Hintergrund

«Als ob ständig tausend Augenpaare folgen»

Über eine Viertelmillion Handynutzer haben verseuchte Android-Apps auf ihre Handys heruntergeladen. Nun hat Google zum letzten Mittel gegriffen und den sogenannten Kill Switch betätigt.

Den Handynutzer nie aus den Augen lassen: Google kann - wie Apple - jederzeit unbemerkt Programme löschen und den Aufenthaltsort ihrer Kunden ausfindig machen.

Den Handynutzer nie aus den Augen lassen: Google kann - wie Apple - jederzeit unbemerkt Programme löschen und den Aufenthaltsort ihrer Kunden ausfindig machen. Bild: Keystone

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Anders als Apple im App Store kontrolliert Google in seinem Android Market nicht, ob ein Miniprogramm den Mindestanforderungen betreffend Stabilität und Sicherheit genügt. Das macht den Onlineladen bei Entwicklern beliebt - eine Applikation, einmal gebaut, rutscht nicht selten noch in der gleichen Minute in den Android Market.

Die Offenheit der App-Store-Konkurrenz hat jedoch auch ihre Nachteile, wie Nutzer in den letzten Tagen erfahren mussten. 58 Apps waren mit Malware beladen, davon betroffen waren nicht weniger als 260'000 Nutzer.

Fernkontrolle machts möglich

Google reagierte schnell - die Trojaner-Apps wurden aus dem Android Market geworfen - musste sich aber etwas einfallen lassen, um die schädliche Software von den Smartphones zu löschen. Am Wochenende teilte der Suchmaschinenkonzern im Google Mobile Blog mit, wie er das zu tun gedenkt: Die Malware wird gemäss diesen Informationen innert drei Tagen mit der Remote-Removal-Funktion entfernt. Dieses Tool ist auch unter dem Namen Kill Switch bekannt: Damit kann Google Apps per Fernkontrolle eliminieren.

In Sicherheitskreisen wird das Vorgehen des IT-Konzerns unterschiedlich kommentiert: Halten einige den Kill-Switch-Einsatz als Negativkonsequenz der offenen Android-Welt für gerechtfertigt, plädieren andere nun für eine rigide Kontrolle im Zulassungsprozess à la Apple. Offenbar tendiert Google für letzteres: «Wir werden einige Massnahmen treffen, um ähnliche Vorfälle zu verhindern», so das Unternehmen in seinem Blog. Wie rigide die Kontrollen ausfallen werden, schreibt Google allerdings nicht.

Amazon machte es 2009 vor - mit «1984»

Googles Mobile-Debakel erinnert an einen ähnlichen Vorfall, der sich vor zwei Jahren ereignet hat. Onlinehändler Amazon löschte mit einem Kill Switch auf seinem E-Reader Kindle absichtlich mehrere hundert Kopien von George Orwells «Animal Farm» und - welch Ironie - des Big-Brother-Romans «1984».

Sicherheitshalber kann auch Apple jederzeit Programme auf dem iPhone löschen - Steve Jobs persönlich bestätigte 2008 die Existenz der Kill-Switch-Funktion. «Hoffentlich müssen wir diesen Hebel niemals umlegen, aber es wäre unverantwortlich, so einen Hebel nicht zu haben.»

Standortdaten werden schon lange gesammelt

Ob Apple je davon Gebrauch machen musste, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass die jüngste Löschaktion von Google einen Einfluss hat auf die Online-Datenschutzdebatte: Denn bei Google und Apple, welche aus der Ferne Programme löschen können, handelt es sich auch um die beiden Computerkonzerne, welche in grossem Umfang Standortdaten von Kunden sammeln. «Um standortbezogene Dienste auf Apple-Produkten anzubieten, dürfen Apple und seine Partner sowie Lizenznehmer präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschliesslich des geographischen Standorts Ihres Apple-Computers oder -Geräts», heisst es etwa in den 2010 aktualisierten Datenschutzrichtlinien von Apple.

Zu viel Paranoia? Vielleicht. Das Beispiel China indes zeigt, wie schnell «1984» Realität werden kann: Vor wenigen Tagen gab Peking bekannt, im Sommer ein Überwachungssystem von Millionen Handynutzern zu testen. Offiziell laut der Nachrichtenagentur AFP als Instrument zur Optimierung des Strassenverkehrs angepriesen, sehen Bürgerrechtler darin einen weiteren Schritt hin zur totalen Kontrolle seiner Bürger. «Epochtimes» zitiert dazu einen Artikel des «Yangze Daily», wonach Skepsis durchaus angebracht ist. «Wenn die Leute ausgehen, fühlen sie sich ständig überwacht, als ob ihnen ständig tausend Augenpaare folgen würden.»

Erstellt: 07.03.2011, 11:31 Uhr

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