Das neue Samsung Galaxy im 9-Punkte-Check

Doppelte Kamera, verbesserte Gesichtserkennung und ein höherer Preis: Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat das S9 schon ausprobiert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Samsung hat am Sonntagabend in Barcelona das neue Galaxy S9 vorgestellt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet konnte sich bereits im Vorfeld der Veranstaltung an einer Medienpräsentation einen ersten Eindruck des neuen Smartphones verschaffen.

Wie in den Vorjahren gibt es zwei Modelle: das handlichere S9 und das grössere S9+. Optisch unterscheiden sie sich mit dem erneut fast frontfüllenden Bildschirm nur in Nuancen vom Vorjahresmodell.

Trotzdem gibt es ein paar Neuerungen – vor allem bei der Kamera, die es sich genauer anzuschauen lohnt:

Die variable Blende

Hier ist Samsung ein technisches Kunststück gelungen. Das Galaxy S9 hat tatsächlich eine variable Blende. Automatikfotografen und Fans klassischer Kameras dürften ob der Neuerung die Schulter zucken. Doch ambitionierte Handy-Fotografen können nachvollziehen, weshalb mich diese Ankündigung von allen Neuerungen am meisten interessiert hat. Ja, ich musste noch mal nachfragen, ob es wirklich eine reale Blende oder ein Software-Trick ist. Aber tatsächlich, im winzigen Objektiv sieht man von blossem Auge, wie sich die Blende von 2.4 auf 1.5 öffnet.

Fotokameras haben diese Funktion freilich seit über 100 Jahren. Doch in einem Handy ist das eine Überraschung. Die Logik dahinter: Bei wenig Licht lässt die weit geöffnete Blende (1.5) so viel Licht wie möglich auf den Sensor. Ist es draussen hell, kommt die 2.4er-Blende zum Einsatz, die verhindert, dass zu viel Licht auf den Sensor kommt. So weit zumindest die Theorie.

Ob das im Alltag zu besseren Fotos führt, muss sich zeigen. Die variable Blende ist aber jetzt schon eine erstaunliche Ingenieurleistung und ein weiterer Meilenstein in der Handyfotografie, vergleichbar mit Nokias Pureview-Handys und den ersten Doppelkameras. Übrigens: Im Profimodus kann man manuell zwischen den zwei Blendenoptionen wechseln. Wer lieber im Automatikmodus knipst, merkt im Idealfall nicht einmal, wenn die Kamera die Blende automatisch den Lichtverhältnissen anpasst.

Die Superzeitlupe

Prominenter als die oben erwähnte Blende dürfte die neue Superzeitlupe im Marketing von Samsung auftauchen. Die Kamera kann 960 Bilder pro Sekunde schiessen. Doch die Sache hat einen Haken, diese enorme Geschwindigkeit kann die Kamera nur 0,2 Sekunden lang halten.

Diesen Trick und dieselben Einschränkungen kennt man schon von den letztjährigen Sony-Smartphones. Tatsächlich dürften in den neuen Samsung-Handys Bildsensoren von Sony zum Einsatz kommen. Bei den Sony-Handys stellte sich die Superzeitlupe schnell als wenig alltagstaugliche Spielerei heraus. Zu schwierig war es, genau im richtigen Moment den Startknopf für die Superzeitlupe zu drücken. Hier hat Samsung eine schlauere Lösung parat: Alternativ kann man nämlich auf dem Bildschirm ein Feld definieren und sobald sich darin etwas bewegt, startet die Superzeitlupe. An der offiziellen Vorführung klappte das ordentlich, aber die Superzeitlupe dürfte auch auf Samsung-Handys eine Spielerei bleiben.

Doch das enorme Tempo des Sensors ist nicht völlig unnütz. Im Gegenteil: Das Tempo macht es möglich, dass die Kamera, wenn man den Auslöser drückt, mehrere Bilder schiesst. Draus errechnet das Handy dann in Windeseile das fertige Foto. Den Trick nutzen inzwischen die meisten Hersteller. Aber je schneller ein Sensor ist, desto mehr Bilder können aufgenommen werden, um sie anschliessend zu einem Foto zu kombinieren. Darum ist das enorme Tempo nicht bloss eine Spielerei. Ob die Fotos dann aber auch merklich davon profitieren, muss sich zeigen.

Die Doppelkamera

Es wäre die Gelegenheit gewesen, Apple eins auszuwischen. «Bei uns haben alle Handys eine Doppelkamera!», hätten die Samsung-Manager stolz verkünden können. Stattdessen folgt Samsung Apples Vorbild und bringt die Doppelkamera nur im grösseren der beiden Galaxy-Modelle. Wer kleine Handys bevorzugt, muss bei der Kamera Abstriche hinnehmen.

Die Lautsprecher

Handylautsprecher sind häufiger ein Ärgernis als ein Quell der Freude. Etwa wenn im Nachbarabteil im Zug ein Musikvideo plärrt oder wenn jemand im Nachbarbüro die Freisprechfunktion bei voller Lautstärke nutzt. Trotzdem ist es erstaunlich, wie gut Smartphones inzwischen klingen. Welches besser oder schlechter klingt, ist jedoch eine andere Frage. Lautsprechertests und -vergleiche sind ein Fass ohne Boden. Wenn Apples Homepod und die vielen Vergleichstest etwas gezeigt haben, dann dass Soundqualität hochgradig subjektiv ist. Trotzdem wage ich die Behauptung: Die Lautsprecher des Galaxy S9 klingen erstaunlich gut. Man hatte tatsächlich den Eindruck, der Klang käme aus einem deutlich grösseren oder dank dem Dolby-Atmos-Standard gar aus mehreren im Raum verteilten Lautsprechern.

Die Ego-Emojis

Auf dem iPhone X sind die per Gesichtserkennung gesteuerten Emojis eine lustige Spielerei. Aber nach ein paar Versuchen hat mans dann auch gesehen. Trotzdem zieht Samsung mit einer eigenen Variante nach. Statt Emojis gibts beim Galaxy S9 eine animierte Comic-Variante von einem selbst. An der Vorführung wirkten die allerdings noch etwas ruckelig und es sah so aus, als würde der abgefilmte Mund digital auf die Comic-Figur geklebt. Eine Frage am Rand: Bekommt das Galaxy S8 per Update auch die Möglichkeit, solche Comic-Figuren von sich zu erstellen und zu animieren? Das Vorjahresmodell hätte ja theoretisch dieselben technischen Möglichkeiten.

Bixby

Ja, der Assistenzdienst von Samsung ist immer noch da. Letztes Jahr blieb er deutlich hinter den Erwartungen und der Konkurrenz zurück. Da müsste schon ein kleines Wunder geschehen, wenn daraus heuer noch ein Kaufgrund werden würde. Dazu müsste er sowieso erst einmal Deutsch lernen.

Die Gesichtserkennung

Mit dem iPhone X hat Apple vorgeführt, wie bequem Entsperren per Gesichtserkennung sein kann. Nun muss Samsung nachziehen. Entsperren per Gesichtserkennung war nämlich die grösste Enttäuschung an den letztjährigen Samsung-Handys. Einerseits klappte es mit meinem Gesicht mehr schlecht als recht. Andererseits machte die Technologie keinen zu Ende gedachten Eindruck. Als Nutzer sollte man wirklich nicht zwischen zwei Methoden (Gesicht- und Iris-Scanner) wählen müssen. Mit dem neuen Galaxy S9 ist immerhin zweiteres hinfällig. Das Handy wählt nun automatisch die je nach Situation bessere Methode. Wie intuitiv, zuverlässig, sicher und vor allem alltagstauglich die überarbeitete Gesichtserkennung ist, muss ein ausführlicher Test zeigen. Und auch hier stellt sich die Frage: Bekommt das Galaxy S8 per Software-Update die bequemere Entsperrmethode ebenfalls?

Die Dex-Station

Die Idee, ein Betriebssystem zu haben, das auf allen Gerätegrössen und -arten funktioniert, ist verlockend. Microsoft versucht das gerade mit Windows 10. Schon letztes Jahr hat Samsung mit dem Dex-Dock eine Möglichkeit vorgestellt, das Smartphone mit Bildschirm, Tastatur und Maus zu verbinden und zum PC zu machen. Heuer legt Samsung mit einer überarbeiteten Dockingstation noch mal nach. Neu liegt das Handy flach auf dem Dock. So wird der Kopfhörereingang nicht länger verdeckt und man kann das Handy als Touchpad oder Tastatur verwenden. Die Idee ist einmal mehr verlockend. Aber das war sie bei jedem ähnlichen Versuch der letzten Jahre auch schon. Durchgesetzt hat sich das Konzept bis heute nicht.

Der Preis

Die neuen Samsung-Handys kosten mit 899 und 999 Franken je 100 Franken mehr als das Vorjahres-Modell. Die Modelle mit 256 GB Speicherplatz kosten 1049 resp. 1149 Franken. Ist das nun dreist oder der natürliche Lauf der Dinge in einem Markt, der ein Plateau erreicht hat? Manche Samsung-Kunden dürften ob dem Aufschlag auf jeden Fall leer schlucken. Apple hat das im letzten Jahr etwas eleganter gelöst. Statt das Standard-iPhone deutlich im Preis zu heben, lancierte der Apfelkonzern mit dem iPhone X eine neue höherpreisige Modellreihe. So eine hat Samsung mit dem Note zwar auch, aber die richtet sich an Tech-Fans. So blieb dem südkoreanischen Marktführer nur die Wahl, noch eine neue Modellreihe zu lancieren oder den Preis des Galaxy S zu erhöhen, um Apple den lukrativen Markt im höchsten Preissegment nicht kampflos zu überlassen. Ob die Strategie aufgeht, dürfte merklich davon abhängen, wie aggressiv Samsungs Android-Konkurrenten den Preis des Galaxy S9 bei ihren Top-Modellen unterbieten werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.02.2018, 18:00 Uhr

Technische Innereien

Software: Android 8 (Oreo)
Bildschirm: 5,8/6,2 Zoll (Quad HD)
Kamera: 12 Megapixel, variable Blende (1.5/2.4)
Prozessor: 8 Kerne (2.7 GHz Quad + 1.7 GHz Quad)
Arbeitsspeicher: 4/6 GB
Speicherplatz: 64/256 GB (erweiterbar)
Akku: 3000mAh / 3500mAh
Preis: ab 899/999 Franken
Verfügbarkeit: ab 16. März

Artikel zum Thema

Wie ein Hologramm zum Anfassen

Samsungs Galaxy S8 gefällt unserem Tester. Wenn da nur nicht die eine Schwäche wäre. Mehr...

Ist dieses Handy wirklich 1000 Franken wert?

Das neue Galaxy Note 8 von Samsung kann viel und kostet viel. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat es eine Woche ausprobiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Immer wieder schön: Das Matterhorn spiegelt sich im Morgengrauen im Riffelsee bei Zermatt (22. Juni 2018).
(Bild: Vaelntin Flauraud) Mehr...