Wie Google Chrome allmächtig wurde

Wer ins Internet will, startet heute meistens Google Chrome. Wieso? Und was gibt es für Alternativen?

Das Netz droht, zur Monokultur zu werden. Googeln ist zum Synonym für Suchen geworden. Foto: Keystone

Das Netz droht, zur Monokultur zu werden. Googeln ist zum Synonym für Suchen geworden. Foto: Keystone

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Vor zehn Jahren, im Juli 2009, wurde in der Youtube-Kantine ein digitaler Dinosaurier getötet. Eine Handvoll Youtube-Entwickler schmiedete beim Mittagessen ein Komplott. Es ging um einen gemeinsamen Feind: den Internet Explorer 6 von Microsoft, der zu langsam und instabil war. «Unser Plan war simpel», sagt Chris Zacharias, der damals dabei war. «Wer Youtube mit dem IE 6 aufrief, sah eine Warnung, dass der Support für den Browser bald eingestellt werde.» Das stimmte nicht, aber es wirkte: Binnen weniger Wochen brach der Marktanteil des Browsers um die Hälfte ein.

Heikle Konzentration

Die Anekdote zeigt: Manchmal reichen wenige Rebellen, um Geschichte zu schreiben. Und sie macht deutlich: Bereits 2009 war die Youtube-Muttergesellschaft Google (die heute Alphabet heisst) unheimlich einflussreich. Diese Dominanz hat das Unternehmen seitdem konsequent vergrössert. Heute, ein Jahrzehnt später, hat Google grosse Teile des Netzes in der Hand.

Chrome ist Spyware geworden. Brendan Eich, Mozilla-Mitgründer

Ein Gedankenspiel veranschaulicht Googles Macht: Alle Menschen brauchen Brillen, um sehen zu können. Ein Grossteil vertraut auf kostenlose Produkte eines einzelnen Unternehmens. Es verdient Geld, indem es Brillenträgern am Rande ihres Sichtfelds Werbung anzeigt. Gleichzeitig kontrolliert der Brillenhersteller das gesamte Verkehrssystem. Er bestimmt, wie die Menschen die Welt sehen und welche Orte sie besuchen.

Diese Rolle hat Google im Netz: Sein Chrome-Browser hat die Konkurrenten weit abgehängt. Googeln ist zum Synonym für Suchen geworden. Alle Dienste sind kostenlos, Google verdient sein Geld fast ausschliesslich mit digitalen Anzeigen. «Sie können bestimmen, wie das Netz funktionieren soll, und es gibt niemanden, der ihre Entscheidungen hinterfragen kann», sagte Mozilla-Geschäftsführer Mark Surman. Er meint aber auch: «Google ist nicht böse» – eine Anspielung auf Googles früheren internen Mitarbeiter-Leitsatz: «Dont be evil», sei nicht böse.

Wir haben grosses Interesse daran, das Web als offene Plattform weiterzuentwickeln.Google

Es gibt Menschen, die das anders sehen. Im April erhob Jonathan Nightingale, früher Vizechef von Firefox, schwere Vorwürfe. Google habe den konkurrierenden Browser bewusst sabotiert, um Chromes Marktmacht zu stärken. «Chrome ist Spyware geworden», sagt Mozilla-Mitgründer Brendan Eich, heute Chef des alternativen Browsers Brave. Dessen Technikchef Brian Bondy klagt: «Browser mit kleinem Marktanteil sind auf den guten Willen von Google angewiesen, aber Google würgt uns ab.»

Google weist die Vorwürfe zurück. «Wir haben grosses Interesse daran, das Web als offene Plattform weiterzuentwickeln», sagt ein Sprecher des Entwicklungsteams in München. Dafür kooperiere man mit anderen Browserherstellern.

Chrome ist stabil, schnell und sicher. Der Browser hat sinnvolle neue Web-Standards gesetzt. Das hat Schattenseiten: Fast alle Konkurrenten nutzen die Chromium-Engine als Grundlage, nur Apples Safari und Mozillas Firefox sind noch eigenständig. Viele Entwickler optimieren ihre Seiten ausschliesslich für Chrome. Das Netz droht, zur Monokultur zu werden.

Alternativen zu Chrome

Ausserdem sind in den vergangenen Monaten Dinge geschehen, die eine Frage aufwerfen: Ist es eine gute Idee, dass der grösste Anzeigenverkäufer der Welt den grössten Browser der Welt herstellt?

Google verzahnt Chrome mit seinen Diensten und macht es Nutzern schwer, dauerhaft anonym zu bleiben. Wer sich heute etwa bei Gmail einloggt, meldet sich automatisch auch bei Chrome an. Dann schlägt Google vor, alle Daten zu synchronisieren: Bestätigt man den scheinbar harmlosen Dialog, landen Informationen wie besuchte Websites, Kreditkarten und Adressen auf Googles Servern.

Es gibt Alternativen: Sie heissen Opera, Brave, Vivaldi, Microsoft Edge oder Firefox. Im Unterschied zu Chrome will die Konkurrenz auch Werbeblocker nicht einschränken. Hier ist Google in einer schwierigen Lage: Denn Werbung ist die wichtigste Einnahmequelle des Konzerns.

Erstellt: 10.07.2019, 11:39 Uhr

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