«Der Gruppenzwang in der Schule kann stark sein»

Erst als letztes Kind in der Klasse ein Smartphone: Wie sinnvoll die Methode mancher Tech-Chefs ist, erklärt Expertin Liliane Galley.

Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken gehört auch für Kinder schon zum digitalen Alltag.

Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken gehört auch für Kinder schon zum digitalen Alltag. Bild: Keystone

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Ausgerechnet Zuckerberg & Co. verbieten ihren Kindern oft elektronische Gadgets. Was sagen Sie dazu?
Die von Eltern festgelegten Regeln hängen von ihrem Erziehungsstil ab, aber auch von ihrem Wissen über die Chancen und Risiken der neuen Medien. Eltern, die eng mit der technologischen Welt des Silicon Valley verbunden sind, sehen die Welt zum Teil durch die Optik ihres Berufes und sehen möglicherweise mehr als andere Eltern negative Folgen. Aber auch einige Eltern in der Schweiz haben sehr strenge Regeln für ihre Kinder.

Die Empfehlungen vom Bund sind aber deutlich laxer.
Wir plädieren für Begleitung statt Verbote, denn digitale Medien gehören heute zum Alltag, und Kinder müssen lernen, sie sinnvoll zu nutzen. Wir sorgen dafür, dass Eltern zuverlässige Informationen über die Chancen und Risiken der digitalen Medien erhalten, damit sie fundierte Entscheidungen über die zu errichtenden Regeln treffen können. Wir geben Empfehlungen auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse ab. Auch diese Empfehlungen werden regelmässig überprüft und angepasst.

Und wie lauten die aktuellen Empfehlungen?
Dazu gehört vor allem die 3-6-9-12-Regel: Kein Fernsehen unter 3 Jahren, keine eigene Spielkonsole vor 6, Internet nach 9 und soziale Netzwerke nach 12.

Klingt gut, aber hängt auch vom täglichen Konsum ab.
Wir haben keine konkreten Empfehlungen für den täglichen Medienkonsum, aber wir raten den Eltern, klare Regeln für die Dauer und den Typ der erlaubten Inhalte festzulegen. Diese Regeln sollten nicht nur das Alter des Kindes, sondern auch die gesamte Bildschirmzeit für Fernseher, Computer, Tablet, Smartphone und Spielkonsolen berücksichtigen. Wir empfehlen natürlich auch, dass Eltern ihren Kindern Freizeitaktivitäten ohne digitale Medien anbieten.

Was halten Sie von der Regel Athena Chavarrias, der ehemaligen Beraterin von Zuckerberg: Kindern erst dann ein Smartphone geben, wenn sie die letzten in der Klasse sind, die noch keins haben.
Alle Eltern sind selber dafür verantwortlich, für ihre Kinder zu entscheiden, wann sie ein Smartphone haben können. Allerdings kann der Gruppenzwang, insbesondere in der Schule, stark sein, und Kinder neigen dazu, die Anzahl der Kameraden mit einem Smartphone zu überschätzen, wenn sie keins haben. Kontakte zwischen Eltern derselben Klasse, etwa bei einer von der Schule organisierten Abendveranstaltung, könnten nützlich sein, um diese Anliegen zu diskutieren.

Oft hört man, dass es auf den Mix ankomme – gamen sei okay, wenn ein Kind auch Sport betreibe und lese. Aber: Wäre gar nicht gamen nicht besser?
Doch, die Balance zwischen Mediennutzung und anderen Freizeitaktivitäten ist entscheidend: Regelmässig zu gamen kann für ein Kind, das nebenbei Freunde trifft, Sport treibt oder Musik macht, problemlos sein. Games sind heute Teil unserer Gesellschaft, und es geht darum, junge Menschen zu begleiten, damit sie auch Games angemessen und altersgerecht nutzen. Ein Verbot würde sie nur attraktiver machen. Gewisse Games fördern auch interessante Fähigkeiten oder haben eine pädagogische Funktion, wie etwa «Datak», das das Bewusstsein für den Datenschutz bei Jugendlichen schärft.

Die Silicon-Valley-Gurus haben Nannys. Unsereins verwendet digitale Geräte schon mal als «Babysitter». Wie problematisch ist das?
Wir ermutigen Eltern von kleinen Kindern, keine Smartphones, Tablets, Computer oder Fernseher als Babysitter zu benutzen. Kleine Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Zuneigung, vor allem durch direkte Kommunikation mit Blick, Sprache und Berührung. Die Medien ersetzen keine Babysitter. Für ältere Kinder wiederum ist es wichtig, Computerspiele nicht als Belohnung oder Strafe zu verwenden, um die Aufmerksamkeit, die das Kind ihnen schenkt, nicht zu erhöhen.

Stichwort Vorbildfunktion: Können Eltern darauf verweisen, dass sie halt erwachsen sind und deshalb am Handy kleben dürfen?
Schon in jungen Jahren imitieren Kinder die Menschen in ihrem Umfeld und suchen nach Bezugspersonen, die sie als Vorbild nehmen können. Gerade in den ersten zehn Jahren ist der Einfluss der Eltern erheblich. Es ist wichtig, dass sich die Eltern dessen bewusst sind. Aber wenn sie selbst nicht vorbildlich sind oder das technische Know-how ihrer Kinder über das der Eltern hinausgeht, sollte sie dies nicht daran hindern, ihre pädagogische Rolle trotzdem wahrzunehmen. Ihre Lebenserfahrung erlaubt es ihnen, beim Beurteilen von Inhalten oder der Bewertung ihrer sozialen Folgen einen Schritt voraus zu sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2018, 15:44 Uhr

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Liliane Galley

Liliane Galley ist Projektleiterin bei der nationalen Plattform Jugend und Medien. Diese verfolgt im Auftrag des Bundesrats das Ziel, dass Kinder und Jugendliche sicher und verantwortungsvoll mit digitalen Medien umgehen. Ausführliche Empfehlungen findet man unter www.jugendundmedien.ch

(Bild: Twitter/galleyliliane)

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