Menschen müssen aufhören, ihren Augen zu trauen

Eine App ermöglicht es Laien, Gesichter von Prominenten in Hardcore-Pornos zu montieren. Das Ergebnis erschüttert die Glaubwürdigkeit von Bildern und Videos.

Hätten Sies erkannt? Nicolas Cage als Lois Lane, genauer, Cages' Kopf auf dem Körper von Amy Adams, die im Superman-Film «Man of Steel» Lois Lane spielt. (Foto: Screenshot Youtube)

Hätten Sies erkannt? Nicolas Cage als Lois Lane, genauer, Cages' Kopf auf dem Körper von Amy Adams, die im Superman-Film «Man of Steel» Lois Lane spielt. (Foto: Screenshot Youtube)

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Das Jahr 2017 ist als Jahr der grossen Lüge in die Geschichte eingegangen, als das Jahr, in dem Alternativen zur Wirklichkeit von präsidialer Seite hoffähig gemacht wurden. «Fake-News» wurde zum Kampfbegriff, die Beweis- und Bindekraft des Faktischen grundsätzlich in Zweifel gezogen: Was stimmt noch, wenn Lügen zu «alternativen Tatsachen» werden? Die Semantik erwies sich als beliebig dehnbar, Begriffe verloren ihre Bedeutung. Sie «zerfielen im Munde wie modrige Pilze», so beschrieb Hugo von Hofmannsthal einst die Sprachkrise des Fin de Siècle.

Das noch junge Jahr 2018 konnte Mass und Qualität der Lügen dann allerdings noch einmal deutlich steigern, ja, es könnte in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem die Lüge den Menschen direkt ins Gesicht gelegt wurde. Im wörtlichen Sinne. Denn Gesichter lassen sich fortan per App in beliebige Kontexte einfügen. Jeder kann jeden Kopf auf jeden Körper setzen. Nicht bloss auf Fotos, nein, in Filmen.

Fakeapp heisst die Software dazu, die in die Welt gesetzt wurde sie von jemandem, der sich «Deepfakes» nennt. Vielleicht nicht ganz überraschend wurden als erstes Pornos mit diesem Programm bearbeitet. Die ersten Sexlügenvideos erstellten Nutzer, die gerade mal wussten, wie man einen Rechner anmacht.

Wer noch der Aussagekraft von digitalen Bildern glaubt, ist doch selber schuld.

Doch wenn man die üblichen Next-to-perfect-Retuschen einzelner Fotos per Photoshop kennt, ahnt man die Qualität der Filmchen: Es sind Schmuddel-Filme, die vorrangig prominente Köpfe auf den Körpern von Pornodarstellern bei der Verrichtung ihrer Arbeit zeigen, doch man bemerkt die Montage nicht: Die Schatten stimmen, die Haare fallen natürlich, die Mimiken, vor allem die Blicke wirken authentisch.

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Aber sind das Lügen? Oder geht es doch nur um einen grossen Bilderspass, ums Ausprobieren, um Collage 2.0 gewissermassen, vielleicht auch nur um den Nachweis von Machbarkeit? Wer noch der Aussagekraft von digitalen Bildern glaubt, wo sogar ein Sonnenuntergang auf dem Smartphone in Echtzeit aufgehübscht, also manipuliert wird, ist doch selber schuld.

Wie kann das bloss so perfekt gemacht werden?»

Und ist die Biegung von Narrativen nicht letztlich so faszinierend, weil, wie ein Nutzer in den einschlägigen Foren schrieb, er «diese Pornos schaut, erstmals mit beiden Händen an der Tastatur, völlig hingerissen, aber jetzt nur begierig zu erfahren, wie um Himmels willen das bloss so perfekt gemacht werden kann».

Denn in diesen Videos bewegen sich nun Maisie Williams, Taylor Swift, Aubrey Plaza und vor allem Nicolas Cage so, als ob sie «wirklich» gefilmt worden wären. Dass man Cage bereits in nahezu jeden Blockbuster von James Bond bis Superman, sogar in weibliche Hauptrollen hineinmanipuliert hat, mag übrigens daran liegen, dass er 1997 in einem Film mitgespielt hat, der – haha! – «Face/off» hiess.

Klar ist auch: Weder die Stars noch die Pornosternchen, deren Körper nun als blosse Gesichter-Vehikel bei der Geschlechterakrobatik noch weiter degradiert werden als ohnehin schon, sind dafür um ihre Erlaubnis gebeten worden. Und darum sind, trotz einer, sagen wir, herausfordernden Rechtslage, die meisten dieser Celebrities-Videos vor wenigen Tagen in einer Säuberungsaktion aller sozialen Medien – Twitter, Reddit, Facebook, Imgur, Gfycat und sogar Pornhub – gleichzeitig entfernt worden.

Der Rest enthält schwarze Schambalken, was sehr lustig ist, da die verhüllten Körperteile ja gerade nicht zu den darauf gesetzten Gesichtern gehören. Doch Zahnpasta, so sagt man wohl, kriegt man nicht mehr zurück in die Tube. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2018, 21:40 Uhr

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