Das Gewissen am Handgelenk

Seit drei Monaten trägt unser Autor ein Fitnessarmband. Hat sich sein Leben verbessert?

Selbst in auffälligen Farben ist das Fitbit Charge HR immer noch diskreter als manches Konkurrenz-Produkt.

Selbst in auffälligen Farben ist das Fitbit Charge HR immer noch diskreter als manches Konkurrenz-Produkt. Bild: PD

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Der erste Eindruck bei einem Kurztest für Tagesanzeiger.ch/Newsnet war positiv (Der beste Freund der Selbstvermesser). So positiv sogar, dass ich mir kurz nach Ablauf der einwöchigen Leihfrist privat ein Fitbit Charge HR gekauft habe.

Anders als Profi-Fitnessmesser, die viel zu viel können und kosten, ist das inzwischen rund 140 Franken teure Armband etwas für Gelegenheitsbeweger, die ihre anaerobe Schwelle nicht kennen und auch keinen Marathon laufen wollen.

Nicht nur Schritte zählen

Trotz den bescheideneren Ansprüchen kann das Fitbit nicht nur Schritte zählen. Anders als die zahllosen Schrittzähler, die es schon für wenige Franken und in fast jedem Handy gibt, hat das Armband zwei Tricks parat: Es merkt, wenn seine Trägerin oder sein Träger einschläft. Man muss weder Knöpfe drücken noch einen speziellen Modus aktivieren, um den Schlaf aufzuzeichnen.

Das Band registriert es einfach und das, so der Eindruck nach drei Monaten, zuverlässig. Je länger man das Band trägt, desto besser werden die Vergleichsdaten. So kann man über Wochen hinweg tageweise vergleichen, wie spät man ins Bett gegangen ist und wie lang man geschlafen hat.

Der zweite Trick: Das Armband misst den Puls – und das ständig. Nicht wie die Smartwatches von Apple oder Samsung nur auf Knopfdruck, wenn man still sitzt oder wenn man einen Fitnessmodus aktiviert. Fitbit misst ununterbrochen. So erhält man am Schluss eines Tages eine Kurve, die den eigenen Pulsverlauf über den ganzen Tag zeigt.

Man sieht, wie der eigene Puls in die Höhe ansteigt, wenn man aufwacht, und wie er in die Höhe schiesst, wenn man auf den Zug rennt. Wie bei der Schlafmessung bekommt man so über längere Zeit einen immer besseren Überblick.

Dem Jetlag auf der Spur

Besonders beeindruckend waren die Zahlen nach einem dreitägigen Ausflug von Zürich nach San Francisco und zurück. Schon beim Hinflug liess der Jetlag den Ruhepuls in die Höhe schiessen. Nach der Rückkehr dauerte es über eine Woche, bis er sich wieder in normalen Bahnen bewegte. Wissenschaftler überrascht das nicht, neugierige Laien hin­gegen staunen nicht schlecht.

Gerade ein konstant tätiger Pulsmesser lässt vermuten, dass der Akku ein Schwachpunkt des Fitbit sein könnte. Offiziell wirbt die Firma mit fünf Tagen Ausdauer. Im Alltag hat das Band diese Angabe regelmässig übertroffen. Manchmal um ein paar Stunden, manchmal auch fast um einen Tag.

Dass der Akku so lang durchhält, setzt das Fitbit klar von anderen Fitnesstrackern und Smartwatches ab. Einfache Schrittzähler ohne Zusatzfunktionen und Bildschirm halten aber noch länger durch.

Wie die ersten Digitaluhren

Dass das Fitbit so lang durchhält, verdankt es auch seinem minimalistischen Bildschirm. Keine hohe Auflösung, keine Farben und kein Touchscreen ­saugen den Akku leer. Die dünne Bildschirmzeile liefert per Knopfdruck genau die Daten, die man sehen möchte: Uhrzeit, Schritte, Puls, erklommene Etagen und so weiter. Ähnlich wie bei ganz frühen Digitaluhren bleibt der Bildschirm also meist dunkel.

Mit einem Softwareupdate hat Fitbit die Möglichkeit nachgereicht, dass sich der Bildschirm automatisch einschaltet, wenn man das Handgelenk zu sich dreht, als würde man etwas theatralisch auf die Uhr schauen. Das bedeutet aber auch, dass der Bildschirm in der Nacht unfreiwillig aktiviert wird, wenn man sich dreht. Ein Problem, das auch die Apple Watch und andere Smartwatches haben.

Ruppige Vibration

Das umfangreiche Funktionsangebot einer Smartwatch findet man auf dem Fitbit Charge HR freilich nicht. Apps und Benachrichtigungen sucht man vergebens. Auf Wunsch zeigt das Band aber immerhin an, wenn das mit ihm verbundene Telefon klingelt. Über dieses wird auch der Wecker gestellt. Damit weckt einen das Band diskret per Vibration. Die Vibration ist zwar nicht so fein und unaufdringlich wie bei der Apple Watch, erfüllt aber ihren Zweck.

Dafür ist das Fitbit bei den mit ihm verbundenen Telefonen nicht so wählerisch: Man kann es parallel mit iOS und Android nutzen. Hat man gerade nur ein Tablet zur Hand, kann man auch damit seine Daten aus­lesen oder vor dem Einschlafen den ­Wecker stellen.

Duschen mit dem Tracker

Auch sonst ist das Armband angenehm unkompliziert. Es kann zwar nicht sehr viel, aber das zuverlässig, und die erfassten Daten werden in den Apps und auf der Website übersichtlich und verständlich dargestellt.

Übrigens: Duschen sollte man laut Benutzerhandbuch mit dem Armband nicht. Ich mache es trotzdem – bis jetzt gab es keine Probleme. Zur Nachahmung ist das aber nicht empfohlen.

Fazit: Dass ich mich zu wenig bewege und zu wenig schlafe, wusste ich im voraus. Das Fitbit Charge HR führt einem das aber deutlich und unkompliziert vor Augen. Wirklich präzise Analysen der eigenen Gesundheit und konkrete Verbesserungsvorschläge liefert das Band zwar nicht, aber immerhin motiviert es zu mehr Bewegung und mehr Schlaf. Alles weitere ist noch Zukunftsmusik.

Erstellt: 19.08.2015, 14:44 Uhr

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