Auch Samsung kann das Smartphone nicht neu erfinden

Aktuelle Smartphones wie das Samsung Galaxy S III sind solide Weiterentwicklungen. Revolutionen sollte man keine mehr erwarten.

Neu: Das Galaxy S III kann kabellos geladen werden.

Neu: Das Galaxy S III kann kabellos geladen werden. Bild: Reuters

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Was war grösser? Die teils irrsinnigen Erwartungen vor der Ankündigung oder die Enttäuschung darüber, dass sie sich nicht erfüllt haben? Als Apple im letzten Herbst das iPhone 4S vorgestellt hat, ging ein frustriertes Stöhnen um den Globus.

Vergangene Woche hat sich erneut Vergleichbares zugetragen. Samsung präsentierte der Welt das neue Topmodell der äusserst erfolgreichen Galaxy-Reihe. Im Vorfeld haben die Koreaner mit kryptischen Einladungen die Gerüchteküche aktiv angeheizt (etwas, das Apple übrigens nie selbst übernimmt, sondern jeweils deren Fans). Es wurde dann aber nichts aus der erhofften 12-Megapixel-Kamera (sie hat 8MP), die Rückseite des Smartphones besteht nicht aus Keramik, sondern nach wie vor aus Plastik, und das Display bringt nicht den prophezeiten Quantensprung. Nur dass wir uns richtig verstehen: Der 4,8-Zoll-Amoled-Bildschirm ist hervorragend, und 8 MP sind genug. Nur die Plastikrückwand enttäuscht wirklich etwas, in der Hand kommt damit kein Gefühl von Hochwertigkeit auf. Und was das Design betrifft, wurde nichts neu erfunden – das Gerät sieht aus, wie Dutzende andere Android-Smartphones.

Direkt von Apple kopiert

Es gibt weitere Parallelen zwischen dem aktuellen iPhone und dem Galaxy S III. So fällt etwa auf, dass die Hersteller mit technischen Tricks zu punkten versuchen, die zwar durchaus beeindrucken, im Alltag aber nur wenig oder gar nicht benutzt werden. Apples Spracherkennung Siri fällt in diese Kategorie. Samsung hat sie dennoch deutlich, um nicht zu sagen unverschämt, nachgebaut. Beim Galaxy lässt sich sogar die Kamera auslösen, indem man laut «cheese» sagt. Selbst eingefleischte Android-Nutzer unter den angereisten Fachjournalisten waren vom neuen Gerät weniger beeindruckt als erwartet.

Es fällt allen Herstellern schwerer, mit grossen Sprüngen und neuen Möglichkeiten zu überraschen. Die Smartphones, so scheint es, haben ihre kreativste Entwicklungsphase bereits hinter sich. Was grundsätzlich nichts Schlimmes ist. Und was nicht heissen soll, das Galaxy S III sei bloss mit Schnickschnack ausgestattet. Es gibt auch nützliche Neuerungen, allen voran die Möglichkeit, das Gerät über Induktion, also kabellos, zu laden. Die dafür notwendige Ladeplattform ist als Zubehör erhältlich.

Grosszügiges Display

Freude macht die Gesichtserkennung auf Fotos. Hat das Handy jemanden erkannt, so lässt sich das Foto mit einem Fingertipp mit der betreffenden Person teilen oder direkt deren Facebook-Profil aufrufen. Praktisch auch, dass es merkt, ob man den Bildschirm anschaut, und diesen so lange nicht auf dunkel schaltet. So muss man beim Lesen von Websites oder E-Books nicht ständig wieder den Bildschirm antippen. Ist man am Schreiben eines SMS und beschliesst, den Empfänger doch lieber anzurufen, reicht es, das Gerät einfach ans Ohr zu halten, schon wird der Anruf gestartet.

Geteilter Meinung kann man darüber sein, ob ein Bildschirm mit einer 12,2-Zentimeter-Diagonale noch handlich ist. In jede Hosentasche passt das Gerät jedenfalls nicht. Solange man das Galaxy jedoch benutzt, macht das grosszügige Display Spass.

Es besteht kein Zweifel, dass das Galaxy S III dem iPhone 4S noch etwas nachmachen wird: Es wird sich bestimmt viel besser verkaufen, als die erste Enttäuschung vermuten lässt. Es wird Samsungs Führungsrolle unter den Handyherstellern weiter festigen. Noch vor drei Jahren betrug der Marktanteil der Koreaner bei den Smartphones gerade einmal 3 Prozent, aktuell ist er auf 29 Prozent geklettert. Im ersten Quartal 2012 wurden über 42 Millionen Samsung-Smartphones ausgeliefert, darunter Renner wie das Galaxy S II oder das Galaxy Note.

Die Marktmacht der Koreaner

Samsung ist derzeit nicht nur der weltgrösste Handyhersteller, sondern auch der gewichtigste Vertreter des Android-Lagers. Kein anderer Hersteller hat Googles Betriebssystem derart erfolgreich in den Massenmarkt gebracht. Bereits wird darüber gerätselt, wem künftig die Führungsrolle bei der Weiterentwicklung zufällt, Google oder Samsung. Die Koreaner hätten jedenfalls die Marktmacht, noch stärker ihr eigenes Android-Süppchen zu kochen – was allerdings auch eine weitere Zersplitterung des Android-Lagers mit sich bringen würde. Doch Suppen werden ja bekanntlich nie so heiss gegessen wie gekocht.

Die Beziehung zu Apple könnte sich vielleicht bald schon entspannen. Die Patentstreitigkeiten, welche die beiden Konzerne rund um den Globus austragen, könnten noch im Mai auf höchster Ebene – also von CEO zu CEO – beigelegt werden. Die Konkurrenten sind schliesslich stark voneinander abhängig. In jedem iPhone oder iPad stecken für mindestens 50 Dollar Bauteile von Samsung, Apple ist der grösste Kunde der Koreaner für Speicher, Displays oder Chips. Gemeinsam sind Samsung und Apple heute schon für 74 Prozent des weltweiten Umsatzes mit Smartphones verantwortlich. Noch drastischer sieht es bei den Smartphone-Profiten aus, diese teilen die beiden praktisch exklusiv unter sich auf, wobei Apple trotz kleineren Marktanteilen viermal mehr verdient.

Solange das Geschäft derart gut läuft, müssen sich die zwei vorerst keine fundamental neuen Tricks für ihre Smartphones einfallen lassen.

Das Galaxy S III mit 16 GB Speicher wird ab Ende Mai für 899 Franken (ohne Abo) in Schwarz und Weiss erhältlich sein.

Erstellt: 06.05.2012, 14:40 Uhr

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