Das «Megapixel-Monster» unter den Kameras im ersten Test

Die neue A7 von Sony hat 61 Megapixel. Braucht man das? Wir haben es ausprobiert.

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Just dieser Tage, wo wir uns an die Mondlandung und ans Rennen ums Weltall erinnern, nimmt ein anderes, längst beendet geglaubtes, Rennen wieder Fahrt auf: Das Megapixel-Rennen.

Als Digitalkameras neu waren, überboten sich die Hersteller mit immer mehr Megapixeln. Sprich: mit höherer Auflösung. Das Rennen ging mit dem Aufkommen von Smartphones von neuem los.

Doch sowohl bei Smartphones wie bei Fotokameras schien in den letzten Jahren alles wieder etwas ruhiger zu werden. Plus minus 24 Megapixel für Fotokameras und 12 Megapixel für Smartphones schienen sich als vernünftige Grösse durchzusetzen. Natürlich gab und gibt es Ausreisser nach oben, aber die gehörten meist ins Lager der Profigeräte und Nischenkameras.

Rekordverdächtige Megapixel

Am Dienstag jedoch hat ausgerechnet das Branchen-Schwergewicht Sony wieder kräftig aufs Megapixel-Pedal gedrückt. Die neue für Profis und gutbetuchte Amateure gleichermassen spannende A7RIV (4500 Franken, ab Ende August) verfügt über einen Bildsensor mit 61 Megapixeln. Aber nicht nur die rekordverdächtige Megapixelzahl liess aufhorchen, sondern die Erklärungen der Manager an der Präsentation, die diese Zeitung auf Einladung besuchte.

Die Kamera wurde als Megapixel-Monster oder Auflösungs-Biest beschrieben. Auch sonst drehte sich fast alles um die hohe Auflösung. Mit einem speziellen Modus, der den Bildsensor leicht bewegt, und damit bis zu 16 Aufnahmen zu einer kombiniert sind gar Bilder mit 240 Megapixeln möglich.

Auf die Plätze, fertig, los!

Ist das also der Startschuss zu einem neuen Megapixel-Rennen? Wenn man den Zwischentönen der Sony-Manager lauscht, dann sieht es ganz danach aus, als wäre das Rennen bereits vor ein paar Jahren wieder aufgenommen worden. So hätte die Firma etwa den 2017 mit der A9-Kamera vorgestellten und auch in der neusten Kamera verbauten Bildprozessor schon für solche hohen Auflösungen ausgelegt.

Auch die Objektivprofis weisen immer wieder darauf hin, dass die heutigen Objektive bereits für Kameras mit noch höheren Megapixelwerten ausgelegt sind, als man sie aktuell kaufen kann.

Ein neuer USB-C-Hub und SD-Kartenleser versprechen enorme Transfertempi. Das ist heute praktisch, doch mit künftig noch grösseren Dateien wird das unumgänglich.

Einen Preis für den Hub wollten die Sony-Mitarbeiter allerdings noch nicht verraten. Billig dürfte er – so viel zeichnet sich bereits ab – nicht werden, wenn er im Herbst auf den Markt kommt. Ein erster Test mit dem Prototyp und einem iPad Pro klappte aber schon vielversprechend.

Ähnlich wie Apple

Sony hat gegenüber den meisten Konkurrenten einen entscheidenden Vorteil. Da die Firma nicht nur Kameras, sondern auch Fotosensoren baut (die übrigens auch in den meisten Konkurrenzprodukten und Smartphones stecken), kann die Firma frühzeitig ihre restliche Technologie auf die Sensoren von übermorgen vorbereiten und Zubehör planen, das erst in ein paar Jahren nötig wird.

Im Prinzip erinnert diese Strategie an Apple und die iPhone-Prozessoren. Wer seine Chips selber baut, hat zwar enorme Kosten und Aufwände, doch kann man so besser planen und optimieren, als wenn man seine Chips ab der Stange kaufen muss.

Eine Frage der Ansprüche

Doch was hat man als Kunde von diesem Megapixel-Rennen? Das hängt wie so oft von den eigenen Ansprüchen ab. Denn höhere Auflösung bringt eine Reihe von gewichtigen Nachteilen mit sich.

So werden die geschossenen Fotodateien grösser, je höher die Bildauflösung ist. Die Speicherkarte ist schneller voll, oder man muss sich eine neue mit mehr Platz kaufen. Bei meinen Testaufnahmen war ein Foto in der Regel zwischen 30 und 40 MB gross. Im RAW-Format wurden die Dateien häufig 120 MB gross.

Auch technisch bringt höhere Auflösung Nachteile mit sich: So nimmt das Bildrauschen bei wenig Licht zu und kleinste Vibrationen (etwa beim Schliessen des Verschlusses beim Fotografieren) können zu Unschärfen führen.

Für Letzteres mussten Sonys Ingenieure einen neuen Verschlussmechanismus entwickeln mit neuer Dämpfung und einem neuen Motor. Und beim Bildrauschen gelang es gerade mal, das Niveau des Vorgängermodells zu halten. Technisch ist das für die höhere Auflösung beeindruckend, aber für die auf Superlative versessene Marketingabteilung war das sicher keine Freude.

Was bringts?

Bleibt noch die alles entscheidende Frage, was einem die hohe Auflösung bringt. Ich hatte die Möglichkeit, die neue A7RIV im Anschluss an die Präsentation während rund zwei Stunden auszuprobieren.

Tatsächlich merkt man beim Fotografieren, vorausgesetzt man hat eine grosse Speicherkarte, nichts von den oben beschriebenen Nachteilen. Die Kamera ist flink, obwohl sie grosse und sehr grosse Dateien erstellen und speichern muss.

Wenn man wie ich schon einmal mit einer Sony-Kamera fotografiert hat, fühlt man sich sofort zu Hause. Trotzdem bemerkt man kleine ergonomische Veränderungen. Der Griff ist etwas grösser geworden, ein Rädchen wurde verschoben und die Knöpfe haben einen anderen Druckpunkt.

Spannender als die Bedienung der Kamera sind die geschossenen Fotos. Schon bei der Leica Q2 musste ich – entgegen meinen Vorsätzen – zugeben, dass die hohe Auflösung (damals 47 Megapixel) ihren Reiz hat. Man kann nachträglich auch einen kleinen Ausschnitt wählen und das Bild ist immer noch mehr als gut genug.

Für bestimmte Fotografiegattungen ist die hohe Auflösung besonders nützlich. Etwa Landschafts- aber auch Studiofotografen dürften sich über die zusätzlichen Pixel freuen.

Aber auch, wer wie ich gerne Fotos auf dem iPad anschaut und dabei regelmässig reinzoomt um Details genauer anzuschauen, wird den Reiz der hohen Auflösung verstehen. Es ist teilweise schon fast surreal, wie weit man hineinzoomen kann. Dass dabei die Bildqualität nicht leidet, erklärt einen guten Teil des hohen Preises dieser Kamera.

Aus 16 mach 1

Noch nicht komplett selber ausprobieren konnte ich das das Erstellen eines 240-Megapixel-Fotos. Geschossen war es – hatte man in den Einstellungen den richtigen Knopf gefunden – schnell, doch dann muss man die 16 Fotos am Mac oder Windows-PC mit Sonys eigener und mässig intuitiven Software zu einem Bild zusammenrechnen lassen. Die Kamera selbst kann das nicht. Kein Wunder, bringt doch das Zusammensetzen mehrerer Fotos auch deutlich leistungsfähigere Computer ins Schwitzen.

Allerdings machte mir die Software einen Strich durch die Rechnung. Die an der Veranstaltung geschossenen 16 Fotos liessen sich nachträglich nicht zu einem 240-Megapixel-Foto zusammenrechnen. Vermutlich, weil Sony das entsprechende Software-Update erst zum Verkaufsstart der Kamera Ende August ausliefert.

An der Veranstaltung gezeigte Demo-Aufnahmen waren aber beeindruckend. Wobei man nur unbewegliche Sachen fotografieren sollte. Bewegt sich etwas im Bild eignet sich die Funktion wenig, da sie ja mehrere Fotos hintereinander schiesst. Das funktioniert dann ähnlich schlecht, wie wenn man mit dem Handy ein Panorama mit fahrenden Autos machen möchte.

Mega-Mosaik

Als Beispiel zeigte Sony ein mit der neuen Funktion erstelltes und mit den vielen Details beeindruckendes 240-Megapixel-Bild eines Deckenmosaiks. Wie lange es wohl noch dauert, bis es halbwegs bezahlbare Kameras mit solch hoher Auflösung gibt? Wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre anschaut, scheint das gar nicht mehr so unrealistisch und futuristisch.

Für mich persönlich ist die A7RIV, so viel steht nach dem kurzen Test und ganz unabhängig vom Preis schon fest, übermotorisiert. 24 Megapixel sind für mich in weit über 90% aller Fälle immer noch mehr als ausreichend.

Wenn ich doch einmal mehr Auflösung brauche/will, kann ich immer noch mehrere Fotos schiessen und die anschliessend mit einem Grafikprogramm wie Affinity Photo oder Lightroom zusammenrechnen lassen. So kam ich am vergangenen Wochenende auch zu einem Mega-Megapixel-Panorama von Lugano und das ganz ohne Megapixel-Monster.

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Erstellt: 18.07.2019, 11:47 Uhr

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