«Zum Glück hat mich nie jemand gefragt, wie man in eine Bank einbricht»

Matthias Schüssler hat in den letzten Jahren in der Kummerbox unzählige Leserfragen beantwortet – jetzt ist Schluss.

«Es gibt Probleme in der Kategorie unlösbar», sagt Matthias Schüssler. Foto: Doris Fanconi

«Es gibt Probleme in der Kategorie unlösbar», sagt Matthias Schüssler. Foto: Doris Fanconi

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Vor einer Woche erschien die «­Kummerbox» zum letzten Mal. War der Millennium-Bug noch Thema, als du die Rubrik 2000 übernahmst?
Zum Glück für mich war der Bug damals gerade überstanden. Man befürchtete ja, die Welt breche zusammen – und dafür wollte ich nicht verantwortlich sein.

Wie haben sich die Fragen der Leser seither verändert?
Sie haben sich von der Hard- zur Software verschoben. Damals war es wirklich kompliziert, einen Scanner oder eine externe Festplatte an den Computer zu hängen: Man musste Treiber organisieren, allenfalls Erweiterungskarten einbauen. Diese Probleme sind heute weitgehend aus der Welt geschafft.

Welche Probleme sind geblieben?
Wie ein roter Faden ziehen sich die teilweise schwer nachvollziehbaren Entscheide der Firma Microsoft durch. Die haben bei den Usern für grossen Ärger und bei der Kummerbox zu vielen Fragen geführt.

Zum Beispiel?
Lange Zeit gab es im Weltbild von Microsoft keinen Missbrauch. Zudem hat Microsoft die Tendenz, die simple Lösung auszuschlagen. Es war immer die Idee, alles mit allem zu verknüpfen.

Wie spiegelt sich das in den ­Leserfragen wieder?
Ein typisches Problem war, dass aus dem Mail-Programm keine E-Mails mehr gedruckt werden konnten. Der Fehler lag jedoch im Word oder im Internet-Explorer. Die Ursache eines Problems des einen Programms liegt bei einem anderen Programm – da wird es schwierig. Die komplexe Architektur ist zwar sehr leistungsfähig, aber eben auch fehleran­fällig. Da kommen sich Produkte in die Quere, blockieren sich gegenseitig, machen das System schwerfällig.

Wie findet man da den Fehler?
Das ist die Schwierigkeit. Wo beginne ich die Suche? Mit der Zeit habe ich ein Gespür entwickelt. Ich wusste, welche Symptome auf welche Probleme hindeuten könnten. Der erste Schritt war oft, bei den kleinen und kleinsten Programmen zu entrümpeln, das hilft bei vielen Systemproblemen.

Wie viele der Fragen kamen jeweils in der Zeitung?
Wöchentlich erreichten uns circa 60 Anfragen. Etwa 5 oder 6 davon wurden dann auch gedruckt.

Wie hast du ausgewählt?
Zwei Fragen standen für mich im Vordergrund: Was hatten wir noch nicht? Was ist für ein breiteres Publikum spannend? Manche Fragen waren derart spezifisch – die interessierten neben dem Fragesteller vielleicht noch mich und zwei, drei andere. Zudem sollten die Antworten einen Dreh haben, vielleicht sogar unterhaltsam sein. Natürlich reden wir von Unterhaltung für Leute mit einer gewissen Computeraffinität. Spannend war, wenn ich aufzeigen konnte, dass ein Mechanismus zur Problemlösung auch in anderen Fällen greift.

Gibt es unlösbare Probleme?
In die Kategorie unlösbar gehört die gemässigte Kleinschreibung. Viele Leute verzichten in E-Mails etwa auf die Gross-/Kleinschreibung. Vor lauter unterwellten klein geschriebenen Worten sehen sie dann die wirklichen Tippfehler nicht mehr. Das war eine Frage, die immer wieder kam.

Gab es exotische Fragen?
Da gab es allerhand Zeugs. Zum Beispiel schrieb mir ein Arzt, der Softwareprobleme mit seinem Röntgengerät hatte. Da konnte ich natürlich nicht helfen.

Und Fragen im legalen ­Graubereich?
Vor allem eine: Wie kann ich einfach viel Musik gratis herunterladen? Auf der anderen Seite hat es viele gegeben, die sich überwacht, ausspioniert oder verfolgt fühlten – sei es vom Arbeitgeber, Ex-Partner oder dem Nachbarn. Aber zum Glück hat mich nie jemand gefragt, wie man in eine Bank einbricht oder Daten einer Firma entwendet.

Was ist deine Schlüsselerkenntnis aus 15 Jahren Kummerbox?
Gewisse Sachen werden immer komfortabler, die Systeme können immer mehr. Parallel dazu nimmt die Komplexität der Probleme zu. Es gibt Probleme, die es früher nicht gab, bei denen man nicht richtig weiss, wo man beginnen soll.

Zum Beispiel?
Probleme mit der Synchronisation: Da sind so viele Geräte, Programme, virtuelle Speicher beteiligt. Komponenten, die jede für sich Probleme machen können. Das ist kaum mehr beherrschbar.

Was machst du, wenn du nicht weiterweisst?
Ich kenne inzwischen die wirklich guten Foren. Manchmal helfen auch die technischen Datenbanken der Hersteller. Vielfach vernachlässigen sie den Support aber: Sie verkaufen Produkte für Leute mit wenig Know-how, und lassen sie mit den Problemen alleine. Im Idealfall wäre die Kummerbox ja überflüssig.

Hast du bei all deinem Know-how noch selber Computerprobleme?
Ich habe immer wieder Probleme, bei denen ich keine Lust habe, eine Lösung zu finden. Von meinen alten Podcasts etwa sind bloss noch die Rohfassungen lesbar. Ich schaffs nicht, die bearbeiteten Versionen wiederherzustellen.

Bist du ein Apple- oder ein ­Windows-Kind?
Ich hätte gerne einen Mac gehabt. Als ich 1991 meinen ersten Computer gekauft habe, fehlte mir aber das Geld. So wurde ich zum Windows-Kind. Heute fahre ich zweigleisig. Eine Windows-Kiste für zu Hause – Apple für unterwegs.

Weshalb hast du dir 1991 einen Computer gekauft?
Ich wurde gehänselt, weil ich keinen Computer hatte. Kollegen meinten, ich wäre ein typischer Computer-Freak. Eigentlich hatten sie recht – also begann ich, Geld für einen Computer zu sparen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2015, 18:26 Uhr

Kummerbox

Seit bald 20 Jahren hilft die «Kummerbox» bei Problemen mit Computer und Software. Nun verschwindet die Rubrik aus dem «Tages-Anzeiger» – nicht aber ihre Themen: Matthias Schüssler, der die Leserfragen in den letzten 15 Jahren beantwortet hat, wird weiterhin für den TA Digital­themen bearbeiten – und das eine oder andere Problem von Nutzern aufgreifen. Er wird dies vermehrt ­aktuell auf Tages­anzeiger.ch tun. (TA)

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