Blaue Häkchen vergiften die Liebe

Whatsapp hat jetzt eine Gelesen-Funktion. Warum das Liebende in Erklärungsnot bringt.

Liebe in Zeiten von Whatsapp. (Twitter)


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Niemand weiss, was die Software-Entwickler bei Whatsapp sich gedacht haben, als sie sich dafür entschieden, bei ihrem Nachrichtendienst die Gelesen-Funktion einzuführen. Neuerdings zeigen bei Whatsapp zwei kleine blaue Häkchen an, ob eine versendete Nachricht auch gelesen wurde. Vermutlich gingen sie davon aus, dass ein solches Feature die Fernkommunikation der Realkommunikation angleichen und damit die Verständigung zwischen Sender und Empfänger erleichtern würde. Leider ist davon auszugehen, dass das Gegenteil der Fall sein wird.

Es ist das Paradox des Fortschritts, dass mit jeder technischen und wissenschaftlichen Errungenschaft auch neue Probleme erschaffen werden, auf die man gerne verzichtet hätte. Mobilkommunikation ist dafür das beste Beispiel. Eigentlich sollte sie die Menschen näher zusammenbringen. Aber gerade dort, wo die Menschen sich am nächsten sind, nämlich in der Liebe, bewirkt sie oft das Gegenteil. Weil sie nämlich nicht nur verbindet, sondern auch die Räume enger macht. So eng, dass mitunter die Liebe stirbt.

Das Paradox der modernen Liebe

Man kann nicht nichtkommunizieren, schrieb der Verhaltensforscher Paul Watzlawick. Das war aber in einer Zeit, da man sich noch räumlich zurückziehen und damit der Kommunikationssituation entziehen konnte. Das ist heute, da jeder immer erreichbar ist, nicht mehr möglich. Und so entsteht die Erwartung, jeder müsse allzeit bereit sein zur Kommunikation. Und ist er das nicht, dann spricht das für sich. Und so zeigen die zwei kleinen blauen Häkchen im Whatsapp-Chat viel mehr an, als nur, dass die Nachricht gelesen wurde. Nämlich, dass sie gelesen wurde, aber nicht erwidert. Und zwar vorsätzlich. Aber warum? Liebt er mich nicht mehr? Ist er mit einer anderen unterwegs? Will er mich bestrafen? Lebt er überhaupt noch?

Das ist das Paradox der modernen Liebe. Je enger wir kommunikativ verbunden sind, desto grösser wird der Raum für Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Herzschmerz. Es ist deshalb empfehlenswert, Fernkommunikation nur dann einzusetzen, wenn keine Gefühle, sondern nur so banale Dinge wie Einkaufslisten oder Zeitabsprachen im Spiel sind. Die geistige Gesundheit wird es danken.

Erstellt: 07.11.2014, 07:16 Uhr

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