Hintergrund

Apple macht seine eigenen Regeln

Am Mittwoch wird Tim Cook in San Francisco die sechste iPhone-Generation präsentieren. Schon jetzt steht fest, dass sich Cupertino dem blossen Wettrennen um technische Funktionen verweigert.

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Der Erwartungsdruck ist hoch, vor einem Jahr brachte das iPhone 4S ein paar technische Verbesserungen gegenüber dem Vorgängermodell, blieb aber äusserlich unverändert – die Enttäuschung war zunächst gross (das Telefon wurde dennoch ein Renner und das bislang erfolgreichste iPhone). Nun soll wieder ein grosser Schritt passieren. Apple folgt dabei einem Zwei-Jahres-Turnus, der sich an der gängigen Zwei-Jahres-Laufzeit für Handyabos orientiert.

Viele erwarten deshalb ein neues, dünneres Design und technische Neuerungen, mit denen sich das neue iPhone deutlich vom zweijährigen iPhone 4 und dem einjährigen 4S unterscheidet. Erwartet werden die schnellere Funktechnologie LTE (die in der Schweiz noch kaum verfügbar ist), eine verbesserte Kamera und ein schnellerer Chip. Ausserdem ein kleinerer Stecker – was etliche Dockingstations und weiteres Zubehör plötzlich alt aussehen liesse. Das sichtbare Antennenband, das seitlich rund um das Gerät läuft, ist auch zwei Jahre nach seinem Debüt weiterhin einmalig genug, als dass es auch zu den Erkennungsmerkmalen des neuen iPhones zählen dürfte.

Vor allem aber erwartet die Welt eines: einen grösseren Bildschirm. Immerhin verkauft die Konkurrenz schon länger Smartphones mit Bildschirmdiagonalen von bis zu 5 Zoll und mehr, während das iPhone seit 2007 unverändert 3,5 Zoll bietet. Vor zwei Jahren hat sich einzig die Auflösung deutlich erhöht (Retina-Display).

Einhändige Bedienung hat Vorrang

Das vergleichsweise langsame Wachstum des iPhone-Screens hat gute Gründe. Es bringt der Entwicklergemeinschaft Stabilität. Eine iPhone-App muss nur für eine einzige, aktuelle Bildschirmauflösung gestaltet werden, die Entwickler müssen sich nicht ständig um andere Bildschirmgrössen diverser Hersteller und deren Modelle kümmern.

Ein zweiter, durchaus gewichtiger Grund für den mittlerweile bescheiden wirkenden iPhone-Screen dürfte aber noch ganz woanders liegen: Apples Designteam bevorzugt ein Gerät, das sich einhändig bedienen lässt. Hält man es in einer Hand, kann der Daumen noch bequem jede Ecke des Screens erreichen.

Apple scheint diese Anforderung weitaus höher zu gewichten als das Rennen darum, wer den grössten Screen zu bieten hat. Ausserdem passt das iPhone seit 5 Jahren prima in die vordere Hosentasche, ein Galaxy S III, ein HTC One oder das kommende Lumia N920 verlangen hingegen – überspitzt formuliert – nach einer kleinen Handtasche.

4-Zoll-Bildschirm im 16:9-Format

Wenn sich die aktuellen Gerüchte bewahrheiten, wird Apples neues Gerät einen höheren Screen mit 4-Zoll-Diagonale im 16:9-Format haben. Das Gerät als Ganzes schiesst dabei etwas in die Höhe, bleibt aber gleich breit und lässt sich deshalb weiterhin mit einer Hand bedienen (und dürfte immer noch knapp in die Hosentasche passen).

Kritiker werden bemängeln, dass Apple hier weit hinter der Konkurrenz liege. Doch Cupertino verweigert sich dem blossen Wettrennen um technische Funktionen. Erinnern wir uns: Das erste iPhone hatte kein 3G (die Batterie hätte nicht mitgespielt), und das Betriebssystem iOS verfügte lange über kein Multitasking (weil es anfangs gar keine Dritthersteller-Apps gab). Die breite Masse der Käufer hielt das nicht davon ab, zuzuschlagen.

Die 80-80-Regel

Der amerikanische Journalist und langjährige Apple-Beobachter Andy Ihnatko hat es einmal so formuliert: «Apple setzt nicht auf technisch maximal mögliche Lösungen. Apple setzt auf Lösungen, die 80 Prozent der Leute während 80 Prozent der Zeit zufriedenstellen.» Auf den Bildschirm des iPhones scheint das zuzutreffen – die meiste Zeit ist er für die meisten Anwender gross genug. Gemäss dieser Regel wäre es übrigens auch für NFC noch zu früh.

Man darf aber noch über einen weiteren Grund mutmassen, warum das iPhone nicht zu einem Riesensprung in Sachen Bildschirm ansetzt. Für jene 20 Prozent der Zeit, in denen man sich ab und zu einen grösseren Screen wünscht, beispielsweise für Games, Filme, E-Books oder beim Surfen im Web, scheint Apple eine separate Lösung zu haben: das ominöse iPad mini, wie es die globale Gerüchteküche nennt.

Sollte sich diese Spekulationen bewahrheiten und das iPad mini einen Screen von rund 7 Zoll aufweisen, dann würde es sich deutlich genug von einem 4-Zoll-iPhone und dem 10-Zoll-iPad (9,7 Zoll um präzise zu sein) unterscheiden. Es würde übrigens auch jenen 20 Prozent der Fälle entsprechen, in denen das iPad zu gross und zu schwer ist, beispielsweise beim Lesen im Bett. Ob das iPad mini mehr als nur ein Phantom oder Wunschtraum der Gerüchtestreuer bleibt, wird sich diese Woche noch nicht zeigen – Apple wird die gesamte mediale Aufmerksamkeit konzentriert für das neue iPhone nutzen. Wenn, dann bekommt ein ganz neues Gerät wie ein iPad mini seinen eigenen Auftritt (angeblich im Oktober).

Das iPhone bleibt ein Mobiltelefon

Der «kleine» Screen des iPhones sorgt nicht zuletzt auch dafür, dass es hauptsächlich ein Telefon bleibt. Ein 5-Zöller ist unbestritten praktisch und toll, wenn man damit im Web surft, doch sich so eine Riesenflunder ans Ohr zu halten, ist nicht jedermanns Sache. Apple unterscheidet also deutlicher zwischen Telefon und Tablet als andere.

Vieles wird also beim Alten bleiben, beim Bewährten, auch beim kommenden iPhone. Auch deshalb, weil der Schritt von der fünften zur sechsten Version eines Produktes selten so dramatisch ausfällt wie etwa der von der ersten zur zweiten oder jener zur dritten. Kritiker dürften sich bestätigt fühlen. Doch Apples Strategie, sich nicht am rein technisch Machbaren zu orientieren, ist in den letzten Jahren enorm erfolgreich gewesen. Eigentlich erstaunlich, dass sie noch keine Nachahmer gefunden hat.

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Erstellt: 10.09.2012, 11:32 Uhr

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