Zeitreise im Internet

Im Netz surfen wie 1990 – eine Rekonstruktion zeigt, wie unkomfortabel es damals war.

Die Drei vom Internet: Tim Berners-Lee, ein NeXT-Computer von damals und Robert Cailliau posieren 2009 am Cern für ein Foto.

Die Drei vom Internet: Tim Berners-Lee, ein NeXT-Computer von damals und Robert Cailliau posieren 2009 am Cern für ein Foto. Bild: Martial Trezzini/Keystone

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Wissenschaftler haben mitunter eine etwas andere Vorstellung von spassiger Freizeitbeschäftigung als der Durchschnittsbürger. «Party like it’s 1989» heisst es auf einer Website, die eine in Netz-Dimensionen uralte Entwicklung wiederbelebt – und deren Nachkommen wir heute alle nutzen.

Um sie zu verstehen, müssen wir in den Herbst 1990 zurückreisen, in die Ursuppe des kommerziellen Internets. Damals entwickelte Tim Berners-Lee, der sogenannte Vater des Internets, auf einem NeXT-Computer am Cern in Genf den ersten Webbrowser. Also das, mit dem wir uns im World Wide Web bewegen, wenn wir Websites anlaufen. Heute sind das meist Google Chrome, Firefox oder Edge, vor dreissig Jahren hiess ihr Urvater: WorldWideWeb.

Genau den haben Entwickler und Designer am Cern nun nachgebaut – eine Form populärer Netzarchäologie sozusagen. In einem modernen Webbrowser kann man nun das Gefühl nachempfinden, wie 1990 die noch nicht ganz so unendlichen Weiten des Netzes aussahen.

Bemerkenswert unspektakulär

Wer den Browser im Browser aufruft, sieht zuerst einmal etwas, was an die Benutzeroberfläche eines Apple-Computers in den Neunzigerjahren erinnert. Adresszeile und Bookmarks wie bei einem zeitgenössischen Browser sucht man vergebens. Das liegt daran, dass WorldWideWeb (der übrigens schnell in Nexus umbenannt wurde, um Verwechslungen mit dem World Wide Web zu vermeiden) eigentlich ein Textverarbeitungsprogramm ist, das nebenher auf Dateien auf anderen Rechnern zugreifen kann.

Um das Prinzip zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass es Tim Berners-Lee und seinen Mitstreitern 1990 hauptsächlich darum ging, verschiedene Rechner – in erster Linie wissenschaftlicher Einrichtungen – miteinander zu verbinden, sodass man auf einzelne Dateien zugreifen konnte, die nicht auf dem eigenen Rechner lagen. Letztlich funktioniert das heutige WWW im Grossen und Ganzen nach dem gleichen Prinzip, nur in wesentlich grösserem und komplexerem Umfang.

Das Surfen im Netz auf WorldWideWeb ist bemerkenswert unspektakulär und schnell erklärt: In der Navigation oben links öffnet man eine Website, indem man auf «Document» und dann «Open from full document reference» klickt. Es öffnet sich ein Feld, das heute die Adresszeile ist – dort gibt man die vollständige Webadresse ein, also zum Beispiel //www.tagesanzeiger.ch.

Statt Adresszeile: Hier gibt man die URL direkt ein.

Es öffnet sich eine sehr unschöne Version des Tagi – hier offenbart sich, welche Entwicklung Websites in den letzten dreissig Jahren genommen haben. Farbe: Fehlanzeige, Bilder und Videos sowieso (WorldWideWeb hatte die Möglichkeit, Bilder anzuzeigen, allerdings jeweils in einem neuen Fenster). Aber man kann sich durchklicken – mit jedem Klick auf einen Link öffnet sich ein neues Browserfenster.

Keine Schönheit: Die Tagi-Website in WorldWideWeb.

Alles so schön grau hier

Die Farbpalette in WorldWideWeb beschränkt sich auf Schwarz und drei verschiedene Grautöne (falls Sie Hex-Code sprechen: #000, #555, #AAA und #FFF). Als Schriften standen im ursprünglichen Browser zwei Fonts des Betriebssystems von NeXT zur Verfügung: Helvetica, das wir heute noch kennen, und Ohlfs. Das Problem: Moderne Versionen der Schriften sind vektorbasiert, damit sie, egal wo sie eingesetzt werden, nicht «verpixeln». Um ein möglichst authentisches WorldWideWeb-Erlebnis zu ermöglichen, rekonstruierten die Designer am Cern die ursprünglichen Schriften, so wie sie damals auf dem NeXT-Rechner aussahen.

So sieht ein Tagi-Artikel von heute im 1990er-Browser aus.

Schön und nutzerfreundlich ist das alles nach heutigen Standards nicht – spannend zu sehen, wie das Netz damals ausgesehen haben mag, ist es allemal. Auch wenn man dann froh ist, auf sein 2019er-Netz zurückzugreifen. Als Tim Berners-Lee und sein Mitstreiter Robert Cailliau 1989 ein erstes Konzept einreichten, war ihr Chef Mike Sendall übrigens nur mässig überzeugt von diesem Internet. Er vermerkte zu ihrem Vorschlag: «Vage, aber spannend.»

Erstellt: 22.02.2019, 19:17 Uhr

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