umfeld funktionieren. Tamedia, die auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt, ist bislang nicht mit dabei: Michele Paparone von der Unternehmenskommunikation, sagt auf Anfrage, Blende sei ein interessanter Versuch: «In der jetzigen Phase will Tamedia die Entwicklung von Blendle vorerst nur beobachten und schauen, wie sich dieser Dienst entwickelt.» Grundsätzlich sei Tamedia der Meinung, dass die Verlage selbstständig den Kontakt zu den Leserinnen und Lesern aufrechterhalten sollten, auch weil der Schweizer Medienmarkt sehr überschaubar sei.

Ringier fokussiert auf eigene Produkte

Ähnlich zitiert auch Ringier-Journalist Thomas Benkö im Medientalk von SRF den Verleger Michael Ringier: «Das Projekt wird nicht die Einnahmen bringen, die im Moment bei den Abos und den Werbeerlösen wegbrechen.» Auf Nachfrage ergänzt Mediensprecher Edi Estermann: «Ringier hat sich mit dem Produkt Blendle auseinandergesetzt und das Umsatzpotenzial im Vergleich zum Aufwand als zu gering eingeschätzt. Wir fokussieren auf die eigenen Produkte, anstelle hier eine Zusammenarbeit mit einem externen Partner anzustreben, der in der Schweiz bisher noch immer kaum bekannt ist.»

Die Tester attestieren Blendle Potenzial. Positiv ist für viele die einfache Nutzung. Nachdem man sich angemeldet hat, kann man gleich loslegen – dank eines Startguthabens von 2.50 Euro braucht man für den ersten Test kein Geld zu überweisen. Lesen kann man die Inhalte über die Website Blendle.com oder über die mobile App für Apple-Geräte und Android. Das Presseangebot ist über mehrere Kanäle zugänglich: Unter «Mein Blendle» finden sich Artikel, die zu den hinterlegten Vorlieben passen. Bei «Trending» sind die bei den Nutzern populären Geschichten zu finden. Selbstverständlich ist es auch möglich, über inhaltliche Kategorien wie Politik oder Wissenschaft einzusteigen oder einzelne Titel auszuwählen und durchzublättern. Und es gibt eine kuratierte Auswahl an Lesestoff, bei der unter anderen «Tages-Anzeiger»-Autor Constantin Seibt seine Lieblingslesestücke präsentiert.

Antippen – gekauft

In der Übersicht erscheint von den Artikeln Titel, Lead und der Anfang des Textes. Klickt man einen Artikel an, wird er geöffnet und der beim Medium angegebene Kaufpreis vom Guthaben abgezogen – ohne jegliche weitere Abfrage. Immerhin: Versehentlich angeklickte oder inhaltlich unbefriedigende Artikel lassen sich fast so einfach zurückgeben, worauf man den Kaufbetrag zurückerhält. Man muss allerdings einen Grund für die Rückgabe angeben. Die Preise pro Artikel werden von den Verlagen festgelegt und variieren stark – zwischen wenigen Cent und einem Euro. Man zahlt als Nutzer kumuliert für die Einzelartikel nie mehr, als man für die ganze Ausgabe eines Titels auslegen würde. Schliesslich ist es auch möglich, bestehende Abos mit Blendle zu verknüpfen. Dann kann das abonnierte Medium über die Plattform gelesen werden, ohne dass die Artikel nochmals zu bezahlen wären.

Die Artikel erscheinen in einer nüchternen Web-Aufmachung. Die Typografie ist lose ans Original-Medium angepasst, aber ansonsten automatisch gelayoutet – manchmal mit Bild, oft auch ohne. Die Artikel können per Mail verschickt und in sozialen Medien verlinkt werden, wobei die Empfänger ihrerseits ein Blendle-Konto brauchen, um die Texte in ganzer Länge zu lesen. Ausdrucken oder als PDF speichern ist möglich, wobei Blendle dann nochmals explizit warnt, den Beitrag weiterzuverbreiten.

Kein ‹One-Stop-Shop›

Das grösste Problem ist das lückenhafte Angebot. Blendle ist hierzulande kein digitaler Kiosk, in dem man alle seine Lesebedürfnisse erfüllen könnte. Medienjournalist Nick Lüthi schreibt in der «Medienwoche»: «Den ‹One-Stop-Shop› für digitale Medieninhalte wird es nie geben. Und das ist auch gut so. Denn die Vielfalt zeugt von Wettbewerb und dieser wiederum von Innovation.»

Erstellt: 30.09.2015, 07:31 Uhr

Nachgefragt

«Vielleicht haben Verlage die Leser unterschätzt»

Welche Ambitionen haben Sie mit Blendle? Wir der Einzelverkauf von Artikeln das Abo irgendwann ablösen?
Unsere Mission ist es, den weltbesten Journalismus für alle verfügbar zu machen. Heute verpassen junge Menschen so viel grossartigen Journalismus, weil er hinter hohen Bezahlschranken oder auf Papier versteckt ist. Blendle macht es einfach, tollen Journalismus zu entdecken. Ein Beispiel ist der Artikel über das Milliardengeschäft mit Flüchtlingen in Deutschland aus dem aktuellen «Spiegel». Den gibt es nirgendwo sonst. Wir sprechen eine neue Zielgruppe an: junge Menschen, die keine Abos abschliessen oder Magazine am Kiosk kaufen.

Ist es schwer, die Verleger vom neuen Modell zu überzeugen? Es ist ja so, dass ein Nutzer einige Artikel kaufen muss, bis er dem Verlag den Gegenwert eines Abos einbringt.
Als wir in Holland angefangen haben, mussten wir noch viel mehr erklären. Jetzt haben wir über 450'000 Nutzer und wachsen sehr schnell: Die Vorteile für Verleger sind klarer geworden. Deswegen konnten wir in Deutschland mit allen grossen Verlagen und über 100 Titeln starten. In der Schweiz war ich sogar nur 24 Stunden, und jetzt haben wir NZZ und Reportagen an Bord. Es geht also immer einfacher.

Umgekehrt müssen Sie auch Nutzer dazu bringen, Geld für etwas zu bezahlen, was in der Wahrnehmung vieler bislang gratis war. Wie soll das gelingen?
Vielleicht haben Verlage die Leser einfach unterschätzt. Junge Menschen lieben grossartigen Journalismus und sind bereit, dafür zu zahlen. Gib ihnen einfach einen guten Grund und eine einfache Möglichkeit. Auf Blendle erkennt man schnell, dass der Grossteil des besten Journalismus nicht kostenlos zu haben ist. Wer sich nur mit Gratis-Geschichten zufriedengibt, verpasst eine Menge. Die Schweiz ist da ein gutes Beispiel: Vieles, was in der NZZ erscheint, gibt es nicht gratis. In Deutschland trifft das auf Artikel aus dem «Spiegel» zu. Blendle ist heute der einzige Weg, Artikel aus all diesen Publikationen zu lesen, ohne ein Abo abschliessen zu müssen.

Es gibt viele Leute, die der Ansicht sind, dass ein Modell wie Blendle zum Scheitern verurteilt ist, weil es im Internet Informationen im Überfluss gibt und darum – nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage – der Preis gegen null tendiert.
Informationen und Journalismus sind zwei völlig verschiedene Dinge. Je mehr Informationen es gibt, desto wichtiger wird guter Journalismus. Momentan wird beispielsweise so viel über die Flüchtlingskrise geschrieben, aber die besten Dinge sind nicht frei erhältlich. Ein solcher Artikel, der mich sehr beeindruckt hat, war ein Essay über den Rassismus in Deutschland. «Wir Kanaken» hiess das.

Es gab schon Versuche, die Gratiskultur im Netz zu überwinden. Bei Flattr.com gibt man für gelungene Webinhalte einen Freiwilligenbeitrag. Die Resonanz war verhalten.
Ich habe schon viele solcher Vergleiche gehört, aber Blendle unterscheidet sich stark von den meisten Versuchen. Blendle hat das breiteste Angebot aller vergleichbaren Kioske im deutschsprachigen Raum. Nur bei uns kann man alle Artikel aus über 100 Titeln lesen.

Die häufigste Kritik an Blendle, die mir zu Ohren gekommen ist, war der Preis: Bis zu 2 Euro – das ist vielen zu teuer für einzelne Artikel.
Auf Blendle gibt es immer das Geld zurück, wenn es ein Artikel doch nicht wert war. Aber ich glaube, die Preise werden sich schon bald ändern. Blendle ist in Deutschland halt noch ganz neu. In Holland und für amerikanische Titel sind die Preise viel tiefer, was zuverlässig zu mehr Käufen führt.

Wird sich Blendle auch für kleinere Anbieter öffnen, Blogger beispielsweise?
Blendle ist bereits für freie Journalisten verfügbar. In Holland publiziert eine Vereinigung von freien Journalisten bereits einige ihrer Geschichten exklusiv auf Blendle.

Für welche Artikel geben die Käufer Geld aus? Sind das die gleichen Storys, die auch bei den Klickzahlen obenaus schwingen? Werten die Redaktionen die Kaufzahlen der Artikel aus, so wie sie es mit den Klicks tun?
Es ist eine neue Welt. Eine unserer meistverkauften Geschichten in Deutschland ist eine tief recherchierte, aufwendige und wunderbar geschriebene Analyse zur Zukunft des Nahen Ostens. Ein unglaublich guter Artikel. Aber so was geht auf Facebook normalerweise nicht viral. Auf Blendle schon. Wenn man von den Leuten Geld verlangt, wollen sie gerne etwas mehr Substanz.

Marten Blankesteijn, der 28-jährige Gründer und Chef des Start-ups Blendle, nahm noch während seines Journalismus-Studiums einen Reporter-Job bei der Tageszeitung «De Pers» an. Er hat ein Buch über Diktatoren geschrieben und eine Plattform für Gratis-Vorlesungen gegründet.

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