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«Zuckerbergs riskanteste Wette»

Facebook hat gestern die grössten Neuerungen in der Geschichte des sozialen Netzwerks präsentiert. Diese radikalen Veränderungen werden vor allem zu einem führen: Unzufriedenheit bei den Nutzern.

Das Netz zieht sich zu: Läutet Facebook-Chef Mark Zuckerberg das definitive Ende der Privatsphäre ein?
Das Netz zieht sich zu: Läutet Facebook-Chef Mark Zuckerberg das definitive Ende der Privatsphäre ein?
AFP

Für den amerikanischen Medien-Professor und Starblogger Jeff Jarvis ist die Sache klar: «Sie verlieren Ihr Leben.» Nicht weniger dramatisch titelt der «Stern»: «Ein Kampf ums ganze Leben».

Was ist geschehen? Mark Zuckerberg hat gestern Details zum grössten Umbau von Facebook seit Bestehen des sozialen Netzwerks bekannt gegeben (Redaktion Tamedia berichtete). Die eine Neuerung ist die sogenannte Timeline, eine Art Online-Biografie oder ein multimediales Tagebuch mit Geschichten des eigenen Lebens, angereichert mit Fotos und Texten.

Bald eine Milliarde Nutzer?

Der als eher scheu geltende Facebook-Gründer, der laut «Forbes» allein in diesem Jahr bisher zehn Milliarden Dollar verdiente, wirkte bei der Vorstellung seltsam aufgeräumt, ja geradezu euphorisch. Wahrscheinlich nicht nur darum, weil sich die Nutzerzahlen langsam, aber sicher der 1-Milliarde-Grenze nähern (derzeit sind etwa 800 Millionen Frauen und Männer auf Facebook aktiv), sondern auch – der zweite Coup –, weil es ihm gelungen ist, Musik- und Medienunternehmen so stark einzubinden wie nie bisher.

So bekannte Marken wie das Videoportal Netflix, der Musikdienst Spotify oder die Zeitung «Wall Street Journal» arbeiten künftig mit dem Netzwerk zusammen, sodass Facebook zum Medienunternehmen mutiert. Die Plattform lanciert dafür neue Apps, die in die Timeline integriert werden. Wenn ein Nutzer ein bestimmtes Lied hört, sehen das seine Freunde, die den Song ebenfalls abspielen können. Das gleiche Prinzip gilt für alles, was das Facebook-Mitglied tut – gamen, Nachrichten lesen, kochen. «So kann man die ganze Story seines Lebens auf einer einzigen Seite zeigen», sagte Zuckerberg gestern.

Von schlechten Dingen lernen

Diese radikalen Veränderungen werden aber vor allem zu einem führen: Unzufriedenheit bei den Nutzern. Das hat allerdings nicht unbedingt etwas mit den Änderungen selbst zu tun, sondern damit, dass es überhaupt Änderungen gibt. Eigentlich immer, wenn Facebook etwas verändert, gibt es eine ganze Menge Nutzer, die sich darüber beschweren, dass hier ein grossartiger Dienst zugrunde gerichtet wird.

Tatsächlich aber scheint Facebook von Myspace und Friendster zu lernen – respektive von deren schlechten Beispielen. Wer stehen bleibt, der fällt zurück, nur wer sich weiterentwickelt, kommt voran. Die Timeline ist der logische nächste Schritt in der Evolution (oder Metamorphose), die in den Augen der «Süddeutschen Zeitung» das Portal zu «einem eigenen Internet» entwickeln lässt.

Eine Interpretation, die nur auf den ersten Blick übertrieben wirkt, schliesslich haben die Macher beim Social Network nur ein Ziel: die Nutzer sollen das Portal nie mehr verlassen: Weder wenn sie Musik hören und Filme schauen, noch wenn sie Nachrichten konsumieren. Und wer länger netzwerkelt, der sieht auch länger Werbung. Dieser Effekt wird mehr Geld in die Kassen spülen und Facebook noch wertvoller machen. Wir erinnern uns: Facebook strebt nächstes Jahr den Börsengang an.

Die ewigen Peinlichkeiten

Das heisst nicht, dass die Entwicklung perfekt ist oder dass nicht schon bald ein paar Peinlichkeiten von vor drei Jahren in der einen oder anderen Timeline auftauchen könnten: Michael Gartner, Technologie-Analyst beim Marktforschungsunternehmen Gartner, flüchtet sich in Sarkasmus: «Die Kinder können nun leichter Dinge online stellen, die sie später in ihrem Leben bedauern werden.» Die Neuerfindung des Netzwerks, schreibt der US-Techblog Mashable, ist «Zuckerbergs riskanteste Wette seit dem Start 2004».

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