7 Meilensteine der Handy-Fotografie

Bis die Minikameras unverzichtbar und zum wichtigen Kaufargument wurden, war es ein weiter Weg.

Steve Jobs stellte im Juni 2008 das iPhone 3G und mit dem Appstore einen Meilenstein der Handy-Fotografie vor. Foto: Eric Risberg (AP Photo)

Steve Jobs stellte im Juni 2008 das iPhone 3G und mit dem Appstore einen Meilenstein der Handy-Fotografie vor. Foto: Eric Risberg (AP Photo)

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2000
Erste Experimente bei tiefer Auflösung
Sharp J-SH04

Um die Jahrtausendwende tauchten in Asien die ersten Handys mit eingebauter Kamera auf. Sharp und Samsung gelten als Pioniere, doch auch der Hersteller Kyocera gehört dazu: Sein Gerät hatte die Kamera auf der Front – dort, wo heute das Display angebracht ist und Selfies ermöglicht.

Gemeinsam war allen fotofähigen Handys der ersten Generation, dass die Kamera mehr Spielerei war als sonst etwas. Die Bildschirme waren winzig, Speicherplatz war knapp, und die Auf­lösung lag deutlich unter einem Mega­pixel. Heutige Handys haben zum ­Vergleich mindestens 12 Megapixel.

Doch in den folgenden Jahren wurden die Minikameras besser, und neue Funktionen kamen dazu: Autofokus, Bildstabilisierung, variable Blenden oder Zoom. Die Hersteller lieferten sich ein Megapixel-Rennen, wie man es aus der Fotoindustrie kannte. Dabei wurden die Handys auch immer dicker.

2008
Mit den Smartphones kommen die Apps
iPhone 3G

Das Wettrüsten der Handykonzerne kam 2007 jäh ins Stocken. Mit dem iPhone – und damit dem ersten Smartphone – stemmte sich Apple gegen den Trend zu immer dickeren Handys mit noch dickeren Kameras. Doch die bis dahin wichtigste Neuerung auf dem Weg zum heutigen Foto-Handy kam erst 2008 mit dem iPhone 3G. Parallel dazu lancierte Apple den Appstore.

Apps revolutionierten die Art und Weise, wie wir fortan Fotos schiessen, teilen, bearbeiten und archivieren würden. In den Anfangszeiten waren die Möglichkeiten der vorinstallierten Kamera- und Galerie-Apps beschränkt. Entwickler sprangen in die Bresche und sorgten dafür, dass die technisch minderwertigen Minikameras den überlegenen Fotoapparaten die Kunden nach und nach abjagten. Lieber ein halbwegs passables Foto, das man auf dem Handy sofort herumzeigen kann, als ein tolles Foto, das man erst von der Kamera auf den Computer überspielen muss, dachte sich die Mehrheit. Auch heute noch spielen Apps mit die entscheidende Rolle bei der Handyfotografie.

2012
Beeindruckende Technologie, aber zweimal zu spät
Nokia PureView 808

In den Nullerjahren hat Nokia immer wieder mit beeindruckenden Mini­kameras auf sich aufmerksam gemacht. Die beste folgte 2012 im PureView 808. Ein 41-Megapixel-Sensor erlaubte es Nutzern, so hochauflösende Fotos zu schiessen, dass sie nachträglich zoomen konnten. Dass die Kamera und Technologie kein Erfolg wurden, war nur Pech. Schon im Vorjahr entschied Nokia, bei der Software künftig auf Windows statt auf das bewährte, aber angestaubte Symbian zu setzen. Doch die Technologie des PureView lief nicht auf Windows. So wurde es das letzte Symbian-Handy. 2013 reichte Nokia schliesslich mit dem Lumia 1020 ein Windows-Phone mit PureView-Kamera nach. Doch da war bei Nokia der Entscheid bereits gefallen, die Handysparte an Microsoft zu verkaufen. Die PureView-Kamera kam also zweimal zu spät. Erschwerend kam hinzu, dass auf beiden Plattformen wichtige Apps wie Instagram fehlten.

2016
Die Doppelkameras
kommen
Huawei P9

Nachdem Nokia aus dem Rennen war, blieben die grossen Sprünge aus. Die Hersteller konzentrierten sich darauf, die bestehende Technologie zu verbessern. Die Megapixel nahmen zu, und die Handys schossen bei immer weniger Licht immer bessere Fotos. Richtig Bewegung kam erst wieder in die Branche, als im Frühjahr 2016 die ersten Handys mit Doppelkamera auftauchten. LG legte vor und kombinierte im LG G5 eine Weitwinkelkamera mit einer noch weitwinkligeren Kamera. Erfolgreicher war der Ansatz von Huawei. Die Firma präsentierte im März desselben Jahres zusammen mit dem Kamerapionier Leica eine Doppelkamera mit einem Farb-Sensor und einem Schwarzweiss-Sensor. Dank manuellen Funktionen und allerhand Software-Tricks gelangen mit dem P9 Fotos, wie man sie einem Handy nicht zugetraut hätte. Heute findet man diese Art von Doppelkamera bei sehr vielen Android-Handys.

2016
Zoom und unscharfe Hintergründe wie beim Profi
iPhone 7 Plus

Apples Doppelkamera folgte der von Huawei mit nur einem halben Jahr Abstand. Doch wählte der Konzern beim iPhone 7 Plus einen anderen Ansatz. Eine Kamera schoss normale Handyfotos, während die zweite ein Zweifach-Zoom-Objektiv hatte. Auf Knopfdruck konnte man bequem zwischen den zwei Brennweiten wählen. Eine der Topleistungen der Apple-Techniker lag darin, dass man als Anwender gar nicht merkte, dass da zwei Kameras im Einsatz sind: Der Übergang zwischen den zweien war derart nahtlos. Besonders gefiel damals der Porträt-Modus. Andere Hersteller hatten früher schon mit simulierten Blenden experimentiert. Damit kann man bei Fotos per Software den Hintergrund unscharf setzen lassen und so einen Effekt erzeugen, wie man ihn von Profi-Fotokameras kennt. Bei Apple funktionierte das aber einfacher und zuverlässiger. Inzwischen setzt auch Samsung auf eine ähnliche Doppelkamera.

2016
Software macht,
was die Kamera nicht kann
Google Pixel

Die grösste Überraschung gelang 2016 allerdings weder Apple noch Samsung noch Huawei. Google lancierte mit dem Pixel eine eigene Smartphone-Linie. Auf dem Papier klang die einzelne Kamera auf der Rückseite unspektakulär und ein bisschen enttäuschend, zumal man bei der Konkurrenz schon Doppelkameras haben konnte. Doch Google warf die ganze Software-Know-how des Konzerns in die Waagschale. Die Fotos des Google-Handys waren derart gut, dass die Pixel-Kamera für viele Tester zur Kamera des Jahres wurde. In der Schweiz hat Google allerdings weder das Pixel noch dessen Nachfolger auf den Markt gebracht.

Trotzdem zeigen die Google-Handys, wie entscheidend Foto-Software ist. Ein geflügeltes Wort sagt: «Software kann man updaten. Hardware nicht.» So betrachtet, ist es nur noch eine Zeitfrage, bis simulierte Objektive mit realen Objektiven gleichziehen und diese womöglich dereinst übertreffen.

2018
Aller guten Dinge
sind Dreifachkameras
Huawei P20 Pro

Der neuste Meilenstein der Handykamera-Geschichte stammt erneut von Huawei und wurde diesen März vorgestellt. Das Datenblatt des P20 Pro liest sich wie ein Best-of aller vergangenen Meilensteine. Eine der drei Kameras hat einen 40-Megapixel-Sensor wie damals Nokia, eine hat einen Schwarzweiss-Sensor wie beim P9 von 2016, und die dritte Kamera hat 8 Megapixel und ein Zoom-Objektiv – anders als Apple und Samsung allerdings kein zwei-, sondern ein dreifaches. Damit deckt das P20 hardwaremässig alles ab, was aktuell möglich ist. Auch in Sachen Software braucht sich das P20 nicht zu verstecken. Es erkennt automatisch, ob man ein Porträt, eine Makroaufnahme oder ein Essensfoto machen möchte. Je nach Sujet passt die Kamera die Einstellungen automatisch an. Hin und wieder schiesst die Automatik zwar übers Ziel hinaus, doch insgesamt und gerade bei wenig Licht ist das P20 aktuell das Mass aller Dinge.

Erstellt: 25.04.2018, 10:04 Uhr

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