8 Apple-Verbesserungen und eine grosse Unbekannte

Apple hat neue Software für iPhones, Macs und Uhren vorgestellt. Eine Analyse.

«Das grosse Highlight war iOS 12»: Unser Digital-Redaktor war an der Präsentation in San José.
Video: Rafael Zeier, Tamedia Webvideo/Reuters

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Screen-Time

Ja, wir kleben alle zu viel an unseren Handys. Aber ist das wirklich so schlimm? Wenn man bedenkt, wie viele Geräte und Gegenstände das Handy in sich aufgesogen und damit überflüssig gemacht hat, ist die aktuelle Aufregung vermutlich nur halb begründet. Trotzdem müssen wir alle lernen, wie wir mit dieser neuen Technologie vernünftig umgehen.

Ähnlich wie Google für Android hat nun auch Apple für iOS eine Reihe von Tools vorgestellt, die einem dabei helfen sollen. Mit der Screen-Time-App bekommt man detailliert angezeigt, wie viel Zeit man in welcher App verbracht hat. Man kann sich (und vor allem auch seinen Kindern) je nach App Zeitbudgets setzen. Ob man diese Funktionen dann auch wirklich nutzt, ist jedem selbst überlassen. Es ist auf jeden Fall ein schlauer Schachzug der Techkonzerne, den Ball an die Nutzerinnen und Nutzer zurückzuspielen.


ARKit 2

Apple ist überzeugt, dass Augmented Reality (AR) eine der Schlüsseltechnologien der Computerzukunft wird. Nochmals kurz erklärt: Bei AR wird das reale Bild, das unsere Augen sehen, mit digitalen Elementen ergänzt. Aktuell funktioniert das auf Tablets und Smartphones, indem die Kamera die reale Welt zeigt und Softwareinformationen oder andere Elemente darüberlegt. Das Paradebeispiel ist Pokémon Go. Bei der App werden digitale Pokémon-Mönsterchen in die reale Welt projiziert.

Aktuell ist das alles noch etwas umständlich, da man ein Tablet oder ein Handy dazu braucht. Doch dereinst sollte das auch mit einer smarten Brille funktionieren. Dann wird es richtig interessant. Im letzten Jahr hat Apple mit ARKit Tools lanciert, die es Entwicklern leichter machen, AR in ihre Apps einzubauen. Heuer legt Apple mit ARKit 2 nochmals nach. Zusammen mit Adobe und Pixar hat der Konzern einen Standard für AR-Inhalte entwickelt. Eine eigene App namens Measure hilft beim Vermessen von Gegenständen.

Ähnliche Apps gab es zuvor schon von anderen Entwicklern. Doch nun, da Apple selber mitmischt und für zusätzliche Konkurrenz und Aufmerksamkeit sorgt, dürften solche Apps nochmals einen Sprung nach vorne machen. Schliesslich können neu auch mehrere Personen AR-Apps gleichzeitig auf mehreren Geräten nutzen. Apple zeigte dazu ein Spiel, das zwei oder mehr Personen zusammen spielen können. Dieses soziale Element ist einer der grossen Trümpfe von AR. Anders als bei Virtual Reality ist man nämlich nicht hinter einer massigen Brille von der Aussenwelt abgeschottet und kann ganz natürlich mit den Mitspielern sprechen. All diese Verbesserungen und Neuerungen zusammengenommen sind ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer Apple-Brille.


Walkie-Talkie-App

Als Apple 2014 die Apple Watch vorstellte, war auch eine Gegensprech- oder Walkie-Talkie-Funktion dabei. Mit der hätte man kurze Tonbotschaften an andere Uhrenträger verschicken können. Doch daraus wurde nichts. Die Funktion verschwand noch vor dem Verkaufsstart und ward nie mehr gesehen.

Dabei wäre die Uhr der ideale Ort dafür. Statt eine Kurznachricht zu tippen oder zu diktieren, könnte man ja auch gleich das Ton-Dokument verschicken. Aktuell ist das auf der Apple Watch standardmässig deaktiviert und gut in den iMessage-Einstellungen versteckt. Doch nun präsentiert Apple mit der Walkie-Talkie-App eine bequemere Variante. Die App bringt genau diese ursprünglich angekündigte Funktion zurück. Man drückt auf den Knopf und kann wie bei einem Funkgerät oder einer Gegensprechanlage eine Kurzbotschaft verschicken.

Wie gut das funktioniert, muss sich zeigen. Zeigen muss sich auch, ob es die richtige Entscheidung war, die Funktion in eine eigene App zu stecken und nicht mit iMessage zu kombinieren. Zwei getrennte Messenger-Apps sehen auf den ersten Blick nicht nach der bequemsten Lösung aus. Zudem hätte man mit iMessage weit mehr mögliche Kontaktpersonen als mit einer App, die aktuell nur auf der Uhr läuft.


Automatisches Sport-Tracking

Wer eine Apple Watch hat und Sport treibt, hat das sicher schon erlebt. Zurück von der Joggingrunde, merkt man, dass man die Trackingfunktion nicht aktiviert hat und die Runde nun in der Trainingsstatistik fehlt. Das sollte schon bald nicht mehr passieren. Denn die Uhr erkennt nun automatisch, wenn man Sport macht und wann man damit fertig ist. So sollten keine Joggingrunden mehr vergessen gehen.

Yoga und Wandern kommen zu zwölf anderen dedizierten Trainingsarten hinzu, die exakt die aktiv verbrannten Kalorien und die verdienten Trainingsminuten tracken. Fotos: Marcio Jose Sanchez (Keystone)

Wie schlau und zuverlässig die Uhr das macht, wird sich zeigen, wenn das Update im Herbst (September?) kommt. Aber zum Beispiel Samsung hat das bei seinen Uhren schon länger, und da machte es in Tests jeweils einen guten Eindruck. Wäre ja gelacht, wenn das Apple nicht auch hinbekommen würde.


Carplay mit Google Maps

2013 wurde iOS fürs Auto an der jährlichen Entwicklerkonferenz angekündigt. Seither haben mehr und mehr Autohersteller die Software in ihre Autos eingebaut. Anders als auf dem iPad oder dem iPhone kann man darauf aber längst nicht alle Apps nutzen. Apple kontrollierte minutiös, was man auf dem Auto-Touchscreen darf und was nicht.

Die Ankündigung selbst dürfte in der Menge an Neuheiten der Präsentation vom Montag manchem entgangen sein, war sie doch nur ein Nebenschauplatz. Doch die Auswirkungen auf den Alltag dürften bedeutend grösser sein. Neu kann man nämlich mit Carplay, so heisst iOS fürs Auto inzwischen, auch Navigations-Apps der Konkurrenz nutzen. Apple hat zwar auch andere Apps vorgestellt, doch in erster Linie geht es hier um Google Maps.

Dass Apple über den eigenen Schatten gesprungen ist und die protektionistische Bevorzugung des eigenen Kartendienstes Apple Maps aufgegeben hat, ist löblich. Doch auch Apple profitiert davon. Je offener Carplay ist, desto eher wird es genutzt. Nun da mit Google Maps auch der beste Karten- und Navigationsdienst drauf ist, dürfte das nur noch mehr Kunden in die iOS-Welt locken.


iOS-Apps für macOS

Werden Apple iOS und macOS fusionieren? Wird macOS aufs Abstellgleis geschoben? Solche und ähnliche Fragen hat man in den letzten Jahren und Monaten immer wieder lesen können. Am Montag hat Apple deutlich Stellung bezogen und mit einem lauten «Nein» geantwortet. Es würde keinen Sinn machen, die Plattformen zu fusionieren. Beide seien genau für die Art von Geräten und Anforderungen ideal. Daran würde sich nichts ändern.

Was sich aber ändern wird, ist das: Apple will es Entwicklern von iOS-Apps künftig einfacher machen, ihre Apps auch gleich für macOS anzupassen. Das Projekt sei aber noch in Arbeit und solle erst 2019 parat sein. Damit dürfte manchem Mac-Fan ein Stein vom Herzen fallen. Mit dem neuen Mac Pro am Horizont und dem deutlichen Bekenntnis zum Mac als Plattform dürfte sich so bald keiner mehr Sorgen machen, dass sein Arbeitsgerät demnächst zum Alteisen gehört. Aber auch iOS-Nutzer dürfen sich darüber freuen. Dank den neuen Möglichkeiten werden nun im Gegenzug auch die Entwickler von tollen Programmen für den Mac vermehrt überlegen, ob sie nicht auch gleich eine iOS-App dazu machen wollen.


Dark Mode

Mit dem neuen macOS bekommen Macbook, iMac und Co. einen Dark Mode. Das heisst, weisse Bedienelemente werden schwarz. Das ist praktisch, wenn man in dunklen Räumen oder in der Nacht am Bildschirm arbeitet. Zudem sieht es elegant aus.

Bewusst dunkler Auftritt: Apple-Chef Tim Cook.

Interessant am neuen Dark Mode für den Mac ist aber vor allem etwas anderes: Wo bleibt der Dark Mode für iOS? Da würde der nämlich auch Sinn machen. Viele Apps bieten einen solchen bereits in den Einstellungen an. Doch ein zentraler Knopf, der das ganze iPhone auf Dark Mode umstellt, das wäre unbestritten praktisch. Aber wer weiss, eventuell hat sich Apple die Funktion für den September und die Ankündigung der neuen iPhones und iPads aufgespart.


Schluss mit Fingerprinting

Werbefirmen nutzen nebst Cookies und Trackern auch eine besonders schlaue Methode, um Menschen quer durchs Internet zu verfolgen und mit Werbung zu beliefern. Sie erkennen einzelne Computer anhand von Bildschirmauflösung, installierten Schriften, Plug-ins und anderen Kleinigkeiten. Dieses vorgehen nennt sich Fingerprinting. Anhand dieses digitalen Fingerabdrucks sieht die Werbefirma, wann man auf welcher Website zu Besuch war.

Mit der neusten Version von macOS sagt Apple dieser Praxis den Kampf an. Künftig sollen deutlich weniger Informationen über das Gerät an die Website übermittelt werden. Das Ziel sei es, dass für Werbefirmen alle Macs ziemlich ähnlich aussehen und so Fingerprinting nicht mehr funktioniert. Den Werbefirmen dürften diese Massnahmen gar nicht gefallen. Uns Konsumenten sind sie dagegen sehr willkommen.

Auch eine weitere Neuerung ist eher kundenfreundlich als werberfreundlich: Safari soll künftig nachfragen, wenn Websites Daten an andere Dienste wie zum Beispiel Facebook weitersenden wollen. Dann kann jeder selbst entscheiden, ob Facebook nun sehen soll, dass man gerade in diesem Onlineshop war. Die Vermutung liegt auf der Hand, dass kaum jemand, wenn man die Wahl hat, diese Datensammelei erlaubt.


Shortcuts

Die grosse Unbekannte unter den vielen Ankündigungen ist die neue Shortcuts-App. Damit kann man Siri neue Tricks beibringen. Wie das genau geht und was damit alles möglich ist, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen. Elementar ist, dass es einfach funktioniert.

Ähnliche Automatisierungsdienste wie IFTTT oder das von Apple aufgekaufte Workflow sind zwar nützlich, aber nur etwas für Profi-Anwender. Wenn es Apple gelungen ist, diese Prozesse zu vereinfachen und alltagstauglich zu machen, wäre das ein grosser Schritt auf dem Weg zu einer schlaueren Siri. Statt wie Google und Amazon auf haufenweise persönliche Daten zu setzen, könnte man Siri selber trainieren und so neue Funktionen beibringen. Das wäre eine interessante Alternative und ein gutes Argument für Cloud-Skeptiker, Siri zu verwenden.

Noch interessanter wäre es freilich, wenn man Siri all diese Sachen nicht per App sondern direkt per Sprache beibringen könnte. «Hey Siri, immer wenn ich ‹Heimweg› sage, mach x, y und z.» Aber von wirklich lern- und trainierfähigen Sprachassistenten sind wir vermutlich noch ein, zwei Jahre entfernt. Was das angeht, hat Apple noch eine interessante Entwicklung angedeutet: Siri dürfte künftig vermehrt den Bildschirm nutzen, um zusätzlich zur Stimme Informationen und Bilder auch auf dem Screen anzuzeigen. Auch das ist ein Zwischenschritt auf dem Weg zu wirklich nützlichen Sprachassistenten. Aber wenn wir die Bildschirmgeräte schon mit uns herumtragen, kann die Siri ja auch effizienter nutzen, als nur um Text anzuzeigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 09:42 Uhr

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