Willkommen im freien China – aber nur für vier Tage

Tim Cook geht hin, zum grossen Web-Treffen in Wuzhen. In der Enklave der Freiheit gibts Rubbel-Karten fürs offene Netz.

Wichtigster ausländischer Redner bei der Internet-Konferenz in China: Apple-Chef Tim Cook. (Foto: /Reuters)

Wichtigster ausländischer Redner bei der Internet-Konferenz in China: Apple-Chef Tim Cook. (Foto: /Reuters) Bild: Aly Song/Reuters

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Einmal im Jahr für genau vier Tage ist das chinesische Internet vollkommen unzensiert. In einem Städtchen zwei Autostunden von Shanghai entfernt bekommen Besucher dann eine Karte überreicht, darauf rubbelt man einen Code frei und loggt sich damit ein. Plötzlich kann man Google aufrufen und ungestört nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens suchen. Man kann sich bei Facebook anmelden oder ansehen, was US-Präsident Donald Trump gerade bei Twitter treibt. Und man kann die Websites aller Zeitungen dieser Welt lesen - freie Informationen für ein paar Tage in China. Die Enklave der Freiheit heisst Wuzhen.

Wo sonst Touristen durch die Gassen bummeln und Reisegruppen von chinesischen Gondolieri durch die Kanäle gestakt werden, haben Polizisten in Zivil Stellung bezogen. Niemand sitzt in den sonst so gut gefüllten Restaurants und Teehäusern. Die malerische Wasserstadt ist wie ausgestorben. Chinas Führung veranstaltet hier zum vierten Mal die World Internet Conference, mit Golfwägelchen werden die handverlesenen Besucher in die neu errichtete Kongresshalle chauffiert, um sich anzuhören, wie sich die chinesische Führung das Internet der Zukunft vorstellt.

Was wie ein Paradoxon klingt, ist auch eins, das Land, das seine Bürger am systematischsten abschirmt und die Great Firewall errichtet hat, möchte nicht weniger als die wichtigste Internetkonferenz der Welt veranstalten. Und es scheint auch noch zu gelingen.

Tech-Unternehmer aus China - und dem Silicon Valley

Bisher waren es vor allem die chinesischen Internetunternehmen, die nach Wuzhen kamen. Jack Ma, der Gründer vom Onlinehändler Alibaba, Robin Li, Chef von Baidu, der chinesischen Suchmaschine. Oder Ma Huateng von Tencent, dessen App Wechat auf fast jedem chinesischen Smartphone läuft. Bis kurz vor Beginn haben die Organisatoren die Teilnehmerlisten unter Verschluss gehalten. Politisch ist die Veranstaltung eher dürftig besucht, die Ehrengäste sind der stellvertretende Premierminister Thailands und sein Amtskollege aus der Mongolei.

Bei der Wirtschaft aber ist das anders. Hauptsponsor ist BMW. Und der wichtigste Festredner heisst in diesem Jahr: Tim Cook, Vorstandschef von Apple, dem ertragreichsten Konzern der Welt.


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Das chinesische Internet ist durch die scharfe Zensur der Behörden vom weltweiten Netz abgetrennt wie eine Lagune vom Ozean. Statt Ebay gibt es hier Alibaba, Baidu statt Google, Wechat statt Facebook. Und jüngst Didi statt Uber. Ideen aus dem Silicon Valley wurden in der Volksrepublik oft abgekupfert und dann für den chinesischen Markt mit seinen mehr als 700 Millionen Nutzern angepasst. Der grösste Markt der Welt ist ein sehr schwieriger Markt. Immerhin: Apple ist in China vertreten.

Gratwanderung der US-Konzerne

Im dunklen Anzug steht Tim Cook am Sonntagvormittag auf der Bühne des Kongresszentrums, nicht wie sonst im Pullover. Es ist eine Gratwanderung, das merkt man ihm an. Wie tief muss man sich vor dem Regime verbeugen? In den vergangenen Monaten ist Apple in China immer wieder in die Kritik geraten. Erst vor wenigen Tagen tilgte der Konzern den Telefondienst Skype aus seinem App-Store. Staatliche Anordnung.

2010 zog Google sich genau deshalb aus China zurück. Keine Kompromisse mehr. In Wuzhen spricht am Sonntagnachmittag Sundar Pichai ein Grusswort. Er ist der Google-Chef. Auch Facebook hat einen Emissär geschickt. Gründer Mark Zuckerberg lobt öffentlich die Bücher von Staats- und Parteichef Xi Jinping, regelmässig trifft er sich mit hochrangigen Funktionären. Auch Twitter versucht, Peking zu schmeicheln. Im vergangenen Jahr heuerte das Unternehmen eine neue China-Chefin an, die einmal bei der Volksbefreiungsarmee gearbeitet hat. Ihr erster Tweet ging an das chinesische Staatsfernsehen: «Lasst uns zusammenarbeiten, um der Welt die grossartige China-Geschichte erzählen!»

Vor Cook spricht Wang Huning, er ist der Chefideologe der Partei und sitzt seit gut einem Monat im Ständigen Ausschuss des Politbüros - Chinas Machtzentrale. «Die Offenheit», sagt Wang, «ist eines der besonderen Merkmale des Internets.» Genau das aber ist Peking unheimlich. Seit diesem Sommer gilt in der Volksrepublik ein Cybersicherheitsgesetz, es sieht vor, dass Daten künftig innerhalb von Chinas Grenzen gespeichert werden müssen.

«Ich sorge mich um Menschen, die denken wie Maschinen»

Ausländische Unternehmen befürchten, dass dadurch die Gefahr der Industriespionage und des Diebstahls des geistigen Eigentums wächst. Zum Beispiel bei der digitalisierten Produktion, der Industrie 4.0. Im Idealfall sollen in naher Zukunft Maschinen über Landesgrenzen hinweg miteinander kommunizieren. Das kann jedoch nur funktionieren, wenn der Datenverkehr dabei gesichert ist, damit kein Wettbewerber oder Geheimdienst auf die Produktion zugreifen kann.

Ebenfalls bedroht sind die sogenannten VPN-Verbindungen. Wer bislang von China aus Websites wie Google, Facebook oder Twitter erreichen möchte, kann das ausser an vier Tagen im Jahr in Wuzhen nur über einen VPN-Dienst tun. Diese Anbieter betreiben Server überall auf der Welt - es sind die Zwischenstationen auf dem Weg ins freie Internet. Mit grossem Aufwand, befürchten Fachleute, könnte China diese Lücken schon bald schliessen. Technisch kühl exekutiert.

Auf der Bühne in Wuzhen sagt Tim Cook dann diesen Satz: «Ich sorge mich nicht um Maschinen, die denken wie Menschen. Ich sorge mich um Menschen, die denken wie Maschinen.»

Erstellt: 04.12.2017, 13:15 Uhr

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