Wie Sie beim Pornoschauen beobachtet werden

Über sogenanntes Tracking geben Websites Daten weiter. Zu den häufigsten Sammlern sollen auch Facebook und Google gehören, so eine Untersuchung.

Wer glaubt, er sei hier unbeobachtet, der irrt. Foto: Sebastian Willnow/Keystone

Wer glaubt, er sei hier unbeobachtet, der irrt. Foto: Sebastian Willnow/Keystone

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Eine Webseite ist nicht einfach eine Webseite. Sie ist oft auch eine Sammlung unsichtbarer Überwachungsinstrumente, die Daten über ihre Besucher an alle möglichen Unternehmen weitergeben. Dass dieses globale Wanzensystem auch nicht vor den intimsten Bereichen der Menschen Halt macht, zeigt jetzt eine Untersuchung von US-Wissenschaftlern. Sie haben analysiert, ob Nutzer beim Besuch von Pornoseiten sicher vor Tracking durch Werbeunternehmen sind – oder wenigstens hinreichend darüber aufgeklärt werden, dass ihre Daten erfasst und an Drittfirmen weitergegeben werden. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Zwar wird die Surf-Historie nicht im Browser selbst gespeichert, wenn Nutzer den Inkognito-Modus ihres Browsers aktivieren. Viele Webseiten arbeiten allerdings mit sogenannten Tracking-Pixeln und Cookies, die Informationen über Besucher weitersenden. Damit hätten theoretisch auch völlig andere Unternehmen die Möglichkeit, Rückschlüsse auf die sexuellen Vorlieben der Nutzer zu schliessen, warnen die Forscher.

Elena Maris aus Microsofts Forschungsabteilung hat für die Studie zusammen mit zwei Kollegen der Universitäten Carnegie Mellon und Pennsylvania mehr als 22'000 Seiten mit pornographischen Inhalten untersucht. Mit einem speziellen Programm erfassten die Forscher, welche Daten eine besuchte Webseite weitergibt. Das Ergebnis: Von 22'000 analysierten Seiten geben mehr als 90 Prozent Nutzerdaten an Werbeunternehmen weiter. Insgesamt fanden die Forscher mehr als 200 Unternehmen, mit denen die Webseiten Daten teilten. Etwa 90 Prozent davon tauchen in den Datenschutzbestimmungen der Seiten jedoch gar nicht auf.

Was wissen Google und Facebook über Porno-Konsumenten?

Die Informationen fliessen an US-Konzerne wie Google und Facebook, aber auch an spezialisierte Erotik-Werbefirmen wie Juicyads aus den Niederlanden oder Exoclick aus Spanien. Facebook und Google betreiben die grössten Werbenetzwerke, über diese sind sie im Netz praktisch omnipräsent.

Werbetreibende betonen immer wieder: Auch wenn Tracking-Pixel oder Cookies eingesetzt würden, liessen die Daten keine Rückschlüsse auf die Identität des Nutzers zu. Doch einige der übertragenen Informationen, wie IP-Adresse oder Werbe-ID, könnten genau zu diesem Zweck genutzt werden: Bestehende Marketingprofile, die die gleiche ID verwenden, können mit den Daten über Pornokonsum ergänzt werden. Über derartige Risiken werden die Nutzer der Plattformen in den seltensten Fällen aufgeklärt.

Nur 15 Prozent der untersuchten Seiten hatten überhaupt eine Datenschutzerklärung. Und wenn sie eine hatten, war diese häufig so kompliziert, dass nur Akademiker eine Chance hatten, sie zu verstehen. Die Erkenntnisse sind aufschlussreich, im Grossen und Ganzen jedoch wenig überraschend für jeden, der schon einmal im Internet war. Datenschutzerklärungen werden anderen Studien zufolge auch im Rest des Netzes nicht aufmerksam gelesen, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das gerade auf Pornoseiten anders sein sollte.

Fast 80 Prozent der Webseiten nutzten laut der Studie Cookies, also kleine Dateien, die das Verhalten von Besuchern über mehrere Seiten verfolgen. Zudem seien weniger als 20 Prozent der Seiten verschlüsselt gewesen, Hacker hätten es hier also vergleichsweise leicht, Login-Daten von Nutzern abzugreifen. Tatsächlich wurden in der Vergangenheit mehrere pornographische Webseiten Opfer von Hackerangriffen. Zumindest in einem Fall begründeten die Hacker ihren Raubzug mit dem verlockend niedrigen Schutzniveau der Seite.

Daten über sexuelle Vorlieben sind besonders schützenswert

Unklar ist, warum sich Google, Facebook, aber auch der US-Software-Hersteller Oracle unter den Top-Tracking-Unternehmen auf pornografischen Webseiten befinden. Google und Facebook verbieten auf ihren eigenen Webseiten pornografische Inhalte. Webseitenbetreiber können die Tools von Facebook und Google ohne besondere Zustimmung der Unternehmen auf ihren Seiten verbauen. Die Webseiten bekommen dafür gut sortierte Nutzungsstatistiken von Facebook und Google, die beiden Firmen dürfen dafür die Nutzerdaten sammeln. Der New York Times gegenüber betonten beide Unternehmen, dass sie die Verwendung von auf pornografischen Seiten gesammelten Informationen für Werbeprofile verbieten. Oracle äusserte sich auf die Anfrage der Zeitung nicht.


Masturbieren bis zur Ohnmacht Von der Lust zum Zwang: Der 25-jährige Levent ist süchtig nach Pornos. Sein altes Leben hat er verloren. (21. Mai 2019/Abo+)


Die Forscher argumentieren, dass gerade Pornoseiten – und die mit ihnen verbundenen werbetreibenden Unternehmen – eine besondere Verantwortung hätten, eine ehrliche und aktive Zustimmung der Kunden einzuholen. Denn die möglichen Folgen eines Lecks sind bei Daten, die mit der Sexualität der Personen zu tun haben, ungleich höher als bei gewöhnlichen Surf-Daten. Das hätte der Hackerangriff der Seitensprung-Seite Ashley-Madison 2015 gezeigt, bei dem Millionen Kundendaten erbeutet und später geleakt wurden. In der Folge kam es zu Trennungen, Erpressungen und sogar einem Suizid.

Die Betroffenen im Fall von Ashley Madison waren zielgruppenbedingt vor allem heterosexuelle Männer, also Mitglieder einer gesellschaftlich nicht diskriminierten Gruppe. Ein Leak sexueller Vorlieben von Angehörigen der LGBTQ-Community oder Anhängern exotischer Fetische könnte laut den US-Wissenschaftlern deutlich schwerwiegendere Folgen haben. Noch gefährlicher wird es für Pornographie-Konsumenten, wenn sie in einem Staat leben, der sexuelle Handlungen unter Strafe stellt, die von der Norm abweichen.

Erstellt: 19.07.2019, 16:19 Uhr

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