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Warum war XP bloss so erfolgreich?

Windows XP hat sich länger gehalten als jedes andere Mainstream-Betriebssystem – trotz der frappanten Mängel.

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Am 25. Oktober 2001 kam Windows XP auf den Markt. Das Betriebssystem war damals ein Meilenstein. Eine quietschbunte Benutzeroberfläche namens Luna löste den mausgrauen Look von Windows 2000 ab. Noch bedeutender waren aber die Neuerungen unter der Oberfläche: Microsoft setzte auf einen einheitlichen Betriebssystemkern, den Windows NT Kernel. Dieser war bisher nur bei Windows NT und auf Geschäfts-PC zum Einsatz gekommen. Die Windows-Variante für Heimanwender heiss damals Windows ME und war nur ein grafischer Aufsatz für das altehrwürdige DOS.

Nostalgische Verklärung

Wer heute die Stabilität von Windows XP lobt, muss sich nostalgische Verklärung vorwerfen lassen. Windows XP war anfänglich alles andere als stabil. Zudem hatte Microsoft massive Sicherheitsprobleme. Das war zwar nur zum Teil die Schuld des Betriebssystems. Die Hauptursache war die unglückliche Verquickung des Internet Explorer mit dem Betriebssystem. Sie brachte Microsoft nicht nur wettbewerbsrechtlich in Schwierigkeiten. Sie öffnete auch der Malware Tür und Tor. Viren, Adware und Schadprogramme jeglicher Couleur waren die Folge – Windows-Anwender mussten vor zehn Jahren diesbezüglich sehr viel über sich ergehen lassen. Das Sicherheitsproblem adressierte Microsoft mit dem Service Pack 2 im August 2004. Eine neue Firewall, das Sicherheitscenter und die Unterstützung für das NX-Bit auf dem Prozessor entschärften die Lage an der Front der Schadsoftware ein bisschen.

Der Browser blieb indes eine Schwachstelle. Microsoft zeigte wenig Interesse, ihn abzusichern oder zu verbessern. Der Internet Explorer in der Version 6 wurde zusammen mit XP im Oktober 2001 ausgeliefert. Der Nachfolger, IE7, erschien erst im Oktober 2006. Und wenn damals mit Firefox nicht ein neuer Stern am Browser-Himmel aufgegangen wäre, hätte es womöglich noch viel länger gedauert. Doch trotz des Nachfolgers hielt sich der Internet Explorer 6 wacker. Microsofts IE-Countdown-Website zählt auch heute noch einen weltweiten Marktanteil von 4,4 Prozent (in der Schweiz sind es noch 0,1 Prozent) – was nur den Schluss zulässt, dass auch heute noch manche Leute mit einem XP-Computer surfen, der nie ein Update erfahren hat.

Ein Albtraum

Für Webgestalter und Betreiber von Internetportalen war der Internet Explorer 6 ein eigentlicher Albtraum: Er unterstützte viele der neuen Webtechnologien nicht oder nur halbherzig. Er hielt sich längst nicht an die Internet-Standards. Webseiten mussten in Rücksicht auf die Massen der IE6-Nutzer gestaltet werden, was waghalsige Konstrukte wie Browserweichen oder CSS-Hacks notwendig machte.

Nicht nur das: Microsoft hatte auch proprietäre Technologien wie Active X in den Browser integriert. Diese Komponenten erlaubten die Ausführung von Windows-Programmcodes im Browser. Das machte Webseiten leistungsfähiger. Gleichzeitig entpuppten sich Active-X-Komponenten als eigentliche Einfallstore für Schadprogramme, sodass ein Pluspunkt des Firefox-Browsers war, dass er diese Komponenten nicht ausführen konnte. Active X benachteiligte die Nutzer mit Nicht-Windows-Betriebssystemen.

Abhängigkeiten

Die nicht standardisierten Erweiterungen sind denn auch Schuld, dass sich viele Unternehmen mit der Ablösung von Windows XP so schwer tun. Sie haben rund um die Funktionen des Internet Explorer eigene Anwendungen gestrickt. Sie funktionieren selbst auf den neuen Versionen von Microsofts Browser nicht mehr, weil Microsoft sich inzwischen zu den Standards bekennt. Die alten Konstrukte funktionieren nicht mehr und müssen abgelöst werden. Was hohe Kosten nach sich ziehen kann und mitunter sogar eine Neuausrichtung der Informatikstrategie notwendig macht.

Ist Windows XP eine Erfolgsgeschichte? Dass sich ein Betriebssystem in der angeblich so schnelllebigen Informationstechnologie ganze 4548 Tage halten konnte, ist auf alle Fälle bemerkenswert. Die Unternehmen schätzen an Windows XP, dass es ein verlässliches und wohlbekanntes Fundament darstellt. Für sie ist Kontinuität wichtiger als jedes Jahr ein bunter Strauss von neuen Features. Für die Privatanwender, die mit Windows 3.1, 95 und der «Millennium Edition» gross geworden sind, bot – und bietet – XP offensichtlich auch genau den richtigen Mix von Funktionen, Komplexität und Bedienkomfort.

Am System herumschrauben

Viele alte Hasen, die sich zu DOS-Zeiten mit Konfigurationsdateien wie der berühmten «config.sys» und der nicht weniger berüchtigten «autoexec.bat» herumgeschlagen hatten, erlebten XP als Betriebssystem, das vieles leichter machte – aber dennoch an die gute alte Zeit erinnert, in der Computer-Know-how noch etwas galt. Diese Generation lässt sich von der Kacheloberfläche eines Windows 8 nicht beeindrucken, und sie hat auch keine Neigung, die lieb gewonnene Maus gegen die Gestensteuerung einzutauschen. Sie ist auch bereit, XP die vielen Makel zu verzeihen – beispielsweise die frappanten Leistungsprobleme, die sich nach einigen Monaten der Nutzung scheinbar fast zwangsläufig einstellen. Das sind (inzwischen vertraute) Schwächen, die dem System Charakter verleihen – und Gelegenheit bieten, an ihm herumzuhantieren. Genauso, wie der Liebhaber eines Oldtimer-Automobils es tut, wenn er jeden Samstag in der Garage verbringt.

Natürlich beruht der Erfolg von Windows XP auch auf dem Versagen seines Nachfolgers. Vista vermochte die Leute nicht zu überzeugen. Weder die modernere Oberfläche noch der von Microsoft naiverweise beworbene Flip-3D, der tatsächlich nur eine nutzlose Spielerei darstellte.

Das Ende von XP als Ende des PC?

Windows XP: In den Augen der einen der Höhepunkt der Entwicklung, nachdem es nur noch bergab ging. Für die anderen ein riesengrosses Ärgernis, das seit Jahren die Entwicklung blockiert und seit Jahren in die Mottenkiste gehört – zusammen mit Microsofts Bestreben, über proprietäre Technologien das Internet und die Informationstechnologie zu dominieren. Es bleibt abzuwarten, was das Ende von XP für die Ära des Personal Computers, für Windows und Microsoft, bedeutet. Die PC-Verkäufe sind in der letzten Zeit nicht angestiegen, obwohl es viele XP-Computer zu ersetzen gäbe. Das muss man so deuten, dass der PC auf dem Weg in seine Nische ist – oder in die Lastwagengarage, wenn man an Steve Jobs' berühmtes Bonmot anknüpfen will, dass PC in der Post-PC-Ära die «Trucks» sein werden, die nur noch von den Leuten gekauft werden, die auch wirklich grosse Lasten zu bewegen haben. Für den normalen Datenverkehr sind Smartphones, Tablets oder Internet-Terminals wie das Chromebook vielleicht tatsächlich die bessere Wahl. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2014, 08:21 Uhr

Fragen und Antworten zum Ende von XP

Ist das Ende von XP unwiderruflich?
Ja. Eine Ausnahme gibt es nur für Unternehmen, die gewillt sind, pro Sicherheits-Patch zu bezahlen.

Soll ich einen neuen PC kaufen, oder kann ich den alten aufrüsten?
PC, die ursprünglich mit Windows XP ausgeliefert wurden, sind neueren Windows-Versionen kaum gewachsen. Daher bleibt in den meisten Fällen nur ein Neukauf.

Was tun, wenn ich mir keinen neuen PC leisten will oder kann?
In diesem Fall können Sie den alten PC mit einer Linux-Variante betreiben, die für alte Hardware ausgelegt ist, beispielsweise Lubuntu.net.

Kann ich Windows XP nicht einfach weiter nutzen?
Nein, das ist keine Option.

Soll ich auf Windows 7 umsteigen – oder auf Windows 8.1?
Wenn Sie bei Windows bleiben, dann lautet meine Empfehlung, gleich zu Windows 8.1 zu wechseln. Dieses System ist, wenn man es richtig einrichtet, besser als sein Ruf.

Könnte ich auch zu Linux wechseln? Oder zum Mac? Zu einem Chromebook? Oder zum Tablet?
Windows ist tatsächlich nicht für alle Einsatzzwecke der Weisheit letzter Schluss. In der Linux-Welt erhalten Sie (wie hier ausgeführt) nicht nur das Betriebssystem, sondern auch eine umfangreiche Ausstattung mit freier Software. Beim Mac sind Software und Hardware schön aufeinander abgestimmt. Laptops mit Googles Chrome OS sind praktisch wartungsfrei und schon sehr günstig zu haben. Tablets sind handlicher als Notebooks, und sie können mit einer Tastatur auch für Office-Zwecke genutzt werden.
Sie haben bis zum definitiven Ende im April 2014 noch ein bisschen Zeit. Die sollten Sie nutzen, Ihre Bedürfnisse zu studieren und zu überlegen, welches Gerät und welches System diese am besten erfüllen – eine für alle geeignete Patentlösung gibt es aber nicht.

Wie führe ich den Umstieg auf den neuen Computer am besten durch?
Microsoft stellt mit Easy Transfer ein Werkzeug für den Umstieg von einem alten auf den neuen Computer zur Verfügung. Bei XP als dem Ausgangssystem können nur die Daten übernommen werden. Die Programme müssen Sie frisch installieren und die Konfiguration neu erstellen. Meine ausführlichen Tipps zur Datenübernahme finden Sie hier.

Ich empfehle, den alten Computer noch ein bisschen in Betrieb zu lassen, bis Sie sicher sind, dass am neuen PC alles so eingerichtet ist, wie Sie es wünschen.

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