Apple: Über 1,5 Milliarden für Schweizer App-Entwickler

Neue Zahlen geben Einblick in das verschwiegene Unternehmen. Sie zeigen erstmals, mit wie vielen Schweizer Firmen der US-Konzern zusammenarbeitet.

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Apple ist ein notorisch verschwiegenes Unternehmen. Wann kommt das nächste iPhone? Geheim! Wann wurde mit der Planung von Apple Pay begonnen? Geheim! Wie viele Apple Watches wurden bisher verkauft? Geheim! Woran forscht Apple in Zürich? Geheim!

Darum lohnt es sich, umso genauer hinzuschauen, wenn Apple Zahlen und Informationen veröffentlicht, die über Produktankündigungen und Quartalszahlen hinausgehen. So wie heute.

Gerade eben hat Apple neue Statistiken rund um Arbeitsplätze veröffentlicht. Zwei von der Analysis Group und dem Progressive Policy Institute durchgeführte Studien sollen zeigen, wie viele Jobs Apple direkt oder indirekt über Zulieferer und das App-Ökosystem in Europa geschaffen hat.

Millionen Arbeitsplätze

Die Intention dahinter liegt auf der Hand. Das wertvollste Unternehmen der Welt will damit zeigen, dass es eben nicht nur enorme Gewinne einfährt, sondern auch Dritte und damit indirekt die Gesellschaft daran teilhaben lässt.

Demnach ermöglicht Apple in Europa insgesamt 1,76 Millionen Arbeitsplätze. 1,5 Millionen davon sind auf das App-Store-Ökosystem von Apple zurückzuführen, und 170’000 gehen auf die gesamte europäische Zuliefererkette zurück. Bei Apple selbst sind in 19 Ländern 22’000 Mitarbeiter beschäftigt.

Blick in die Zahlen

Doch was verraten die Zahlen darüber hinaus? Eine ganze Menge. Und noch mehr, wenn man sie mit den Anfang 2016 publizierten Zahlen zum selben Thema vergleicht.

Die spannendste Zahl im ganzen Bericht ist: 237. Das ist nicht etwa die Anzahl Mitarbeiter, die Apple in der Schweiz beschäftigt, sondern die Anzahl Schweizer Lieferanten und Dienstleister, mit denen Apple zusammenarbeitet. Welche das sind, was die liefern oder leisten und ob es sich gar um Teile fürs iPhone und Co. handelt, ist, wie nicht anders zu erwarten, geheim. Einzig eine europaweite Auflistung von Zuliefererjobs gibt Anhaltspunkte, in welchen Bereichen die Schweizer Firmen tätig sein könnten (siehe Box).

Auffällige Mitarbeiterzahlen

Die zweite spannende Zahl ist 600. So viele Mitarbeiter hat Apple in der Schweiz. Hier interessiert weniger die Höhe der Zahl, sondern der Vergleich zu 2016. Auch damals lag die Zahl bei exakt 600.

Das macht hellhörig. Haben doch in der Zwischenzeit wiederholt Meldungen über ein Zürcher Forschungslabor rund um Bildverarbeitung die Runde gemacht. Regelmässig tauchen auch entsprechendeStelleninserate auf, das letzte stammt von diesem Montag, und belegen die Berichte. Werden diese neuen Stellen nicht ausgewiesen, wurden sie durch andere Abgänge kompensiert, oder sind es so wenige, dass sie im Rundungsbereich untergehen? Auch hierzu gibt es keine weiteren Auskünfte.

Jobs, Jobs, Jobs

Reichlich Auskünfte gibt der Bericht dafür rund um das iOS-App-Ökosystem und die daraus entstandenen Jobs. Insgesamt sei laut Studie in den letzten zwei Jahren die Zahl der Arbeitsplätze in der europäischen App-Wirtschaft um 28% auf rund 1,5 Millionen gestiegen. Dazu steuert die Schweiz 28’000 Jobs bei.

Vergleicht man diese Zahl mit der vor zwei Jahren, mag man sich wundern. Da wies Apple nämlich für die Schweiz noch 103’000 Entwickler aus. Doch anders als damals soll die Studie nun nicht mehr einfach bei Apple registrierte Entwicklerkonten erfassen, sondern tatsächliche Jobs rund um Apps. Nutzerinnen und Nutzer, die sich wie der Autor als Entwickler registriert haben, um an Vorabversionen von Software zu kommen, werden nicht mehr länger dazugezählt.

Im Umkehrschluss weiss man nun jedoch, dass mehrere Zehntausend Schweizer diesen Weg nutzen, um früher an Software für iPhones und andere Apple-Geräte zu kommen, ohne je eine eigene App eingereicht zu haben.

1,5 Milliarden

Was die Schweizer iOS-App-Entwickler angeht, lässt weniger deren Zahl als deren Einkommen aufhorchen. Über 1,5 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,48 Milliarden Franken) habe Apple seit der Lancierung des App Store 2008 an Schweizer Entwickler überwiesen.

Insgesamt hätten europäische Entwickler weltweit mehr als 20 Milliarden Euro (23 Milliarden Franken) eingenommen.

Das sagen die Entwickler

Dass rund um Apples App Store und Googles Play Store neue Jobs und Geschäftsmodelle entstanden sind, ist augenfällig. Doch wie schätzen Entwickler die aktuelle Situation ein? Wir haben einige von ihnen gefragt.

Die Zürcher Einkaufszettel-App Bring wurde 2012 auf iOS lanciert. Ein Jahr später folgte eine Android-Version. Heute ist die ehemals kostenpflichtige App gratis, und das Team dahinter ist auf 12 Personen angewachsen. Sie hätten damals mit iOS angefangen, sagt Sandro Strebel, einer der beiden Gründer, weil sie mehr Know-how im Bereich iOS hatten und es im Startmarkt Schweiz weiterverbreitet war.

Heute sei es für sie als international tätiges Unternehmen freilich unumgänglich, auf beiden Plattformen vertreten zu sein. Müsste er heute nochmals ein Projekt starten, würde er je nach Fall entscheiden, auf welche Plattform er zuerst setzt. Für kostenpflichtige Spiele zum Beispiel sei iOS die bessere Wahl.

Das bestätigt Moritz Zumbühl von den Zürcher Blindflug-Studios. Er hat mit First Strike einen weltweiten Spiele-Hit gelandet. Die App gibt es sowohl für Android wie iOS. Für ihn hat jeder der beiden Stores seine Stärken und Schwächen. Geld verdienen lasse sich mit beiden. Prinzipiell empfiehlt er aufstrebenden Entwicklern, für Apples App Store auf eine Bezahl-App zu setzen und für Googles Play Store auf eine Gratis-App mit Werbung.

Von der ETH in die App-Entwicklung

Fragt man bei App-Entwicklern nach, die erst am Anfang stehen, bestätigen sich die Erfahrungen der App-Profis. Gerade wenn es um neue Technologien wie Augmented Reality (AR) geht, biete iOS aktuell mehr Möglichkeiten, sagt Sélim Benayat vom ETH-Spin-off Rosiereality.ch. Er und seine sechs Teamkollegen entwickeln die App Rosie Robot, bei der Kinder auf spielerische Weise den Umgang mit AR-Robotern und Programmieren lernen.

«Die Tools, die iOS uns Entwicklern mit ARKit bereitstellte, waren 2017 ungeschlagen die besten. Da wir nur für eine überschaubare Anzahl Geräte planen mussten, konnten wir unsere App so schneller und einfacher lancieren. Ganz nebenbei fühlten wir uns bei Apple mit unserem starken Design-Fokus sehr gut verstanden und aufgehoben.»

Eine Android-Version von Rosie Robot soll, wenn alles klappt, aber noch dieses Jahr folgen.

Nebst dem Studium ein Planetarium gebaut

Apps für beide Plattformen zu programmieren, sei für hauptberufliche Entwickler Pflicht, doch für sie als Informatikstudenten, die nur nebenher Apps entwickeln, aktuell kein Thema, sagen Michael Stöckli und Emanuel Huser. Die zwei Luzerner Entwickler haben mit ihrer Firma Apfelapps.ch solAR eine AR-App entwickelt, mit der man seine Stube zum Planetarium machen kann.

Die App wurde im Frühling einem breiteren Publikum bekannt, als Apple sie in einem Video an der Produktelancierung des neuen iPads in Chicago zeigte. Nebst den Möglichkeiten von ARKit nennen die zwei auch Swift, Apples neue Programmiersprache, als weiteren Grund für ihren Fokus auf iOS.

Die Taktik, eine App erst für iOS und erst im Anschluss für Android zu entwickeln, lässt sich auch international beobachten. Das aktuellste Beispiel ist die Spielesensation Fortnite. Seit März gibt es eine iOS-App. Eine Android-App ist zwar versprochen, lässt aber auf sich warten. Und selbst Google, der Hüter von Android, lanciert gelegentlich Apps erst auf der Konkurrenzplattform. So erschien zum Beispiel Motion Stills 2016 auf iOS und erst 2017 folgte die Android-Version.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2018, 16:11 Uhr

Aufschlüsselung der europaweiten Zulieferer-Jobs

80’000 Einzelhandel

22’000 Fertigung

17’700 Gebäudemanagement

17’400 technische und wissenschaftliche Dienstleistungen

11’250 sonstige Branchen

10’600 Transport und Logistik

5’750 Informationsdienstleistungen

2’900 Baugewerbe

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