Analyse

Der Erste ist nicht immer der Beste

Was haben Journalisten und Technologiekonzerne gemeinsam? Der Grat zwischen zu früh und zu spät ist schmal. Das zeigt sich an der weltgrössten Handy-Messe mehrfach. Eine Bilanz.

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Die Halle der Mobile World Congress ist brechend voll. Über 5500 Journalisten, Händler und Mitarbeiter wollen dabei sein, wenn der Weltmarktführer Samsung sein neustes Smartphone vorstellt.

Die Präsentation selbst könnte man sich auch im Internet anschauen, wichtiger ist das anschliessende Ausprobieren der Neuheiten. Denn erst da lässt sich abschätzen, ob an der Präsentation nicht zu viel versprochen wurde.

Um vorne mitdabei zu sein, kommt es auf Taktik, Timing und Ellbogen an. Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf strömen die Ersten, kaum geht die Präsentation dem Ende zu, vorzeitig aus der Halle ins Foyer. Nur wo sind die Geräte?

Wie ein Bienenschwarm

Keine Geräte. Keine Wegweiser. Nichts. Es folgt ein skurriles Schauspiel. Die Menge schaut sich erst verwundert um, um dann wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm in verschiedene Richtungen nach den Ausprobierraum zu suchen.

Sobald einer entschlossen in eine Richtung läuft, rennen andere hinterher. Die Suche nach den Testgeräten führt über mehrere Stockwerke und einmal gar im Kreis herum. Ohne Ergebnis.

Die Erkenntnis kommt erst später: Man hätte einfach sitzen bleiben können. Denn nach der Präsentation öffnete sich im Kongresssaal eine zuvor verschlossene Tür, die zum Ausprobier-Bereich führte. Wer nicht sofort losrannte, kam für einmal zuerst.

Der schmale Grat zwischen zu spät kommen und sich zu früh verrennen eint Journalisten und Technologiekonzerne. Ein Unternehmen, das ein neues Produkt zuerst lanciert, kann einen Markt prägen und sich einen Vorsprung verschaffen. Stellt ein Konzern aber zu früh ein unfertiges Produkt vor, bleibt er darauf sitzen und vergrault im schlimmsten Fall seine Kunden.

Am deutlichsten zeigt sich dies derzeit bei den smarten Armbändern und Uhren: Im letzten Herbst lancierte Samsung mit viel Pomp seine erste Galaxy Gear Smartwatch. Sie wurde kein Erfolg. In Barcelona wagt Samsung mit gleich drei neuen Modellen einen nächsten Versuch und ist damit nicht allein.

Zahlreiche Hersteller – von Start-ups bis zu Grosskonzernen – versuchen derzeit, der Erste zu sein, der einen wirklich nützlichen Computer fürs Handgelenk auf den Markt bringt. Wie die Journalisten auf der Suche nach den Testgeräten suchen die Hersteller nach der Tür zum Erfolg. Dabei verlaufen sie sich immer wieder und drehen sich gelegentlich im Kreis.

Mit dem Puls-Sensor zum Erfolg?

Bis jetzt hat noch kein Unternehmen ein zwingendes Argument für einen Computer am Handgelenk gefunden. In den meisten Fällen kann ein Smartphone dasselbe. Es kann ebenfalls Schritte zählen und dank Apps wie Moves und dem grösseren Bildschirm sogar noch übersichtlicher darstellen.

Der Puls-Sensor in den neuen Uhren von Samsung könnte allerdings ein Argument fürs Handgelenk werden. Denn Pulsmessen kann ein Smartphone in der Hosentasche nicht. Ob sich der Sensor aber bewährt, wird sich erst Mitte April zeigen, wenn die neuen Uhren auf den Markt kommen.

Bis dann dürften schon wieder andere Hersteller ihre neusten Ideen fürs Handgelenk präsentiert haben. Zwei einflussreiche Firmen halten sich aber, trotz zahlreicher Gerüchte, immer noch zurück: Apple und Google. Während andere Hersteller durchs sinnbildliche Foyer hasten, warten sie geduldig auf ihren Stühlen, bis die richtige Türe aufgeht.

Mit Apple gleichgezogen

Bei den Smartphones dagegen kehrt zusehends Ruhe ein. Die Kategorie hat sich etabliert. Steve Jobs hat 2007 bei der Präsentation des iPhones behauptet, es wäre der Konkurrenz fünf Jahre voraus. Tatsächlich brauchte es Zeit, bis andere Smartphones massentauglich wurden. Erst waren es die Flagschiffprodukte der grossen Hersteller, die mit dem iPhone gleichzogen.

Doch jetzt, sieben Jahre später, kann jeder Hersteller ein gutes Smartphone bauen. Die einen setzen dabei auf neue Funktionen, andere auf Design und wieder andere auf den Preis. So wurden an der Messe zahlreiche Smartphones für weniger als 100 Franken vorgestellt, die vor drei Jahren noch Flagschiffgeräte gegolten hätten. Die für den Firefox-Browser bekannte Mozilla-Stiftung zeigte gar den Prototyp eines 22-Franken-Smartphones.

Da sich die Geräte annähern, rückt zusehends die Software ins Zentrum. So gab es zahlreiche vielversprechende Alternativen zu Android zu sehen: Allen voran Firefox OS. Aber wenn die Messe in Barcelona im Bereich der Smartphones etwas gezeigt hat, dann, dass es langsam Zeit wird, wieder vom Telefon oder Phone zu sprechen. Smart sind bald alle.

Erstellt: 28.02.2014, 13:39 Uhr

TA-Autor Rafael Zeier berichtete für Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom Mobile World Congress in Barcelona.

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