Angst vor Amputation

Der Hype um neue Smartphones ist gross, der Nutzen gering.

Apple verkündet seine Neuheiten in durchritualisierten Liveshows: Das iPhone 6 am Launch-Event vom 9. September 2014. Foto: Monica Davey (Keystone)

Apple verkündet seine Neuheiten in durchritualisierten Liveshows: Das iPhone 6 am Launch-Event vom 9. September 2014. Foto: Monica Davey (Keystone)

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Stellen Sie sich vor: Sie müssen im Wald leben, abgeschnitten von allen Annehmlichkeiten. Was vermissen Sie am meisten? Strom? Warmes Wasser? Schmerzmittel? Eine Säge? Sicher ist: Das iPhone 6 steht nicht auf der Liste.

Mit dem Gedankenspiel versuchen Kritiker, die Dauer-Hektik um neue Smartphones und Tablets zu dämpfen. Aus ihrer Sicht schüren Technologie­firmen schon länger viel Aufregung um Nichts. Wahrer Fortschritt, sagen sie, macht Menschen gesünder, sicherer, reicher – im Minimum waldtauglich. Smartphones tragen dazu wenig bei.

Seit Monaten verbreiten Medien Gerüchte zum iPhone 6 und erreichen so hohe Leserquoten. Apple verkündet seine Neuheiten in durchritualisierten Liveshows. Mit fast religiösem Eifer berichtet die Weltpresse.

Dabei bleiben die Verbesserungen bescheiden. Das iPhone 6 wird ein bisschen grösser. Die Haupterrungenschaft des neuen Samsungs Galaxy besteht aus einem Bildschirm, der sich um die Gerätekante biegt. Darauf lässt sich ein Massstab einblenden.

Experten bemängeln, dass die Miniatur-Neuerungen der letzten Jahre vor allem dazu dienten, Kunden zum Kauf eines neuen Geräts zu verführen. Das fördert eine fragwürdige Verschwendungshaltung.

Wir sind Marketing-Opfer

Trotz Innovationsflaute gelingt es den Tech-Firmen weiterhin, Vorfreude anzufachen. Skeptiker erklären dies wie folgt: Wir sind Marketing-Opfer, leben in ständiger Furcht, als rückständig zu gelten, wenn wir nicht das neuste Gerät zücken können.

Positiver deuten lässt sich das Entzücken mit Douglas Coupland. Der Autor («Generation X») bezeichnet sein iPhone als «Körperteil»: Wir sind verwachsen mit Geräten, die uns ans Internet koppeln. Über sie erschliessen wir die Welt, halten Kontakt zu Menschen, rufen Wissen ab. Wer sein Smartphone nicht findet, steht Amputationsängste aus. Ein neues Handy fühlt sich an wie eine schärfere Brille oder ein besseres Hörgerät. Das kann süchtig machen.

So gesehen wäre das iPhone 6 nicht die schlechteste Hilfe, um im Wald zu überleben. Eine App warnt vor giftigen Pflanzen, dank Karten behält man die Orientierung – bis der Akku aussteigt.

Erstellt: 10.09.2014, 22:13 Uhr

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