Das nächste grosse tragbare Ding

Am Mobile World Congress von vergangener Woche war das Scheinwerferlicht auf die Smartphones gerichtet. Doch Apple, Samsung und Google planen bereits die nächste Produktgattung: Die Smartwatch.

Kommuniziert mit dem Smartphone und steuert beispielsweise die Musikwiedergabe: Pebble-Watch.

Kommuniziert mit dem Smartphone und steuert beispielsweise die Musikwiedergabe: Pebble-Watch.

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Sehen wir bald Menschen auf den Strassen, die mit ihrer Uhr sprechen? Was in der TV-Serie «Knight Rider» noch ein Hauch von Science-Fiction war – Detektiv Michael Knight kommunizierte mit der Armbanduhr –, könnte schon bald technischer Alltag werden. So planen offenbar gleich drei grosse Hersteller sogenannte Smartwatches: Apple, Samsung und Google.

Dabei gab es bereits in den Nullerjahren erste Versuche: Vor genau zehn Jahren präsentierte Microsoft an der Consumer Electronics Show in Las Vegas eine Computeruhr. Von den sogenannten Spotwatches hat man indes nie wieder etwas gehört. «Sie waren einfach zu gross, zu dick, zu hässlich und zu teuer», so der deutsche Gadget-Experte Sascha Pallenberg (Mobilegeeks.de).

Das Smartphone-Wachstum verlangsamt sich

Doch aufgrund des Technikfortschritts halten Marktbeobachter nun die Zeit für reif. In immer kleiner werdender Hardware kann immer mehr Technik eingebaut werden kann. «Die Marktführer arbeiten bereits seit Jahren an entsprechenden Lösungen», weiss Pallenberg. «Neue Produktkategorien haben einen Entwicklungsvorlauf von mindestens drei Jahren, und dies sieht bei den Smartwatches nicht anders aus.» Dass nun langsam, aber sicher die ersten Produkte kurz vor der Serienreife stehen, hat Pallenberg zufolge auch damit zu tun, dass sich das enorme Wachstum auf dem Smartphone-Markt verlangsamen wird.

Am Anfang der Neuentdeckung der Smartwatch steht laut Daniel Rei vom Onlinehändler Brack.ch ein Produkt von Apple: «Vor zwei Jahren veröffentlichte das Unternehmen seinen iPod nano der 6. Generation, der äusserst kompakt war und nebst Funktionen für Fitnesstraining über einen brillanten Multitouchscreen verfügte. Verschiedene Hersteller haben dazu passende Armbänder auf den Markt gebracht, mit deren Hilfe das Gerät wie eine Armbanduhr getragen werden konnte.»

Die Gerüchteküche brodelt

Der iPhone-Hersteller ist es denn auch, der laut Gerüchten am nächsten Coup arbeitet. Am iWatch-Projekt sind in Cupertino laut Insiderinformationen bereits 100 Mitarbeiter beteiligt. Was die schlaue Uhr dereinst bieten soll – sofern sie tatsächlich Marktreife erlangt –, ist noch nicht klar. Ein kürzlich eingereichter Patentantrag von Apple lässt ebenfalls auf das iWatch-Projekt schliessen. «Eine Apple-Watch mit gebogenem Glas könnte den Durchbruch im Markt für tragbare Technik bedeuten», sagt Josh Flood von ABI Research. Dem Marktforschungsunternehmen zufolge wird der Markt für Gadgets wie Internetuhren und Datenbrillen (Stichwort Google Watch) bis in fünf Jahren auf 485 Millionen Einheiten pro Jahr anwachsen.

Oder kommt Google Apple zuvor? Sascha Pallenberg zufolge zeigt der Suchmaschinenkonzern taiwanischen Herstellern bereits einen Prototyp seiner Smartwatch und sucht nach Kooperationspartnern für Komponenten und Produktion. Dass Google innerhalb der nächsten zwölf Monate eine Smartwatch zeigen wird, hält der in Taiwan beheimatete Technikfachmann für nicht unrealistisch.

Angespornt vom Pebble-Erfolg

Und Samsung? Im Web sind angebliche Bilder einer Samsung-Watch mit Mailfunktion, Maps und Musikdienst aufgetaucht, die jedoch mit Vorsicht zu geniessen sind.

Andere Hersteller wie Motorola, das via Crowdfounding finanzierte Kickstarter-Projekt Pebble und i'm Watch sind bereits mit entsprechenden Produkten auf dem Markt. «Im Frühling 2012 startete Pebble Technology seine Finanzierungsrunde auf der Crowdsourcing-Plattform Kickstarter», erinnert sich Daniel Rei. Anstelle der angestrebten 100'000 US-Dollar haben die Kalifornier zehn Millionen Dollar gesammelt. Bei der Pebble-Watch, die mit dem Smartphone kommuniziert und zum Beispiel dessen Musikwiedergabe steuern kann, kommt für die Anzeige elektronisches Papier zum Einsatz, wie man es von E-Book-Readern kennt. Und als besondere Spielerei lässt sich nebst klassischer Zeitanzeige mit Zifferblatt oder Digitalziffern auch eine binäre Darstellung wählen. Daniel Rei hält es für möglich, «dass die grossen Hersteller durch den enormen Erfolg von Pebble eine Nachfrage erkannt haben und diese Lücke mit eigenen Produkten ausfüllen möchten».

Neben Pebble wird auch dem italienischen Unternehmen i'm Watch einiges zugetraut, bietet es doch diverse Uhren in jeder Preisklasse an: Die Android-Gadgets sind mit Mikrofon und Apps ausgestattet, können via Bluetooth mit dem Smartphone verbunden werden. Der Nutzer kann so unter anderem Mails, SMS und Facebook-Einträge lesen.

Bessere Bedienungskonzepte gesucht

Dennoch: Einen Hype macht der Onlinehändler Brack.ch nicht aus – noch nicht. Die Sony-Smartwatch verkaufe sich seit Mai 2012 kontinuierlich, Cookoo (ein weiterer Anbieter) sei noch neu im Sortiment, Casio komme im April. Die Produktmanager stünden mit weiteren, in der Schweiz noch eher unbekannten Herstellern von Smartwatches in Kontakt und prüften derzeit, ob es sich lohne, weitere Modelle ins Sortiment aufzunehmen.

Zu einem richtigen Trend könnten sich Smartwatches laut Rei entwickeln, wenn die Big Player wie Samsung und Apple als Innovationstreiber und mit Marketingpower ihre Produkte ins Rennen schicken. Zum einen brauche es noch besser auf Minibildschirme ausgerichtete Bedienkonzepte und längere Akkulaufzeiten, zum anderen müssten die Hersteller die Kunden erst noch davon überzeugen, warum sie so eine Smartwatch brauchen sollten.

Ähnlich sieht dies Sascha Pallenberg, der bereits einige Smartwatches begutachten konnte: Die Sony-Smartwatch etwa hält er für «zu limitiert». Allerdings dürfe man von einer 100-Euro-Lösung keine Wunderdinge erwarten. «Das Display ist extrem niedrig auflösend und bietet nicht unbedingt die Helligkeit, die man benötigt, um es bei strahlendem Sonnenschein gut ablesen zu können.»

Das Smartphone bleibt in der Hosentasche

Allen Limitierungen zum Trotz ist Pallenberg überzeugt, dass «Wearable Computing» der grosse Trend der nächsten Jahre sein wird – «und Smartwatches sind im Grunde genommen der Startschuss dafür». Das Interesse an Produkten wie der i'm Watch aus Italien und der Pebble-Watch aus den USA beweise, dass es einen riesigen Markt für Smartwatches gebe.

Die Möglichkeit, wichtige Informationen direkt am Handgelenk ablesen zu können, ohne immer das Smartphone aus der Tasche zu ziehen, werde für viele Konsumenten kaufentscheidend sein: «Wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Smartphone-Nutzer über 200-mal am Tag auf sein Gerät schaut, kann man sich in etwa ausmalen, wie sehr Smartwatches dieses Nutzungsverhalten verändern können.»

Erstellt: 04.03.2013, 10:06 Uhr

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