Der Charme von Bandsalat und lausiger Klangqualität

Die Musikkassette erlebt ihren zweiten Frühling. Auslöser des Revivals sind unter anderem Filme und Serien, die die 80er-Jahre aufleben lassen.

Die Kompaktkassette machte die Musik mobil. Foto: iStock (Getty Images)

Die Kompaktkassette machte die Musik mobil. Foto: iStock (Getty Images)

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Der Verkauf von Audiokassetten ist im letzten Jahr in den USA um 74 Prozent gestiegen: 129'000 Stück wurden verkauft, so viele wie seit 2010 nicht mehr. «Wer braucht MP3, wenn er Kassetten haben kann?», fragte Techradar.com mit unverhohlener Begeisterung und gestand dem schon totgeglaubten Tonträger gar einen neuen Boom zu.

Boom ist natürlich reichlich übertrieben. Das Retro-Medium der ersten Wahl bleibt die Schallplatte. Im letzten Jahr wurden in den USA 13,1 Millionen Alben auf Vinyl abgesetzt, nach einem Wachstum von elf Jahren in Folge. Zum Vergleich verzeichnete die CD 2016 ein Minus von 16 Prozent und kommt noch auf einen Absatz von 104,8 Millionen Stück. «Der Musikkonsum befindet sich auf einem Allzeithoch», stellt der Marktforscher fest. Und das ist das ­Verdienst des Streamings. Dieses ist 2016 gegenüber dem Vorjahr um 76 Prozent gestiegen und konnte die Rückgänge bei den Verkäufen mehr als kompensieren.

Beim strammen Wachstumskurs des Streamings liegt es auf der Hand, das Plus bei der Audiokassette als Gegentrend zu deuten – so marginal es auch sein mag. Es sind jedenfalls nicht nur die alten Nostalgiker, die die Zeit des legendären Sony-Walkmans noch einmal aufleben lassen – dem TPS-L2, der im Juli 1979 für 140 US-Dollar auf den Markt gekommen ist und heute für Hunderte oder gar Tausende Dollar auf Auktionsplattformen gehandelt wird. Auch junge Musikhörer können dem uralten Medium etwas abgewinnen. «Kassettenplayer repräsentieren etwas Neues und Frisches für die jungen Leute», hat «The Japan Times» vor kurzem konstatiert.

Netflix mischt kräftig mit

Die Wiederauferstehung der Kassette wird orchestriert. Einerseits von der Musikindustrie. Die britische Alternative-Rock-Band Radiohead hat im letzten Jahr zum zwanzigjährigen Jubiläum das Album «OK Computer» neu aufgelegt. In der Sammlerbox mit drei Vinylplatten gibt es auch ein Mixtape mit Demos und Archivmaterial.

Andererseits wird die Kassette im Kino zelebriert. Im Science-Fiction-Film «Guardians of the Galaxy» von 2014 gehören ein Walkman und eine Kassette zu den wenigen irdischen Gütern des Helden Peter Quill. Die legt er jeweils ein, wenn es zur Sache geht. Und selbstverständlich ist das Mixtape auch käuflich zu erwerben, und zwar stilecht als Kompaktkassette.

Auch der Streamingdienst Netflix hat eine auffällige Vorliebe für das anachronistische Medium entwickelt. Die Musik der Mysteryserie «Stranger Things» spielt in den 80er-Jahren und ist stilecht auf dem zeitgemässen Tonträger zu haben. Auch die Filme «Atomic Blonde» und die Serie «Snowfall» zelebrieren die Achtzigerjahre und unvermeidlicherweise auch die damalige Jugend-, Musik- und Technikkultur. Am auffälligsten ist Netflix’ Begeisterung jedoch bei «13 Reasons Why». In diesem Teenager-Drama hinterlässt eine Highschool-Schülerin nach ihrem Suizid eine Abschiedsbotschaft auf sieben ­Kassetten. Sie rechnet, Kassettenseite für Kassettenseite, mit einer Person nach der anderen aus ihrem Umfeld ab.

Es gibt natürlich auch Kritiker, die diesem wiederbelebten Stück Unterhaltungselektronik so gar nichts abgewinnen können. «Was hat bloss Nelly Furtado geritten, ihr Album ‹Hadron Collider› auf eine Weise zu veröffentlichen, dass kaum einer es hören kann?», polterte die «New York Times» vor zwei Jahren.

Der Reiz des Mixtapes

Überhaupt: Die Kassette sei der Inbegriff der geplanten Obsoleszenz, eine Klebebandrolle in einem Gehäuse, ein Bürozubehör! «Jedes Mal, wenn man sie abspielt, nützt sie sich ab. Schlechter Klang wird noch schlimmer. Gehäuse kriegen Risse im Winter und schmelzen im Sommer!», schreibt der Autor sich in Rage. Und da war er noch nicht einmal beim Bandsalat, dem Rauschen und Eiern angelangt. Doch so lausig die Klangqualität und so unzuverlässig die Konstruktion auch war, eine Stärke müssen auch die grössten Gegner dem klapperigen Plastikkassettli zugestehen: Der Charme eines selbst gemachten Mixtapes, mit sorgfältiger Auswahl der Songs und selbst gestalteten Hüllen, lässt sich digital nicht reproduzieren. Auch mit der besten Spotify-Playlist nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2018, 18:01 Uhr

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