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Das neue iPad im Test

Der hochauflösende Bildschirm des neuen iPads wirkt wie ein kleiner Schritt vorwärts – doch er ist ein bedeutsamer Sprung. Erstmals ist Text auf einem Tablet besser lesbar als auf Papier. Ein Testbericht.

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«Die meisten unserer Konkurrenten sind nur daran interessiert, möglichst neu und anders daherzukommen. Ich halte das für die komplett falschen Ziele.» So hat Sir Jonathan Ive, Apples Chef-Designer, diese Woche die Frage einer englischen Zeitung beantwortet, weshalb es seine Konkurrenz nicht schafft, ein besseres Tablet als das iPad auf den Markt zu bringen.

An der Präsentation des neuen Apple-Tablets vergangenen Mittwoch (Verkaufsstart in der Schweiz am 16. März) war Ive der grosse Abwesende – was soll ein Designer auch erzählen, wenn die neuste Generation eines Produkts äusserlich unverändert vom Vorgänger daherkommt? Prompt liessen auch die enttäuschten Stimmen nicht lange auf sich warten, revolutionäre Innovationen seien ausgeblieben, Apple habe «nur kleine Verbesserungen» umgesetzt.

Retina-Display ist ein grosser Schritt nach vorn

Nachdem der «Tages-Anzeiger» das neue iPad für eine Woche im alltäglichen Gebrauch testen konnte, ist Widerspruch angesagt. Das neue iPad – allem voran dessen hochauflösendes LED-Display – ist ein grosser und bedeutsamer Schritt nach vorn. Diesen als «bloss etwas besser» zu bezeichnen, ist eine krasse Untertreibung. Es wäre, als ob man Internet per ADSL «einfach ein bisschen schneller» als via Analogmodem nennen würde. Oder HDTV als «leicht schärfer» als alte Röhrenfernseher beschreiben würde.

Der unsichtbare Bildschirm

Die Bildpunkte des Bildschirms (übrigens soll Rivale Samsung dessen Lieferant sein) sind derart dicht aneinander gepackt, dass man von blossem Auge keine einzelnen Pixel mehr erkennen kann, nicht einmal, wenn man sich die Nase am iPad platt drückt. Das Display durchbricht damit eine bedeutsame Limite – er verschwindet vor den Augen des Betrachters, wird unsichtbar. Man vergisst, dass man einen Bildschirm anschaut. Nichts lenkt mehr davon ab, worum es wirklich geht: von den Inhalten.

Am meisten profitiert alles, was mit Text zu tun hat: E-Mails, Websites, digitale Zeitungen und elektronische Bücher. Schriften werden auf dem neuen iPad schärfer und somit besser lesbar angezeigt als auf Papier. Mit Zeitungspapier kann man zwar das Cheminée besser anfeuern und Bücher lassen sich im Regal besser zu Schau stellen, doch Lesen lässt es sich mit dem neuen iPad mindestens so gut – wenn nicht sogar besser. Dasselbe gilt auf für den Vergleich mit einem E-Ink-Reader (mit der stets zitierten Ausnahme des Lesens im prallen Sonnenlicht).

Wache Augen, müde Arme

Bevor einem die Augen wehtun würden, ermüden die Arme – die 50?Gramm, die das neue iPad zugelegt hat, spürt man durchaus, wenn man das Gerät eine Weile lang hält. Nebst dem Lautsprecher, der weiterhin nur in Mono erklingt, ist das Gewicht der grösste Negativpunkt des neuen iPads. Sowohl Zeitung als auch E-Reader sind leichter. Fotos und Videos kommen ebenfalls gestochen scharf daher, doch hierbei fällt der Unterschied zum alten iPad etwas weniger auf als bei Texten. Fotos auf Websites hingegen oder Youtube-Videos in geringer Qualität können mit der Auflösung des Displays nicht immer mithalten und wirken teils grobkörnig (anders als Text können diese Rastergrafiken nicht nahtlos skaliert werden). Beeindruckend ist hingegen, dass der Akku trotz vierfacher Grafikleistung und hellerem, bunterem Display immer noch gleich lange hält wie bei den Vorgängermodellen, wir konnten zumindest keinen Unterschied fest stellen. Dieser Akku dürfte der Grund sein, warum das Gerät weder dünner (sondern 0,6 mm dicker) noch leichter ausgefallen ist.

Kamera auf der Rückseite deutlich verbessert

Der Mobilfunk LTE (4G) der neuen iPads ist voll und ganz auf die US-Netzwerke und -Frequenzen ausgerichtet, funktioniert also in Europa nicht. Ausserdem gibt es in der Schweiz noch kein flächendeckendes LTE-Netz. Das weiterhin integrierte 3G (DC-HSDPA) ist für jene Momente, in denen kein WLAN verfügbar ist, durchaus flink. Für die meisten Anwender dürfte das reine WLAN-Modell sowieso ausreichen.

Die Frontkamera, vorwiegend für Anwendungen wie Skype oder Face Time gedacht, ist dieselbe geblieben. Deutlich verbessert wurde die Kamera auf der Rückseite, sie entspricht jener des iPhone 4S, allerdings mit 5 statt 8 Megapixeln. Als Schnappschuss-Kamera bleibt das Tablet zu klobig, da greift man weiterhin besser zum handlicheren Smartphone.

Den PC hinter sich lassen

Bei der Software hat sich ebenfalls einiges getan, mit Foto-Software iPhoto sind nun alle vom Mac her bekannten iLife-Programme auch auf dem iPad vertreten. Dasselbe gilt für Apples Office-Suite (Pages, Numbers und Keynote) und gemeinsam mit iCloud und den rund 200'000 fürs iPad optimierten Apps von Drittherstellern gibt es kaum noch etwas, was ein durchschnittlicher Anwender nicht damit bewältigen könnte. Mit anderen Worten: Der PC, sprich Mac, verliert weiter an Bedeutung.

Selbst die Eingabe von Text ist am neuen iPad einfacher geworden. Die Diktierfunktion, neu als Alternative zur Bildschirmtastatur verfügbar, liefert auch auf Deutsch erstaunlich gute Resultate – wenn auch keine fehlerfreien. Und ist sie auf eine ständige Internetverbindung angewiesen. Wer mit dem Tippen auf einer physischen Tastatur geübt ist, der ist damit immer noch schneller.

Apple macht ernst mit der Post-PC-Strategie. Und fürchtet sich auch nicht davor, das eigene Mac-Geschäft mit dem iPad zu kannibalisieren. Im letzten Quartal stammten 76 Prozent des Umsatzes von iPhone, iPod touch und iPad, 172?Millionen Stück wurden 2011 davon verkauft, darunter 40?Millionen iPads.

Für die meisten, die sich 2012 für ein iPad entscheiden werden, wird es ihr erstes iPad sein. Deshalb macht nicht nur die schlichte Namensgebung ohne Nummer Sinn, der Vergleich mit der Vorjahresversion verliert massiv an Bedeutung. Apple tut gut daran, an Bewährtem festzuhalten und auf unnötige Funktionen oder forciertes neues Design zu verzichten. Man muss Sir Jonathan Ive recht geben.

Das neue iPad ist ab 16. März in der Schweiz erhältlich, ab 529 Franken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.03.2012, 06:09 Uhr

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