Bitcoin-Wechsler im Zürcher Kafi Schoffel scheucht Beamte auf

Allan Hertmanowski betreibt im Zürcher Niederdorf seit ein paar Wochen einen Bitcoin-Automaten. Ein Versuch eines Kleinunternehmers. Die Rechnung hat er allerdings ohne die Finma gemacht.

Echtes Geld in virtuelles Geld wechseln geht auch am Automaten: Bitcoin-Maschine in einem Geschäft in Mountain View (Kalifornien).

Echtes Geld in virtuelles Geld wechseln geht auch am Automaten: Bitcoin-Maschine in einem Geschäft in Mountain View (Kalifornien). Bild: Keystone

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Letzte Woche gab der Bundesrat Entwarnung. Es brauche keine neuen Gesetze für «Währungen wie Bitcoin», denn diese hätten «nur marginale Bedeutung», und sie würden sich «nicht im rechtsfreien Raum bewegen». Bei Bitcoin ist also alles in Ordnung, lautete das Verdikt der Regierung.

Allan Hertmanowski kann ein anderes Lied singen. Der Elektromonteur betreibt im Kafi Schoffel im Zürcher Niederdorf seit ein paar Wochen einen Bitcoin-Automaten. Wie bei einem Zahlungsautomaten einer Geschäftsbank kann man in Hertmanowskis Maschine Frankennoten einschieben, um sie so seinem Bitcoin-Konto im Cyberspace gutzuschreiben. Je nach aktuellem Kurs der virtuellen Währung gibt es mehr oder weniger.

Ein harmloser Versuch eines engagierten Kleinunternehmers, der an die Zukunft von Bitcoin als Alternative zu den Monopolwährungen der Notenbanken glaubt, könnte man denken. Doch da würde man die Rechnung ohne die Finanzmarktaufsicht (Finma) machen. Diese hat schon im März in einem dreiseitigen Schreiben detaillierte Vorgaben gemacht, und zwar an den früheren Besitzer des Automaten, der diesen im Mai an Hertmanowski verkaufte.

Vorgaben mit viel Juristendeutsch

Der Finma-Beamte, der sich um den Zürcher Bitcoin-Automaten kümmert, führte mit viel Juristendeutsch die Vorgaben von Banken- und Geldwäschereigesetz aus. Im Kern geht es um die Frage, ob ein Bitcoin-Betreiber in der Schweiz sich «entweder einer von der Finma anerkannten Selbstregulierungsorganisation anschliessen oder eine Bewilligung der Finma als sogenannter Direkt unterstellter Finanzintermediär beantragen» müsse, wie im Brief ausgeführt wird. Um nicht als Bank zu gelten, muss ein Anbieter einer Alternativwährung belegen können, dass er nicht in professioneller Absicht Kundengelder in Form von «Einlagen» entgegennimmt. Er hat zu beweisen, dass er lediglich sogenannte Abwicklungskonti betreibt, also den «Gegenwert der erhaltenen Guthaben in Geld oder Bitcoins vom Bitcoin-Händler umgehend und vollumfänglich an die Kunden» weiterleiten würde.

Kurz: Leute wie Hertmanowski und sein Vorgänger als Bitcoin-Automatenbesitzer müssen dem «Watchdog» in Bern glaubwürdig aufzeigen, dass sie nicht wie eine Bank Gelder von Kunden auf einem Büchlein horten, was zu besonderer Sorgfalt verpflichtet. Sondern dass sie lediglich eine computerbasierte Plattform betreiben, die eine Tauschdienstleistung Ware gegen Geld – hier Bitcoin – ermöglicht.

Der Fragebogen war sehr ernst gemeint

Hertmanowski machte sich über das Schreiben der Finanzaufseher von März keine grossen Gedanken. Er kennt den Betreiber des Kafi Schoffel und fand, dass dort ein guter Platz wäre für den Automaten. So empfahl er dem früheren Besitzer, den Automaten dort aufzustellen. Nachdem er im Mai den Apparat erworben hatte, erschienen Artikel darüber, weil ein anderer Automat in der Viadukt-Shoppingzone im Zürcher Kreis 5 nicht live ging, nachdem die Finma intervenierte. Es brauche weitere Rechtsabklärungen, meinte die Aufsicht. «Bitcoin-Automat in Zürich verboten – einer läuft trotzdem», meldete darauf «Computerworld», ein Fachmagazin für Digitales, Anfang Juni. Keine Woche später trat die Finma bei Hertmanowski auf den Plan und forderte den Einzelunternehmer auf, innert 20 Tagen einen Katalog über elf Fragen zu beantworten.

Hertmanowski soll seine Aufgaben rund um «diesen konkreten Wechselautomaten» schildern, die «angedachte weitere Geschäftstätigkeit» ausführen, alle seine Bankverbindungen offenlegen, eine «entsprechende Dokumentation» über seine Geschäftsidee eines Bitcoin-Kiosks beschreiben. Sagen, ob er den Kunden Gebühren belaste, wie viel Gewinn er mache, ob er Kundenguthaben «in staatlichen Währungen» verwalte oder Kundengelder halte, «über welche der Kunde nicht jederzeit ohne Mitwirkung von Ihnen/der Unternehmung verfügen» könne.

Die Absicht der Finma war klar. Sie wollte heraushören, ob Hertmanowski eine Banktätigkeit ausübe oder zumindest als Finanzvermittler dem Geldwäschereigesetz unterstehen würde. Dass es die Finma ernst mit ihren Fragen meinte, ging aus dem letzten Absatz hervor, in dem man «der guten Ordnung halber» den KMU-Mann darauf hinwies, dass eine fehlende Bankbewilligung oder ein Geschäften an der Selbstregulierung vorbei «mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder Busse bestraft» würde.

Was ist mit WIR-Checks und Flugmeilen?

Hertmanowski liess sich nicht ins Bockshorn jagen. Rechtzeitig vor Ablauf der dreiwöchigen Frist beantwortete er jede der elf Fragen. Sein Bitcoin-Automat würde wohl «bis auf weiteres im Kafi Schoffel stehen bleiben», meinte er, und zwar «mit der absoluten Einhaltung Ihrer bisherigen Auflagen». Gebühren belaste er 6 bis 10 Prozent, damit er «teilweise das Währungsrisiko aufheben» könne. Gewinn gemacht habe er noch nicht. «Ich bin im Minus. Ich habe viel Zeit investiert und nur einen Bruchteil von meinem Lohn als Elektromonteur.»

Dann kommt der entscheidende Teil. Er führe «kein Guthaben in Bitcoins für andere private/juristische Personen», schreibt Hertmanowski. Ohne Kundenguthaben ist keine Bankbewilligung nötig, so die Überlegung. Sein Ziel sei es, «anderen Geschäften» zu helfen, «in die Welt von Bitcoin einzusteigen», führt er aus.

Die Reaktion der Finma bleibt abzuwarten. Dass der Bundesrat grundsätzlich nichts gegen Bitcoin unternimmt, hat seine Logik. Ansonsten könnte Hertmanowski oder jemand anders beantragen, ähnliche Alternativ-Währungssysteme wie die traditionellen WIR- oder Reka-Checks seien ebenfalls zu verbieten. Selbst Meilensammeln oder die Cumulus-Karte der Migros könnten zum Problem werden.

Erstellt: 01.07.2014, 08:39 Uhr

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