Das getrackte Kind

Immer mehr Eltern überwachen ihre Kinder per Handy oder GPS-Gerät. Die Möglichkeiten, die Gefahren.

Vermitteln Sicherheit: Eltern wissen dank Tracking-Apps jederzeit, wo sich ihr Kind aufhält.

Vermitteln Sicherheit: Eltern wissen dank Tracking-Apps jederzeit, wo sich ihr Kind aufhält.

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Mit dem Ende der Sommerferien wird für Eltern der Schulweg ihrer Kinder wieder zum zentralen Thema. Immer mehr wollen dabei nichts dem Zufall überlassen und jederzeit wissen, wo sich ihr Nachwuchs aufhält. Mit speziellen Apps, GPS-Tracker oder Peilsender werden die Kinder auf Schritt und Tritt überwacht. Ein Trend aus den USA, der längst auch hierzulande Fuss gefasst und sich seit der Verbreitung von Smartphones noch verstärkt hat. Das schwedische Marktforschungsinstitut Berg Insight schätzt, dass bis 2016 rund 70 Millionen Amerikaner und Europäer ihre Familienangehörigen über Tracking-Geräte und Smartphones beaufsichtigen werden.

Auf Schritt und Tritt

Tracker heisst eine Schweizer Firma, die sich auf solche Ortungssysteme spezialisiert hat. Ihr Produkt «Fröschli» verkauft sich etwa zehnmal pro Woche. Bei Schulbeginn steigt die Nachfrage jeweils an, wie das Unternehmen auf Anfrage sagt. Mit dem speziell für 4- bis 12-Jährige entwickelten Gerät ist der Standort des Kindes jederzeit online per Computer oder auf der Smartphone-App einsehbar. Gemäss Tracker ist die Funktion des «Geofencing» beliebt, eine Art elektronischer Zaun mit Alarmfunktion. Eltern haben damit die Möglichkeit, den Bewegungsradius des Kindes auf dem Schulweg einzuschränken. Verlässt es das definierte Gebiet, erhalten die Eltern sofort eine Warn-SMS oder eine entsprechende E-Mail. Das Kind ist zudem jederzeit telefonisch erreichbar und kann seinerseits mit einem SOS-Knopf Hilfe anfordern.

Keine absolute Sicherheit

Martin Hermida vom Institut für Medienforschung der Universität Zürich setzt sich vertieft mit der Beziehung von Kindern und neuen Medien auseinander. Er findet es heikel, dass Tracking-Produkte absolute Sicherheit versprechen. «Man weiss eigentlich nie, wo das Kind ist, sondern nur, wo sich das Gerät befindet», gibt Hermida zu bedenken. Im schlimmsten Fall einer Entführung, sei ein solches Gerät das Erste, was der Täter loswerde.

Auch Irene Meier, Leiterin Politik bei Pro Juventute, spricht von einer «Scheinsicherheit» und macht darauf aufmerksam, wie schnell ein Gerät verloren geht oder der Akku leer sein kann. Bei permanenter Positionsübermittlung halten viele Minisender nicht einmal einen Tag durch. Nicht vergessen sollte man zudem die Möglichkeit des Kindes, einen Peilsender bewusst an einer bestimmten Stelle zu deponieren.

Verletzung der Privatsphäre

Für die Experten spielen auch erzieherische Aspekte eine wichtige Rolle. Der Schulweg beinhaltet laut Meier viele wichtige Schritte in der Entwicklung eines Kindes zur Selbständigkeit. «Der Freiraum wird durch das Tracking eingeschränkt, weil sich das Kind überwacht fühlt», so Meier. Die Eltern müssten loslassen können und Vertrauen aufbauen. Derselben Meinung ist Hermida. Der Schulweg sei ein Raum, wo man dem Kind gewisse Freiheiten lassen sollte. Hermida hält es für erzieherisch sinnvoller, mit dem Kind Abmachungen zu treffen, als es zu tracken.

Besonders heikel findet er Peilsender, die von den Eltern heimlich platziert werden: «Ein Kind zu tracken, ohne es ihm zu sagen, hat keinen erzieherischen Wert.» Wenn man dem Kind beibringen müsse, dass man es hinter dem Rücken überwacht habe, nehme das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Nachwuchs Schaden. Meier wiederum begründet ihre kritische Meinung gegenüber Tracking-Methoden zusätzlich mit kinderrechtlichen Aspekten. So sei die Überwachung eine Verletzung des Rechts des Kindes auf Privatsphäre, so die Leiterin Politik von Pro Juventute. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2015, 13:40 Uhr

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