Bücher à discrétion

Spotify, Netflix und jetzt das: Mit seiner Flatrate für E-Books will Amazon den Buchmarkt umkrempeln. Wir haben das Angebot und die Konkurrenten getestet.

Eine ganze Bibliothek in der Tasche: Ein Tablet mit einem Onlineshop im Browser.

Eine ganze Bibliothek in der Tasche: Ein Tablet mit einem Onlineshop im Browser. Bild: Arne Dedert/Keystone

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Der Onlinehändler Amazon hat vergangene Woche seine Flatrate für elektronische Bücher vorgestellt: Kindle Unlimited nennt sich das Angebot. Für eine Monatsgebühr kann ein Nutzer einen Teil des Sortiments beliebig nutzen. Mit dieser Lancierung machte sich Amazon so nebenbei zum heimlichen Hauptthema der Frankfurter Buchmesse. Bereits aktiv im Flatrategeschäft sind allerdings schon andere: seit Frühjahr 2012 das deutsche Verlagsprojekt Skoobe («E-Books», rückwärts buchstabiert) und Readfy, lanciert im Februar 2014. Amazon ist also nicht der erste Anbieter im deutschsprachigen Raum, aber dem Platzhirsch im Onlinehandel war die Aufmerksamkeit dennoch sicher. Nur, was taugen die Flatrates?

Die Flatrates im Direktvergleich

Der Vergleich der Angebote ist nicht ganz leicht. Rein zahlenmässig liegt Amazon beim Sortiment klar in Führung, 650'000 E-Books umfasst die Bibliothek von Kindle Unlimited. Dieses bildet einen Ausschnitt aus dem Gesamtangebot von etwa drei Millionen Büchern, die bei Amazon elektronisch beziehbar sind. Von den angepriesenen 650'000 sind aber lediglich «mehr als 40'000» deutschsprachige Titel. Skoobe gibt sein Sortiment mit 75'000 Titeln an, von denen rund 50'000 auf Deutsch verfügbar sind. Readfy hat alles in allem 25'000 Titel.

Nackte Zahlen helfen hier aber kaum weiter, da sie nichts darüber aussagen, wie attraktiv das Sortiment ist. Dass anders als bei Musikstreamingangeboten oft gerade die begehrtesten Titel in den Buchflatrates fehlen, illustriert der Blick auf die letztjährigen Bestseller in der Schweiz.

Das Bild sieht im Bereich Sachbuch ähnlich aus. Bei bekannteren Titeln steht Skoobe ein wenig besser da.

Die Zahlen an verfügbaren Titeln dürfen also nicht darüber hinwegtäuschen, dass bekannte Titel und in den Feuilletons besprochene Bücher in den Flatratepaketen Mangelware sind. Auch wenn Kindle Unlimited mit dem grossen fremdsprachigen Angebot etwas an Boden gutmacht: Am besten schneidet hier noch Skoobe ab.

Wer hingegen günstiges Lesefutter sucht und keine Bestseller, wird bei allen drei Angeboten sicherlich fündig: Es herrscht kein Mangel an Self-Publishing-Produkten sowie Ratgeberliteratur, und wer Titel aus Nischengenres wie lokale Krimis, Horror, Ramscherotik oder Fantasy bevorzugt, wird stets fündig. Mit einigen Ausnahmen (etwa J. K. Rowling bei Amazon) bleiben dagegen bekanntere Namen unter den Autoren zum grossen Teil aussen vor. Eine Ausnahme bilden Klassiker der Literaturgeschichte, die aber dank abgelaufener Copyrights ohnehin bereits kostenlos oder für Kleinstpreise als E-Books verfügbar sind.

Die Preise

Die drei Angebote verfolgen unterschiedliche Preisstrategien. Readfy ist kostenlos, blendet dafür periodisch Werbung ein während des Lesens. Diese ist zwar nicht komfortabel, störte im Praxistext aber auch nicht übermässig. Da die App-Nutzung gratis ist, ärgert hier das schmale Sortiment am wenigsten. Kindle Unlimited kostet rund 10 Euro im Monat. Skoobe schlägt zu Buche mit zwischen 10 und 20 Euro, je nachdem, wie lange ein Buch offline auf dem Gerät verfügbar bleibt und wie viele Endgeräte nutzbar sind. In der günstigsten Version sind es 24 Stunden und zwei Geräte. Bei Kindle Unlimited bleiben die Texte offline verfügbar, solange sie ausgeliehen werden. Die Anzahl nutzbarer Geräte variiert je nach Titel.

Die Technik

Technisch macht das kostenlose Readfy den klapprigsten Eindruck, funktionierte aber zuverlässig. Es ist allerdings neben iOS nur für einen Teil aller Android-Geräte verfügbar. Ein klarer Nachteil von Readfy ist, dass die App während des Lesens eine Onlineverbindung fordert. Das Lesen unterwegs wird so je nach Internetverfügbarkeit zum Problem. Readfys übertolerante Suchfunktion liefert oft unfreiwillig komische Resultate, die Bände sprechen über die Masse von Wühltisch-Schlüpfrigkeiten im Sortiment. Der nach «Hosseini» forschende Nutzer bekommt «Feuchte Höschen» angezeigt, wer «Capus» sucht, findet Caperton, mit dem Titel «Strip Poker mit Aliens».

Die Kindle-Plattform, verfügbar als App für diverse Systeme (Mobile und Desktop) und für Amazons E-Reader, funktioniert technisch tadellos und bietet eine klare, einfache Benutzeroberfläche. Skoobe, verfügbar für mobile Geräte mit iOS und Android, kommt nicht ganz so poliert daher, macht aber ebenfalls einen ausgereiften Eindruck und bietet wie Kindle und Readfy ausreichend Einstellmöglichkeiten (Schriftgrösse, Textlauf, Helligkeit, Hintergrund und dergleichen). Ein Wermutstropfen bei allen drei Angeboten ist die Plattformabhängigkeit. Bei Skoobe und Readfy müssen sämtliche E-Reader draussen bleiben. Während Kindle Unlimited am meisten Gerätetypen unterstützt, bleiben auch hier andere Reader als der Kindle aussen vor.

Wer sich an den Flatrates versuchen will, kann alle drei kostenlos ausprobieren: Kindle Unlimited und Skoobe bieten Testangebote (für einen Monat bzw. eine Woche), Readfy kommt ohnehin ohne Gebühren aus.

Erstellt: 17.10.2014, 09:13 Uhr

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